Fernsehserien : Nur noch eine Folge, bitte!

Fernsehserien sind die mediale Droge unserer Zeit. Warum? Dieses Phänomen versucht eine neue, erkenntnisreiche Sachbuchreihe zu ergründen.

"Nur noch eine einzige Folge", heißt es tagelang. Hinterher muss man nachschauen, welches Datum mittlerweile ist. Irgendwo zwischen Romanepos und Überlängenspielfilm verortete Fernsehserien sind die mediale Droge unserer Tage. Dabei erinnert ihr radikal langsames Erzähltempo eher an Marcel Proust als an Dan Brown, ist also ganz und gar unzeitgemäß, wenn es nach den Normen der Kulturindustrie geht.

Der für elitäre Theoriebände berüchtigte Berliner Diaphanes-Verlag hat sich nun des Pop-Phänomens Qualitätsserie angenommen. Mit der Reihe booklet verspricht er nach Selbstauskunft, Lektüre zu den Serien nachzuliefern, die in den DVD-Boxen fehle. Den Anfang machen der Film- und Literaturwissenschaftler Daniel Eschkötter, der The Wire auslotet, der Poptheoriker Diedrich Diederichsen sinniert über The Sopranos , und in einem Band schreibt der Theaterwissenschaftler Simon Rothöhler zu The West Wing .

Glücklicherweise verzichtet man auf die kulturwissenschaftliche Spaßbremse. Es werden eben nicht wie in einem Proseminar Sigmund Freud , Jacques Rancière und Judith Butler auf Pop losgelassen, vielmehr bilden die Serien selbst den Ausgangspunkt der Überlegungen. Etwa überzeugt Diederichsen mit seiner Rekonstruktion des Wahrnehmungsdreiecks Carmela Soprano – Christopher Moltisanti – Dr. Melfi. Eschkötter brilliert mit seiner These, die eigentlichen Protagonisten von The Wire seien keine Menschen, sondern Baltimores Institutionen wie die Projects, die Gewerkschaften, der Hafen, die Zeitung. Rothöhler zeigt The West Wing als eine Aneinanderreihung von Walk-and-Talk -Sequenzen. Dieses dramaturgische Mittel erscheine hier als "Lebensform".

Den Bänden gemeinsam sind wohldosierte weiterführende Fragen, etwa die nach dem Suchtpotential von Serien. Diederichsen spekuliert, dass gerade die selbstbestimmte, langfristige Konsumption per DVD zur Überlistung der Distanz des postmodernen Betrachters führe, der sonst stets auf der Hut sei: "Im Alltag des Fernsehens und am Sonntag des Kinobesuchs haben wir gelernt, uns zu immunisieren – aber nicht dort, wo wir selbst die Bedingungen unseres Konsums bestimmen."

Sucht führt zum Gesetzesbruch

Rothöhler ist weiter. Er weist in seinem Essay zu The West Wing darauf hin, dass die Serien-DVD schlichtweg das Symptom eines mittlerweile anachronistischen "nachholenden Fernsehens" sei, mit dem man versucht habe, die Verzögerung zwischen Amerika und dem Rest der Welt wettzumachen. Mittlerweile könne bei der Konsumption zeitgenössischer Serien eine Rückkehr des Wochenrhythmus festgestellt werden. Über das Internet erreichten sie – mit einem Tag Verspätung – eine globale, allerdings kriminalisierte Zuschauergemeinde . Offensichtlich führt die Sucht nach Serien ebenso wie manch andere geradewegs in den Gesetzesbruch. Zumindest im Fall von The Wire und The Sopranos dürfte das die Identifizierung mit den Protagonisten noch verstärken.

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

wir bekennen

uns als süchtig-da wir diese Sucht bereits vor fünf Jahren erkannt haben, gibt es seit dem kein TV-Gerät mehr bei uns.

Als Suchthilfe nutzen wir das Internet mit den Mediatheken um ggfs. das Eine oder Andere zu schauen.

Es ist traurig wieviele Menschen sich vom TV ihr Leben beeinflussen lassen-unsere These desto mehr TV desto weniger Hirnentwicklung.

Dem möchte ich beipflichten...

und ich kenne mittlerweile einige Menschen, die sich weder die Synchronisationen noch antun wollen noch warten möchten bis irgendwann eine deutsche DVD erscheint.

Ich nutze gern Familienbesuche im Ausland oder berufliche Reisen, um mich einzudecken, denn da bekomme ich, was ich mag und muss nicht auf das träge und meiner Ansicht nach mäßige Angebot in Deutschland warten.

Stimme ebenfalls zu

Ich stimme Ihnen ebenfalls vollkommen zu. Zum einen ist das Zeitmanagement der deutschen Sender einfach katastrophal- wer möchte schon teilweise mehrere Jahre warten, bis eine Serie fortgesetzt wird? Von der Synchronisation brauche ich gar nicht erst anfangen. Ich würde die Serien meiner Wahl gerne im Originalton bei den amerikanischen Sendern direkt sehen, aber leider sind die entsprechenden legalen Seiten für Nutzer, die sich ausserhalb der USA aufhalten gesperrt. Ich hätte definitiv kein Problem damit, Geld dafür zu bezahlen, Serien ohne Zeit -und Qualitätsverlust im Original anzusehen. Aber wo bekomme ich dies schon angeboten?

immer dasselbe

als sich romane ausbreiteten waren die urteile nicht anders.
im endefekt ist dies der passendste vergleich
denn während ein 2h film gerademal den umfang einer kurzgeschichte hatt welche man ebenmal wegliest,
ist die fernsehserie das gegenstück zum roman, die folgen die kapitel und wenn es mehrere bände sind werden es mehrere staffeln.
so bearbeitet währe aus dem herrn der ringe z.b. nicht eine "5 freunde und ein hobit" abenteuer-jugendgeschichte auf blyton-nivau geworden (aber die bilder waren hübsch).

je länger desto besser

Prinzipiell stimme ich Ihnen zu. Ihrer These "schnelle Schnitte hätten die Folge, dass viele dem Geschehen nicht folgen können" möchte ich aber mit der Frage widersprechen "haben sie schon einmal The Wire geguckt?"
Ich habe drei durchläufe gebraucht um alle Handlungsstränge durchdringen zu können.
Bei dieser Serie liegt das daran, dass es einfach so viele gibt. So gibt es hier keine 2-3 Hauptcharaktäre und einen haufen Nebendarsteller, sondern vielmehr nur die Menschen in Baltimore, die auf die eine oder andere Art und Weise von dem Drogenkrieg betroffen sind. Jeder bis ins kleinste Detail gezeigt und charakterisiert.
Und gerade das macht für mich die Serie aus und ist der Grund warum ich sie immer wieder schauen kann.
Meiner Meinung nach wird ein Film oder eine Serie nur besser je detaillierter alles beschrieben wird und je länger er dann ist.
Zwischenzeitlich gucke ich auch viele andere Serien, würde mich deswegen aber nicht als Seriensüchtig sondern eher als Qualitätssüchtig beschreiben.

wobei

das suget der serie völlig egal ist
die mechanismen die kinder und jugendliche mit der taschenlampe unter der bettdecke lesen lassen basieren einfach auf dem immer weiter laufen der geschichten und das wiedertreffen der helden.
bei den serien greift das seit man die ebene des "crime/monster/patient/planet/couple of the week" verlassen hatt
also ca seit ende 70er anfang 80er des 20jh (wobei es schon vorwegnahmen gab).
das die produktionsfirmen dies langsam verstehen ist gut
das publikum war schon damals darauf vorbereitet
ich rufe vhs-sammlungen als kronzeuge auf