Buch "XO"Fröhliches Gefabel auf heimatlosen Blättern

In Francis Neniks "XO" geht's drunter und drüber: barocke Sprachgewalt und avantgardistischer Formwille. Und sogar die Buchseiten sollen nicht an ihrem Platz bleiben. von 

Kartonumschlag von Francis Neniks Roman "XO"

Kartonumschlag von Francis Neniks Roman "XO"  |  CC BY-SA punkzebra

Wie soll man das lesen? Knapp 900 dichtbedruckte Seiten, angeliefert in einem Karton , ungebunden, nicht fortlaufend paginiert. Soll man das lesen?

"Francis Nenik: XO" steht auf dem Karton – und in weißer Schrift noch sehr klein, was auf den Seiten im Inneren des Kartons zu lesen sein wird: "Durcheinanderzentriertes Gefabel", eine "Heimatloseblattsammlung". Da ist eindeutig der unbedingte Wille zur Avantgarde am Werk, vielleicht ist es ja ein Post-Buch, dieses XO ?

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Den klassischen Textkörper hat Nenik jedenfalls aufgehoben, zugunsten einer freien Kombinatorik. Es soll vermutlich auch gar nicht in einer festen Blattreihenfolge bewältigt werden. Ist der Karton erst einmal weg, kann man es kreuz und quer lesen; mal eine Seite von oben, dann eine von hinten, danach eine aus der Mitte. Jeder Leser könnte eine andere Seitenauswahl treffen und so läse auch jeder ein anderes Werk.

Ständig wechselnde Protagonisten

Worum es in XO eigentlich geht, ist schwierig zu sagen, um alles und nichts. Um eine Gruppe aus derben Zechern, die über das Leben philosophieren. Um Albert, den Lehrer, der einen Brief an die Eltern seiner Schüler schreibt, um Charlotte Apitius-Quilting und ihre merkwürdige Leihbücherei. Lauter Geschichten oder Dramen mit Figurenrede aus einem Alltag, der nicht von unserer Welt stammt – zumindest stammt die Sprache nicht aus unserer Zeit. Manchmal glaubt man sich im Barock, was die Worte, besonders aber, was Sitten und Gebräuche angeht. Einen schönen roten Faden hat dieses Werk nicht, der würde sich beim kreuz und quer lesen ja auch nur verknoten.

Der Inhalt gliedert sich in Episoden, mal fünf, mal 20 Seiten lang. Nach jeder Episode wechseln die Protagonisten, der Erzählstil, die Sprache, das Genre. Und die Seitenzählung beginnt wieder bei eins.

853 lose Blätter: Francis Neniks Roman "XO"

853 lose Blätter: Francis Neniks Roman "XO"  |  CC BY-SA punkzebra

"Die Nasenspitze knorpeltief eingedrückt und die Haare wie zum Schutz vor die Stirn und auf eine feinste Schicht nie ganz trocken werdenden Fettes an eine Scheibe geklebt, über der geschichtsträchtige Schwaden schalen Bieres auf- und niederwabern, die sich, soeben noch halboffenen, erwartungsvoll lallenden Mündern entstiegen, trotz allem schon einige Ewigkeiten vor ihm hier festgesetzt und einen eigenen Strang der Tradition begründet haben, so starr und steif und seltsam hängt der von allen ohne Angabe auch nur der abwegigsten Gründe bloß Nepomuk Genannte hinter einem kleinen Fenster in der Ecke des Hofes fest, (...)".

Wer diesen Satz, es ist der allererste, nicht schafft, der sollte es mit diesem Buch erst gar nicht versuchen. Eine geradezu barocke Liebe des Autors zum Substantiv trifft auf einen fast naturalistischen Beschreibungswahn, der sich in Kaskaden von Partizipien manifestiert: werdend, habend, lallend und sofort.

Das ist nicht einfach zu verfolgen, aber sprachgewaltig. Vor allem, weil das munter auf-, ab- und austretende Personal in den verschiedensten Registern spricht. Bertschie Bückling zum Beispiel schreibt 'Composition' echt wilhelminisch mit c. Mit 'Composition' bezeichnet er seinen Entwurf zu einer Brücke. Die will er bauen, weil er bei seiner Geburt in den Fluss fiel und seit er denken kann, will er dieses frühkindliche Trauma besiegen. Solcherart sind die Episoden: lustig bis grotesk, nicht unmittelbar sinnvoll, aber immer mit Raum für große Interpretation.

Den Leser herausfordern? Schön und gut

Vor allem in Sachen Sprachspiel ist dieses Buch stark. Alle paar Seiten findet sich eine wirkliche Perle. Allerdings überinstrumentiert Nink manchmal. Dann, wenn er Metaphern wörtlich nimmt und eine Figur beispielsweise darüber nachsinnen lässt, ob sich der sogenannte Lebensfunke im toten Pastor per Streichhholz entzünden ließe.

Der Erzähler dieses Texts gibt sich natürlich als unzuverlässiger zu erkennen, indem er häufiger mal sagt, er wisse das alles jetzt auch nicht so genau. Man glaubt ihm das.

Vielleicht hätte man ja einen Band (ist aber semantisch mit 'gebunden' verwandt) mit Erzählungen herstellen können anstatt dieses Papierstapels? Den Leser herausfordern, gut und schön, aber was in Sachen Inhalt und Stil schon – zu Recht – anstrengt, das braucht doch keine Schachtel, um zu überzeugen?

Man kann es auch umsonst im Netz bekommen , der Autor wollte es so: "Dass wir – im Rahmen unserer je eigenen Möglichkeiten – etwas tun gegen die überkommenen Modelle von Ökonomie, Kunst und Politik, dass wir etwas tun gegen die Selbstgefälligkeiten und die Konzentration von Macht und Kapital in den Händen weniger."

In gewisser Weise hat das PDF sogar einen Vorteil: Es kann nicht runterfallen und durcheinander geraten, es kann nicht weggeweht werden. Das PDF ist näher am klassischen Buch als diese kiloschwere Loseblattsammlung, die man immer im Karton umhertragen muss.

Ironischerweise wird man bei der digitalen Form zum konservativeren Leser.
 

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Leserkommentare
    • hairy
    • 26. Juni 2012 14:57 Uhr

    ob das mit den losen Blaettern was bringt. Ich glaube eher nicht. Es ist nur eine Pseudofreiheit, "Raum für große Interpretation" ist kein Wert 'an sich', nur Wissenschaftler werden wohl ein paar Kombinationen probieren, und dass der Leser literarische Gehalte immer mitschafft, ist ein sehr alter Hut (siehe zB Jan Mukařovský und spaeter die sog. Rezeptionsaesthetik...).

    Sprachlich finde ichs, bei kurzem Hineinlesen, stellenweise ganz gut, aber die Ich-weiss-nicht-so-genau-Hinweise sind eher peinlich, die Stilwechselidee erinnert sehr an den Ulysses, und ich meine, dass die starke Ironisierungstedenz in der "postmodernen" Literatur auch laengst kanonisiert ist.

  1. Hat Peer Hultberg mit seinem Requiem schon in strapaziöser Form gebracht. Soweit der erste Eindruck. Und was denkt der, der es gelesen hat?

  2. ...ist das nicht, nur größer. In meiner Studentenzeit habe ich ein Theaterstück so geschrieben (Endmoräne des offenen Dramas), und mir fallen noch ein zwei Bücher ein, die dergestalt "offen" sind.

  3. ... ich habe das Buch gelesen und die lose Blattform ist angemessen für den Inhalt. Der Roman soll zu Boden fallen und durcheinander gelesen werden. @SchwarzerRegen Ob in der Literatur die großen Innovationen notwendig sind, ist fragwürdig. Geschichten funktionieren seit tausenden Jahren nach dem gleichen Strickmuster, das in sofern nur in seiner künstlerischen Machtart variiert wird. Ich kann XO jedem empfehlen, wirklich!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Unbestreitbar muß nicht jedesmal die große Umwälzung herauskommen - daß allerdings dieser Ansatz des (bestimmt lesenswerten) Textes ein vollkommen neuer, niegedachter etc. ist, das bestreite ich.

  4. Unbestreitbar muß nicht jedesmal die große Umwälzung herauskommen - daß allerdings dieser Ansatz des (bestimmt lesenswerten) Textes ein vollkommen neuer, niegedachter etc. ist, das bestreite ich.

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  • Schlagworte Avantgarde | Barock | Genre | Trauma | Ökonomie
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