Wie soll man das lesen? Knapp 900 dichtbedruckte Seiten, angeliefert in einem Karton , ungebunden, nicht fortlaufend paginiert. Soll man das lesen?

"Francis Nenik: XO" steht auf dem Karton – und in weißer Schrift noch sehr klein, was auf den Seiten im Inneren des Kartons zu lesen sein wird: "Durcheinanderzentriertes Gefabel", eine "Heimatloseblattsammlung". Da ist eindeutig der unbedingte Wille zur Avantgarde am Werk, vielleicht ist es ja ein Post-Buch, dieses XO ?

Den klassischen Textkörper hat Nenik jedenfalls aufgehoben, zugunsten einer freien Kombinatorik. Es soll vermutlich auch gar nicht in einer festen Blattreihenfolge bewältigt werden. Ist der Karton erst einmal weg, kann man es kreuz und quer lesen; mal eine Seite von oben, dann eine von hinten, danach eine aus der Mitte. Jeder Leser könnte eine andere Seitenauswahl treffen und so läse auch jeder ein anderes Werk.

Ständig wechselnde Protagonisten

Worum es in XO eigentlich geht, ist schwierig zu sagen, um alles und nichts. Um eine Gruppe aus derben Zechern, die über das Leben philosophieren. Um Albert, den Lehrer, der einen Brief an die Eltern seiner Schüler schreibt, um Charlotte Apitius-Quilting und ihre merkwürdige Leihbücherei. Lauter Geschichten oder Dramen mit Figurenrede aus einem Alltag, der nicht von unserer Welt stammt – zumindest stammt die Sprache nicht aus unserer Zeit. Manchmal glaubt man sich im Barock, was die Worte, besonders aber, was Sitten und Gebräuche angeht. Einen schönen roten Faden hat dieses Werk nicht, der würde sich beim kreuz und quer lesen ja auch nur verknoten.

Der Inhalt gliedert sich in Episoden, mal fünf, mal 20 Seiten lang. Nach jeder Episode wechseln die Protagonisten, der Erzählstil, die Sprache, das Genre. Und die Seitenzählung beginnt wieder bei eins.

"Die Nasenspitze knorpeltief eingedrückt und die Haare wie zum Schutz vor die Stirn und auf eine feinste Schicht nie ganz trocken werdenden Fettes an eine Scheibe geklebt, über der geschichtsträchtige Schwaden schalen Bieres auf- und niederwabern, die sich, soeben noch halboffenen, erwartungsvoll lallenden Mündern entstiegen, trotz allem schon einige Ewigkeiten vor ihm hier festgesetzt und einen eigenen Strang der Tradition begründet haben, so starr und steif und seltsam hängt der von allen ohne Angabe auch nur der abwegigsten Gründe bloß Nepomuk Genannte hinter einem kleinen Fenster in der Ecke des Hofes fest, (...)".