Jetzt, da das Fußballsymbol auch den letzten sauberen Winkel des städtischen Raumes erobert hat und auf allem klebt, vom Brot über französische Käsepackungen bis hin zu Weinetiketten, Kefir, Deodorants, Eintrittskarten zum Nationalmuseum und Bankreklame, da Fußbälle Papierkörbe, Litfaßsäulen, Häuserwände zieren und Friseursalons fußballinspirierte Frisuren anbieten, der schreckliche Liedvirus Koko Euro spoko das Hirngewebe unbeteiligter Opfer befällt und offenbar auch bei dem Versuch einer Entfernung durch hochprozentigen Alkohol eher das Hirngewebe selbst verschwindet als dieses Lied...

Da Warschau, an normalen Tagen eine unruhige, flaneurfeindliche Stadt, zerfressen vom Workaholicfieber, von Hetze und Wirrsal, in den letzten Monaten zudem aufgerissen und ausgeweidet, Gegenstand von hysterischen Liftings, Baleage und Schönheitsoperationen, da Warschau sich leicht skeptisch in sein Schicksal fügt, ermattet, flaniert und sich innerlich auf das Schlimmste eingestellt hat...

Da überall Flaggen hängen und in Geschäften und Kiosken neben den Präservativen, Kopfschmerztabletten und sonstigen Gebrauchsartikeln Gesichtsmalstifte dominieren, da die Seejungfer von Warschau statt des Schwertes eine gelbe Karte zückt, das Denkmal Frédéric Chopins die Turnschuhe schnürt und Kopernikus den Fußball in den Händen dreht...

Da die Werbeagenturen alle erdenklichen Konfigurationen, Kombinationen und Redewendungen durchprobiert haben, die ihnen zum Fußball einfielen, da einzig und allein die Friedhöfe noch unberührt sind von der Fußballsymbolik, denn bei den geistlichen Räumen bin ich mir nicht sicher...

Jetzt also kann auch ein am Thema derart uninteressiertes, gegen solche Gefühlswallungen gefeites Individuum wie ich, die es unendlich viel lieber hätte, wenn ihr Steuergeld für nützlichere, dringendere und konstruktive Zwecke ausgegeben würde, nicht mehr die Augen davor verschließen, dass es soweit ist.

Aufgestanden aus den unergründlichen Finsternissen der Zukunft, ist es Materie geworden, es ist bei uns. Das mythische Jahr 2012, seit vier Jahren unaufhaltsam im Anmarsch, ist Wirklichkeit geworden. Die Europameisterschaft hat begonnen.

Auch wenn ich nicht verhehle, dass ihr Nichtbeginn mich nicht besonders treffen würde. Und auch wenn es ein angenehmer Anblick ist, in dieser dezent touristenfeindlichen, abstoßenden Stadt, deren Zauber langsam wirkt und die man nur mit Mühe lieben lernt, plötzlich so viele herumschlendernde, Piroggen essende Ausländer zu sehen, so werde ich dennoch die Stadt ohne Bedauern verlassen. Denn zur Zeit ist dies kein Land für Menschen, die, gelinde gesagt, keine Fußballfans sind.

Aus dem Polnischen übersetzt von Olaf Kühl