Wie stählerne Ungeheuer aus den Tagen der amerikanischen Schwerindustrie spannen sich Brooklyn- und Manhattan-Bridge über den East River. Am Westufer, in Lower Manhattan, thronen die glitzernden Wolkenkratzer des Financial Districts. Auf der anderen Seite in Brooklyn beherrschen ehemalige Lagerhäuser und Fabrikhallen aus Backstein das Bild. Wo die Brücken ihre Schatten auf Brooklyn werfen, liegt eine Gegend, in die während der Siebziger einige Künstler zogen. Dumbo nennen sie es – kurz für Down Under the Manhattan Bridge Overpass . Das schlicht doof – dumb – klingende Akronym wählten Bewohner damals, um Investoren abzuschrecken. Obwohl das Viertel heute längst von Kaffeehausketten und Werbeagenturen in Besitz genommen ist, gilt es vielen noch immer als Alternative zu Manhattan.

Erst in den vergangenen Jahren verlagerte sich auch die linke Intelligenz New Yorks in die Gegend, eine eigene literarische Szene entstand: Dumbo-Lit, wie sie jüngst ein örtlicher Buchladen während der New York Book Week nannte. Gemeint damit sind etwa das n+1-Magazine , Melville House Publishing und Verso Books – allesamt Namen, deren Bedeutung für den kritischen Diskurs in den USA nicht groß genug eingeschätzt werden kann, vor allem nach ihrem Engagement in der Occupy-Bewegung.

Der Verlag Melville House Publishing – dem man etwa die Entdeckung des Netzliteraten Tao Lin und des landauf, landab hochgelobten linken Theoretikers David Graeber zu verdanken hat – befindet sich in einem der renovierten alten Lagerhäuser, aus jener Zeit, als die Gegend noch eine Rolle im transatlantischen Handel spielte. Für Melville House ist der Austausch zwischen Europa und den USA ein Eckpfeiler des Verlagsgeschäfts geblieben. Gerade einmal fünf Personen arbeiten Vollzeit in dem kleinen Verlag. Unverputzte Wände, aus denen offene Belüftungsrohre ragen. In den Regalen Bücher, auch von deutschen Autoren wie Heinrich Böll und Hans Fallada .

Die meisten kaufen T-Shirts und Stoffbeutel

Von ihnen hat Melville House in den vergangenen Jahren englische Gesamtausgaben auf den Markt gebracht. " Fallada hat zu seiner Zeit gegen die Rechtsradikalen gekämpft, genau so wie wir, als wir uns während der Bush-Jahre gegründet haben", sagt der Verleger Dennis Johnson. Johnson ist in seine frühen Fünfzigern, er hat nichts Schöngeistiges an sich – ein Typ mit kantigen Gesichtszügen. Trotz zurückgelegter graublonder Haaren strahlt er eine gewisse Hemdsärmeligkeit aus. Was zeitgenössische deutsche Literatur anbelangt, erkundigt sich der Verleger nach Simon Urban, der mit Plan D eine Abrechnung mit der DDR in Krimiform verfasst hat .

Auf das Schlagwort Dumbo-Lit angesprochen, reagiert Johnson weniger enthusiastisch: "Es ist richtig, dass wir alle nicht in Manhattan ansässig sind, dem Zentrum der amerikanischen Buchindustrie, aber mit n+1 und mit Verso sind wir sonst nur wenig vernetzt." Die Occupy-Bewegung habe der Verlag durch Buchspenden unterstützt und er selbst von seinem Schreibtisch aus. Die Solidarität mit den Demonstrierenden mag sich auch ökonomisch ausgezahlt haben. Eine der meistverkauften Artikel aus dem Hause sind T-Shirts und Stoffbeutel mit jenem Satz aus Herman Melvilles Bartleby, der vielen Occupiern als Anstoß galt: "I would prefer not to."