Rechte von Autoren : Lassen Sie mich durch, ich bin Urheber!
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Arroganz, Inkonsequenz und Angst

Doch es ist nicht nur Angst, die die Autorinnen und Autoren zur Unterschrift treibt. Ein zweites Motiv ist verletzte Eitelkeit und Statusangst! Denn in der Tat gibt es – vorsichtig formuliert – "Anhänger der Piraten", die Kunst als Freizeit- und Nebenbeschäftigung abtun. Eine erschreckende Herabwürdigung der Leistungen von Künstlern. Unter einem Beitrag zum Thema lese ich im Web, dass jemand freimütig zugibt, von diesen ganzen über 1.000 Unterzeichnern nur zwei oder drei Namen zu kennen. (Nebenbei: Und wieder gewährt diese Äußerung einen Blick auf das eigentliche Problem der Buchbranche.)

In den 16 Jahren, die ich das literaturcafe.de betreibe, hatte ich es mit unzähligen Menschen zu tun, die davon träumen, Schriftsteller zu sein. Und "Schriftsteller sein" heißt für diese Menschen, auch davon leben zu können. In der Villa auf Mallorca vor dem Notebook sitzen, aufs Meer schauen und den neuen Roman tippen, auf den Verlag und Leser bereits sehnsüchtig warten.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Obwohl es im "Wir sind die Urheber"-Text heißt, dass es "das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler und Autoren von unserer Arbeit leben können", gilt dies nur für einen ganz kleinen Teil der Unterzeichner. Man könnte es eine Lüge nennen, aber das wäre zu hart. Es ist eher wieder so eine "Ja, aber"-Aussage.

Nirgendwo gibt es so viele Preise, Förderungen und Stipendien wie im Literaturbetrieb. Das steht nicht im Urheberrechtstext, aber das sichert tatsächlich einigen Autoren das (Über-)Leben. Viele Autoren schreiben nebenher noch für Rundfunk- und Fernsehen und profitieren von GEZ-Gebühren, und dann gibt es noch die VG-Wort-Ausschüttung, die sich unter anderem aus Abgaben auf CD-Rohlingen, Handys und Drucker speist. Die Kultur-Flatrate ist bereits unter uns. Darüber hinaus haben viele Autoren einen Brotjob, der mit Kunst rein gar nichts zu tun hat. Ist Schreiben also doch ein Hobby?

Nein, bekommt man dann zu hören, Schreiben sei Berufung. Man müsse einfach, man könne nicht anders. Bei solchen Aussagen schwingt immer mit: "Und das werden die ganzen Trottel vor ihren Computern nicht kapieren, wenn sie unsere Werke achtlos und ohne Würde kopieren!" Denn die Aussage "Wir sind die Urheber" grenzt ab und lässt ein arrogantes "und ihr nicht!" mitschwingen. Doch Arroganz, Inkonsequenz und Angst sind schlechte Ratgeber, wenn es darum geht, das Urheberrecht zu stärken, ohne die Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren.

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Kommentare

76 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Mitlesen - Mithören - Mitsehen

Der Kampf von Autoren, Musikern und Filmemachern für eine Stärkung des Urheberrechts ist ein Kampf gegen Windmühlen. Die Technik wird ihnen immer einen Schritt voraus sein. Daher sollten sich jene, die sich für eine Stärkung einsetzen fragen, ob ihr Augenmerk nicht in eine verkehrte Richtung zeigt?

Vielleicht schaffen sie es die Weitergabe zu unterbinden. Dann rufen sie aber bestimmt aus den Reihen der unzufriedenen User jene Programmierer auf den Plan, die auch hierfür wieder eine Tür öffnen. Bestimmt überlegen schon einige, ob das mitlesen, mithören und mitsehen nicht jene Tür ist?

Schon im Zeitalter der Schallplatte war es nicht verboten, beim Freund, oder einem Bekannten seine Platten anzuhören. Das Internet macht es nun möglich, dass sich jene beiden nicht in unmittelbarer Nähe befinden müssen. Man stelle sich ein Programm vor, welches über das Internet es ermöglicht, Musik von einem anderen Rechner zu hören. Ob hier das Urheberrecht angewendet werden kann, ist fraglich, denn es findet kein Austausch von Daten statt. Es wird einfach eine Datei gestartet. Und heute ist jedem klar, dass fast alles, was gestreamt wird, auch aufgezeichnet werden kann.

Und was für die Musik zählt, trifft nicht minder beim Buch und Film zu. Mit Facebook haben mir ein Netz im Netz. Eine Verbindung, die es ermöglicht, bei effektiver Nutzung, den direkten Austausch unnötig zu machen. Auch das Cloudcomputing zielt darauf ab, dass Daten nicht mehr ausgetauscht, sondern nur noch abgerufen werden.

Wir sind Piraten?

Die Debatte über das Urheberrecht ist nunmehr Hysterie und Aktionismus auf beiden Seiten gewichen. Die Verhältnismäßigkeit wird in keinem Lager mehr beachtet.
WIR - die Masse Nicht-Urheber und Nicht-Hacker - wünscht sich Vernunft, Kompromiss-Bereitschaft und endlich eine Lösung, damit der Unfug (YouTube-Sperren etc.) hierzulande ein Ende findet. WIR versprechen gerne, nicht Eure Bücher, nicht Eure Musik-Werke, keine Tatort-Folgen mit russischen Untertiteln (...) auf unsere PCs zu 'saugen', sondern weiterhin das zu tun, was die große Masse schon immer getan hat: Wir kaufen Bücher im Laden oder bei Amazon, wir kaufen Musik bei ITunes und wir schauen uns den Tatort weiterhin in der ARD an.

WIR sind nicht URHEBER und nicht ANONYMUS.

Diesen Satz ...

... verstehe ich nicht
"Darüber hinaus haben viele Autoren einen Brotjob, der mit Kunst rein gar nichts zu tun hat. Ist Schreiben also doch ein Hobby?"
Genauer verstehe ich nicht, was er zu einer Diskussion über das Für und Wider des Urheberrechts in Zeiten der allseits verfügbaren Digitalkopie beiträgt.
Diese Verfügbarkeit gefährdet gängige Geschäftsmodelle in der Verwertung von digitalisierbaren Produkten. Ob schreiben ein Beruf oder ein Hobby ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Ist das, was dabei herauskommt, so gut, dass es erst einen Agenten, dann einen Lektor, dann einen Verlag, danach möglichst viele Buchhändler und schließlich die Leser überzeugt, fließt Geld. In die Kasse des Verlags und in die Taschen des Hobby- oder Berufsautors.
Findet letzters irgendjemand anstößig?
Manchmal habe ich den Eindruck, diejenigen, die geneigt sind, die Frage mit Ja zu beantworten, das sind vor allem, die, deren schriftstellerischen (wahlweise musikalischen etc.) Versuche leider nicht so gut sind, dass sie in der oben genannten Überzeugungskette bestehen (dazu gibt es übrigens in der aktuellen ZEIT ein sehr schönes Interview mit einem Piraten-Musiker, der an deren Urheberrechts-Entwurf mitgearbeitet hat).

Das bezieht sich auf

"das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler und Autoren von unserer Arbeit leben können". Sofern Stipendien und Brotjobs Realität sind, ist eben sehr die Frage, wie wieviele Urheber vom Urheberrecht in der heutigen Form tatsächlich hinreichend profitieren? Antwort: keinesfalls sonderlich viele. Schützenswert erscheint es ja vor allem denjenigen, die davon am meisten profitieren - und die vorallem haben wohl den Aufruf unterzeichnet....

Dieser Satz gibt das oft gehörte Argument wider, dass nur das Urheberrecht das Überleben des Urhebers sicherstellt. Im Kontext der Diskussion wird das fast meist in dem Zusammenhang erwähnt, dass ohne Urheberrecht ein Urheber verhungern würde und man deswegen das aktuelle Urheberrecht auf keinen Fall verändern dürfe.

In anderen Worten, es wird als Totschlagargument verwendet. Den Text finde ich insofern sehr gelungen, als er solche impliziten Halbsätze schön aufzeigt, und zwar beileibe nicht einseitig, sondern auf beide Richtungen.

Der Autor bringt einen wichtigen Punkt in die Diskussion ein, nämlich die Antwort auf die Frage, wovon Urheber heutzutage leben. Und anscheinend ist es doch nicht nur der Verkauf von Büchern, von dem wohl nur ein kleiner Prozentsatz leben kann, sondern tatsächlich eine Förderung über Stipendien und einer Art von Pauschalabgeltung.

Streng formal gesehen hat das natürlich wenig mit dem Urheberrecht an sich zu tun, aber es relativiert die Begründung des Urheberrechts als die einzig mögliche Einnahmequelle eines Urhebers. Die Diskussion verläuft vor diesem Wissen ein wenig anders, vermutlich sogar weniger extremistisch weil die eine Seite nicht mehr das Verhungern der Urheber vorschieben kann worauf die andere Seite nur mehr zynisch reagieren konnte.

Merke: die meisten Landwirte sind Nebenerwerbslandwirte mit ganz normalen Jobs. Dennoch stellen sie in der Freizeit das für unser Überleben unabdingbare Essen her. Sollte es bei Urhebern anders sein?

Vom Urheberrecht profitiert ...

... jeder, der etwas veröffentlichen will. Gäbe es kein Urheberrecht, liefe ein Autor in dem von mir geschilderten Überzeugungsprozess jederzeit Gefahr, sein Produkt "zu verlieren". Irgendjemand in der Kette nimmt es einfach und verwertet es zu seinen eigenen Gunsten. Wehren kann sich ein Autor dagegen nur auf Grundlage des Urheberrechts.

Im übrigen geht es nicht nur um Geld. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Lied komponiert, produziert und sind damit berühmt geworden. Die NPD findet es auch ganz toll, spielt es auf jeder ihrer Wahlkampfveranstaltungen und unterlegt damit jeden Werbespot. Ich kenne Ihre politische Orientierung nicht, gehe aber davon aus, dass Sie das nicht gut fänden. Wollen Sie sich dagegen wehren? Na, dann sind wir doch einer Meinung:

Gut das es das Urheberrecht gibt!

Alle Protagonisten der Kultur sind Urheber,

zweifellos. Weshalb tatsächlich keiner, der sich dessen bewußt ist, die bürgerliche Errungenschaft des Urheberechts abschaffen will.
Im meinem vorherigen Post (26) hatte ich an Beispielen verdeutlicht, welche Richtung die Entwicklung nehmen könnte. Alle Technik ist menschengemacht. Wenn Technik geschaffen wird, welche das bisherige Urheberecht obsolet werden läßt, ist eine Rechtsreform notwendig, die Nutzen und Lasten der neuen Technik gerecht verteilt.
Ein Festhalten am Alten wäre nur denkbar, wenn man die technische Entwicklung rückgängig machen oder aufhalten könnte. Auch dies wäre nicht unmöglich - setzte aber eine völlige Kehrtwendung des Erkenntnisinteresses und der Forschungsrichtung bei Wissenschaftlern und Technikern voraus, die doch ohne ebenso radikalen gesellschaftlichen Wandel nicht zu haben sein werden.
Deshalb erscheint es mir sinnvoll, die Urheber zwar zu stärken (s. Post 26), aber die Verwerter überflüssig zu machen.
Es ist richtig, daß dann konzerngehypte "Welterfolge" wie der von Madonna in der bekannten Form nicht mehr möglich wären. Aber wäre das ein Verlust? Den Untergang künstlerischen Schaffens bedeutete es jedenfalls nicht. Das Internet garantierte schnelle Verbreitung der Kunstwerke, welche "populär" sind - nur ohne die Werbemacht der Konzerne. Weniger "populäre" Künstler hätten aber auch eine größere Chance. Der Kunstgeschmack würde sich differenzieren, heute als "abseitig" Geltendes hätte dann die Chance größerer Verbreitung.

Was man immer wieder vergisst!

Die "erfolgreichen Urheber oder Künstler" leben nicht von den Urheberechten, sondern vom Marketing.

Einfach mal den Katalog möglicher Einnahmenquelle:
(nicht abschließend)
Lesungen
Auftritte in Talkshows
Auftritte in Literatursendugen.
Bei Kinderbüchern Merchandizing.
Eigene TV-Sendungen,
Werbe-Kampagnien, etc..

Gut Wenn mehr als Ein Buch floppt, dann wird der "autor" aquch wieder uninteressanter, nur ein Buch "floppt" nicht wegben Downloads, sondern weil es "schlecht" ist.

Einerseits an "modernen" Formaten partizipieren sie aber...

gleichzeitg verdammen. Sehr kluk (sic!). Durch die neumodische Entwicklung des Internetz müssen natürlich auch viele Geschäftsmodelle schlagartig umentwickelt werden. Wer hätte vor einem halben Jahr auch gedacht dasss auf einmal das ganze Distributionsmodell umgestaltet werden muss.

Ironie beiseite, falls irgendwann einmal die Verlage/Rechteverwerter im Heute angekommen sein sollten, können auch sie am Heute entsprechend gewinnen, vorher können sie nur gegen Windwühlen kämpfen und verlieren.

Acta/Pipa/etc, sind zum scheitern verurteilt. So oder so...