Am Donnerstagabend, am Abend vor ihrer Lesung bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur, stand Olga Martynova beim Empfang des Bürgermeisters der Stadt Klagenfurt und wirkte kein bisschen nervös. Das sei sie auch nicht, sagte sie. Inmitten des Literaturbetriebsgewirbels, das sich einmal im Jahr in Klagenfurt so unmittelbar abbildet wie sonst nirgendwo; zwischen aufgeregten Jungautoren, Lektoren, Verlegern und diskutierenden Kritikern, erschien Martynova gelöst, beinahe erwartungsfroh.

Ein Eindruck, der durchaus nicht täuschte. Und dann erzählt Martynova, die 1962 im sibirischen Dudinka geboren wurde und 1991 nach Deutschland kam, wie sie, die seinerzeit so gut wie kein Deutsch sprach, zum ersten Mal den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im Fernsehen anschaute. "Ich konnte", so sagt sie es heute, "einerseits nicht glauben, dass Schriftsteller freiwillig bei so etwas mitmachen, sich freiwillig diese öffentliche Kritik antun." Und gleichzeitig dachte sie sich: "Da will ich auch hin."

21 Jahre später war Martynova da. Und sie hat den mit 25.000 Euro dotierten Bachmannpreis gewonnen, mit ihrem Beitrag Ich werde sagen: Hi! , einem Text, der sich von dem ihrer Mitbewerber vor allem durch die absolut sichere Beherrschung der künstlerischen Mittel, der Sprache, der Motive, der Zeitebenen abhob, aber auch durch seinen intelligenten Witz, seine überraschenden Formulierungen und ein dezent eingearbeitetes kulturelles Wissen.

Eigentlich, so Martynova scherzhaft, sei sie nicht eine der älteren, sondern die jüngste deutschsprachige Autorin im Teilnehmerfeld – "immerhin schreibe ich erst seit 14 Jahren auf Deutsch". Der Siegerbeitrag ist ein Auszug aus ihrem zweiten Roman Mörikes Schlüsselbein , der im kommenden Jahr im Droschl Verlag erscheinen soll. Fertig sei das Buch noch nicht, sagt Martynova, aber sie sei damit über den Berg hinweg. Soll heißen: auf der Zielgeraden.

Ihr erster Roman landete auf der Longlist

Es ist Martynovas Schreiben anzumerken, dass es sich nicht erproben muss, dass sie einen Rhythmus und eine Form nicht erst suchen muss. Sie hat Gedichtbände veröffentlicht, die sie auf Russisch geschrieben hat und die dann ins Deutsche übersetzt wurden. Essays, Rezensionen (unter anderem für die ZEIT) und Prosa hingegen schreibt Martynova auf Deutsch. Bei dieser strikten Trennung bleibt es.

Ihr erster Roman Sogar Papageien überleben uns erschien 2010 und landete umgehend auf der Longlist des deutschen Buchpreises und auf der Shortlist für den aspekte-Literaturpreis. Eine Livelesung in deutscher Sprache wie die in Klagenfurt stellt Martynova nach wie vor vor ein Problem: "Im Russischen kennt man keine langen Vokale", sagt sie. Also hat sie eben diese in ihrem Lesungsmanuskript mit den aus der Schule altbekannten U-Bögen versehen.

Martynova wollte nicht nach Russland zurückkehren

Martynova lebt mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Oleg Jurjew, dessen Werk im Suhrkamp Verlag erscheint, in Frankfurt am Main . In Leningrad , das heute wieder St. Petersburg heißt, hat sie russische Sprache und Literatur studiert. Ende 1990 waren Jurjew und Martynova gemeinsam mit ihrem seinerzeit zweijährigen Sohn auf Einladung des Berliner Senats mit einer Gruppe russischer Literaten nach West-Berlin gekommen, um Lesungen zu halten, zur Zeit der "großen humanitären Hysterie" gegenüber Russland , wie Jurjew es in einem früheren Gespräch ausdrückte.

Das Visum galt für drei Monate, und ein Bekannter in Hannover drängte sie, nicht nach Russland in die politischen Wirren zurückzukehren. "Besorg uns eine Wohnung, die wir bezahlen können, und wir bleiben", antwortete das Paar. Die bezahlbare Wohnung befand sich kurioserweise ausgerechnet in Frankfurt, und so blieben sie, im Frankfurter Ostend, in unmittelbarer Nähe des Zoos. Aus dem kulturellen Leben der Stadt sind Jurjew und Martynova mittlerweile nicht mehr wegzudenken.

Die literarischen Traditionen ihrer russischen Heimat sind auch in Deutschland ein konstitutiver poetologischer Bestandteil von Martynovas Arbeit. Wie sie in ihrem Text mit Leichtigkeit hin und her hüpft zwischen Erzählebenen und Einfällen, wie sie feinen, absurden Humor einstreut und surrealistische Elemente einbaut – das erinnert sowohl an die slawischen Schelmenromane als auch an die Ästhetik eines Nikolai Gogol. "Überrascht, glücklich und dankbar" sei sie über den Preis, sagt Martynova. Was man in einem solchen Moment eben so sagt. Dass der Hauptpreis dieses insgesamt etwas matten Wettbewerbs an sie fiel , kann man nur als eine logische Konsequenz bezeichnen.