Kerouac und GinsbergGegen das Midtown-Cocktail-Geblubber

Eine literaturgeschichtliche Quelle ersten Ranges: Im Briefwechsel zwischen Allen Ginsberg und Jack Kerouac kann man nachlesen, wie die Beatgeneration entstand, was sie war und sein wollte. von Frank Schäfer

© Rogner und Bernhard

Im Frühjahr 1959 schickt das American College Dictionary an Jack Kerouac "seine große Spießerdefinition der 'Beat Generation'", um sie sich von ihm absegnen zu lassen. Mit kaum verhohlener Genugtuung leitet er dem Freund und zeitweise auch Liebhaber Allen Ginsberg seine revidierte Fassung weiter: "Angehörige der nach dem Zweiten Weltkrieg-Koreakrieg volljährig gewordenen Generation, die sich in Lockerung gesellschaftlicher und sexueller Spannungen zusammenfinden und für antireglementarische Werte mystischer Loslösung und materieller Einfachheit eintreten, angeblich infolge einer Desillusionierung durch den Kalten Krieg. Geprägt von JK."

Kerouacs , Ginsbergs und Burroughs "neue Vision" einer drogenaffinen, nonkonformistischen und nicht zuletzt auch formal experimentellen Literatur war damit kanonisiert. Und für Kerouac, das ist die Tragik eines der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, ging es allmählich bergab. Er war bis dahin die Leitfigur der Bewegung gewesen, sein Roman On the Road , erst 1957 erschienen, erlebt und geschrieben aber schon eine Dekade zuvor, wurde zum internationalen Szenebestseller. Die Journalisten rannten ihm daraufhin die Bude ein. Magazine gingen ihn um Artikel an. Weitere Buchmanuskripte, und seine Schublade war voll davon, mussten an den Verlag gebracht werden. Er hielt Lesungen in ausverkauften Jazz-Clubs, wurde zu Plattenaufnahmen eingeladen, verhandelte mit Hollywood, beantwortete Fanpost und Bettelbriefe von Kollegen. Und inzwischen hatte sich die konservative Literaturkritik auf ihn eingeschossen und überzog ihn mit Verrissen.

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Allein die Verwaltung des Ruhms kostete Kerouac mehr Kraft, als er aufbringen konnte. Es ist traurig, in seinen Briefen nachzulesen, wie er sich vom Ruhm verschleißen lässt, wie ihn die Anforderungen des Marktes erschöpfen und anekeln, bis ihm schließlich sogar der Beat abhandenkommt. Aus dem ruhelosen, abenteuerlustigen und weltoffenen Taugenichts mit dem unersättlichen Erfahrungshunger wird ein alter Mann, und das schon mit Mitte 30. Er wolle "keine hektischen Nächte mehr, keine Beziehung zu Hipstern und Schwulen und Village-Typen", schreibt er ausgerechnet Allen Ginsberg, "noch weit weniger irre Trips ins unselige Frisco, ich möchte nur zu Hause bleiben und schreiben".

Kein Kratzen am Nachruhm

Zu dieser Zeit lebte er mit seiner Mutter im Kleinstädtchen Northport, an der Nordküste Long Islands, und hatte sich längst einem auch für seine Freunde nur schwer erträglichen Suff ergeben. Sogar die Beziehung zu Ginsberg war angespannt, weil er diesen immer wieder mit beleidigenden Telefonaten plagte. Ein bisschen wohl auch aus Missgunst: Ginsberg nahm langsam die Rolle des öffentlichen Stellvertreters der Beats ein und besaß durchaus mehr propagandistisches Talent. Sein ehemaliger Schüler Ginsberg, der ihm gegenüber immer wieder eingeräumt hat, wie sehr er ihn "beklaut" hat, erhielt ohne Weiteres die akademischen Weihen, während man ihn immer noch als "Latrinenliterat der Hoboheme" beschimpfte.

Ruhm tötet alles , die Auswahlausgabe des Briefwechsels zwischen Ginsberg und Kerouac, verschweigt ihre Meinungsverschiedenheiten und Zerwürfnisse nicht. Die Herausgeber Bill Morgan und David Sanford dokumentieren sie jedoch kaum einmal direkt, sondern referieren sie nur in den dürftigen Anmerkungen und Überleitungen. Und so bekommt man hier eben kein wirklich authentisches, sondern ein aus Pietätsgründen geschöntes Abbild dieser 25-jährigen (Brief-)Freundschaft. Eines, das nicht am Nachruhm kratzt und vor allem den beiden verantwortlichen Stiftungen gefallen sollte. Vielleicht lässt man auch deshalb den Briefwechsel bereits 1963 versiegen, obwohl Kerouac noch bis 1969 lebt. In jene letzten Jahre fallen Kerouacs rufschädigende rassistische und antisemitische Ausfälle, die dem gerade wieder erwachten Interesse an der Beatgeneration womöglich den Spaß verderben könnten.

Leserkommentare
    • Genet
    • 02. Juli 2012 17:42 Uhr

    Um die Beatgeneration besser verstehen zu können, sollte man sich meiner Meinung nach eher die Briefe von Neal Cassady lesen, welcher den Beat-Gedanken erfunden und gelebt hat. Er ist es nämlich, den Jack Kerouac in "On the Road" als Dean Moriarty porträtiert hat.

    Der Übersetzung ist natürlich erst einmal zu misstrauen. Wie Billion schon erwähnt hat, lässt sich die Sprache der Beatgeneration kaum verlustfrei ins Deutsche übertragen, gerade weil die Sprachästhetik eins der zentralen Merkmale des Beatliteratur ist. Dass es aber auch möglich ist, zeigen die Übersetzungen Burroughs´ Werke von Carl Weissner. Auch Charles Bukowskis Abgesang des Beats, in dem er zahlreiche Elemente der Sprache von Cassady, Kerouac, Ginsberg und weiteren verwendet und parodiert, wurde von Weissner meisterlich bearbeitet.

  1. ...ist ja nun weissgottnicht das einzigste Werk der Beats. Insofern reichen Cassadys Briefe bei weitem nicht aus um sich auch nur ansatzweise ein Bild vom Beziehungsgeflecht der Ginsbergs und Kerouacs zu machen.

    Wer tiefer schürfen möchte dem sei zunächst Kerouacs "Angel of Desolation" zum Einstig empfohlen. Und für die echten Fans die Biographien von Bill Morgan und Gerald Niciosa.

    Die kann man dann dreimal lesen :)

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