ZEIT ONLINE: Frau Atwood , Ihr literarisches Werk ist relativ politisch. Liegt das daran, dass Sie Kanadierin sind? Einem Klischee nach sind Kanadier politisch gebildeter als Amerikaner.

Atwood: Ich schreibe über Beziehungen und Macht. Aber auch in Amerika gibt es politische Schriftsteller, Toni Morrison , Henry James , Edith Whartons House of Mirth . Viele Science Fiction-Autoren in den fünfziger Jahren waren politisch, weil das eine Möglichkeit war, Joe McCarthy zu kritisieren. Haben Sie mein Stück in der New York Times gelesen?

ZEIT ONLINE: Über die Marsmenschen, denen Sie die USA erklären? Das war umwerfend komisch.

Atwood:  Ich sehe mich in der Tradition von George Orwell oder Aldous Huxley , die Dystopien geschrieben haben. Alle Dystopien sind letztlich politische Kommentare, übrigens auch alle Utopien. Wir fragen uns, ist diese Welt, in der wir leben, gut? Ist sie schlecht? Was meinen wir überhaupt mit gut? Wie wollen wir leben, und wo geht es hin? Denn man schreibt immer über die Gegenwart, auch wenn es um die Zukunft geht, oder die Vergangenheit.

ZEIT ONLINE: Sie sind engagiert in sozialen Medien. Auch eine Utopie, die wahr geworden ist.

Atwood: Ich habe eine Facebook-Seite . Um die kümmert sich mein Verlag. Ein Blog , das ich für mein Buch Das Jahr der Flut angefangen habe. Und ich bin auf Twitter und habe mehr als 300.000 Follower. Als ich angefangen habe zu twittern, gab es übrigens schon zwei Margaret Atwood, davon eine mit meinen Foto. Ich probiere auch gerne Neues aus wie Google +. Wobei, wenn man etwas angefangen hat, kann man nie wieder aufhören. Ich benutze heute sogar Programme wie "Freedom ", die das Internet zeitweise abschalten. Jedenfalls, Twitter ist wie kleine Radiostation. Man kann auf seine Bücher aufmerksam machen, auf andere Autoren, man kann Petitionen versenden, so wurden die Büchereien von Toronto gerettet. Aber es gibt auch die dunkle Seite von Twitter. Leute können verleumdet werden, und manche Twitterer sind unerhört grob, weil sie anonym sind.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie mit Ihren Lesern kommunizieren, läuft das in beide Richtungen?

Atwood: Ja, sie können die Fragen stellen, und ich kann ihnen Fragen stellen. Und es sind nicht nur Leser, sondern auch Wissenschaftler oder Politiker. Es gibt für diesen Austausch auch schon spezielle Software, beispielsweise Idolvine, die Fans und Autoren verbindet.

ZEIT ONLINE: Debattieren Sie mit Lesern über ein alternatives Ende Ihrer Bücher?

Atwood: Nein, aber ich habe gerade Leseranfragen, I‘m Starved For You fortzusetzen. Das ist eine Kurzgeschichte, die bei Amazon als Kindle Single erschienen ist. Geschrieben habe ich sie für Byliner , ein Internetforum, das so etwas, auch investigativen Journalismus, veröffentlicht. Denn Magazine, mit der Ausnahme des New Yorker , haben sich von Kurzgeschichten verabschiedet. Byliner will sie zurückbringen.

ZEIT ONLINE: Amazons Kindle ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die verlegerische Landschaft dramatisch verändert . Vieles davon ist bedrohlich, aber es gibt — Beispiel Kindle Single — auch Chancen. Was überwiegt denn aus Ihrer Sicht?

Atwood: Ich vergleiche die Medienlandschaft gerne mit zwei Dosen, die mit einem Strick verbunden sind. Die Medien sind der Strick, wir sprechen in eine Dose, und an der anderen Dose lauscht jemand. Und wenn sich der Strick, also die Plattform ändert, dann ändert sich auch die Art, wie Autoren produzieren. Wenn es in Russland keine Magazine für Short Stories gegeben hätte, hätte Tschechow keine geschrieben. Ohne Elizabethanisches Theater hätte Shakespeare keine Dramen verfasst. Auch keine Romane; die gab's damals noch nicht. Vielleicht wäre er Metzger geworden. Denn letztlich müssen die Autoren davon leben. Und nicht nur die. Ein Autor ist, sagt ein Sprichwort, wie ein toter Elch; von dem ernähren sich zwei Dutzend andere Lebensformen.

ZEIT ONLINE: Heute ist es einfacher, als Autor auf dem Kindle zu veröffentlichen. Was geschieht mit dem Strick, wenn es bald keine Verlage mehr gibt?