Schuldenkrise? "Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwii Ee." Rettungsschirm? "Oooooooooooooooooooooooo, dll rrrrr beeeee b, dll rrrrr beeeee bö fümms bö." Griechenland und der Euro? "Rinnzekete bee bee nnz krr müü?" Wer sich vom Zustand der europäischen Währungsunion deprimieren lässt, hat vielleicht nur die falsche Einstellung.

Kurt Schwitters hatte die richtige. An seiner Ursonate , aus der obige Zitate stammen, arbeitet Schwitters neun Jahre lang, während um ihn die Welt in ihrer schlimmsten Wirtschaftskrise versinkt, Rechtsradikale und Kommunisten sich Straßenschlachten liefern und ein gewisser Adolf Hitler Reden hält, die der Ursonate vom Klang her gar nicht so unähnlich sind.

Dada entsteht in der künstlerischen Ursuppe zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der wir von Kub- über Futur- bis Expression- so viele Ismen verdanken. Die 1916 geborene Nonsens-Kunst will kein weiterer Ismus sein: Sie steht unter dem Eindruck der vehement vorgetragenen Ideologien der Moderne und entwickelt sich unter dem Kanonendonner ihrer bis dahin schlimmsten Fortsetzung mit gewaltsamen Mitteln, des Ersten Weltkriegs. Die Ablehnung aller Autoritäten, die Verhohnepipelung von Disziplin und Moral und die Apotheose des Individuums bilden ihren Kern.

Dann kommen die Goldenen Zwanziger dazwischen, der kurze Sommer des ungezügelten Hedonismus, eine nur fünf Jahre lange "Dekade" zwischen Nachkriegsleid und dem Börsencrash von 1929. In der beschwingten Zeit der Großen Gatsbys tritt die ernste Albernheit in den Hintergrund. Die Folgen sind bekannt: NS-Diktatur, Zweiter Weltkrieg, Teilung Deutschlands etc. pp. oder "zee tee wee bee", wie es bei Schwitters heißt.

Schwitters , am 20. Juni 1887 geboren und damit gerade runde 125 Jahre alt, hält mit den Zürcher Dada-Gründervätern um Hans Arp , Hugo Ball und Richard Huelsenbeck freundlichen Kontakt, doch der Hannoveraner erfindet seine eigene Richtung. "Merz" nennt er sie – eine Buchstabenfolge, die er aus einer Reklame für die Commerzbank-Vorgängerin Commerz- und Privatbank ausschneidet.

Die Collage, vornehmste Technik des Dada , treibt Schwitters auf die Spitze, er ist der erste wahre crossmediale Künstler, ein Materialvernetzer, der am Internet seine helle Freude hätte. In seinem Haus entsteht der "Merzbau" , eine Installation avant la lettre mit geometrischen Höhlen, in denen assoziationsreiche Artefakte liegen wie ein Fläschchen Urin und eine Zigarettenkippe von Hans Arp.

Schwitters schnipselt und klebt , baut, malt , komponiert, schreibt, trägt vor, dichtet, redet. Wie in einen Trichter laufen die Krisen seiner Zeit in ihn hinein, und er verarbeitet sie in seinem künstlerischen Mahlwerk zu Merz. Auch die ökonomischen Be- und Empfindlichkeiten seiner Zeitgenossen : "Legen Sie Ihr Geld in dada an! dada ist die einzige Sparkasse, die in der Ewigkeit Zins zahlt. (…) dada verdoppelt Ihre Einnahmen. dada ist der geheime Schleichhandel und schützt gegen Geldentwertung und Unterernährung."

Kurt Schwitters hat ein Rezept gegen alle ökonomischen Krisen: kreativen Nonsens, den Rückgriff auf die archaische Energie von Buchstabenfolgen und Klängen, auf die ambivalente Assoziation – "Merz", das ist Herz, Scherz, März, Frühlingsanfang, Aufbruch, alles wird gut, oder doch Schmerz und ausgemerzt? Kommerz sowieso, der Sozialdemokrat Schwitters kennt sich aus, lebt er doch weniger von seiner Kunst als von den Mieteinnahmen aus vier ererbten Häusern und typografischen Arbeiten etwa für Bahlsen-Kekse und den Schreibwarenhersteller Pelikan .

Die Kraft der Schwitterschen Lautgedichte pfeifen die Stare von den Dächern. Auf der kleinen norwegischen Insel Hjertøya verbringt Schwitters viele Sommer, 1937 wandert der als "entartet" verfemte Künstler hierhin aus. Die Vögel hier lauschen ihm Teile der Ursonate ab – so die kühne These des merzhaften Schwitters-Nachfahren Wolfgang Müller . Dass der Dada-Punk in den 1990ern umgehend Ärger mit dem Verlag bekommt, der über die Rechte an Schwitters' Werken wacht, zeigt die anhaltend subversive Kraft der Merz-Kunst.

Für den Beitrag, den Dada und Merz zur ökonomischen Debatte leisten können, sind die Finanzkrisengeschüttelten blind. Eine Analyse von Deutsche Bank Research unter dem Titel Doha oder Dada – Die Welthandelsordnung am Scheideweg reduziert letzteren Begriff auf "Erosion und spontane Disorganisation", auf ein drohendes Chaos also, vor dem es die Weltwirtschaft durch ein neues Regelwerk (das Doha-Abkommen) zu retten gelte.

Es ist auch besser so: Kunst gehört nicht in die Hände der Herrschenden, die Macht des unverständlichen Wortes ist die Notwehr der Beherrschten. Das wusste auch Charlie Chaplin als Großer Diktator Adenoid Hynkel : "Ay the straff mit hulten sect. De Wienerschnitzel mit der lagerbeer und der sour kraut." Und vor allem: "Democratzy schtonk! Liberty schtonk! Free sprechen schtonk!"

Ernst ist das Leben, heiter die Kunst, sagt Schiller – aber wir wissen dank Künstlern wie Schwitters und Chaplin , was der Klassiker noch nicht wusste: Das Leben ist Kunst, also ist noch nichts verloren. Alles ist heiter. Alles ist "Dedesnn nn rrrrr, Ii Ee, mpiff tillff toooo, tillll, Jüü-Kaa". Nur: wie heißt das auf Griechisch?