LyrikHör zu, wie das Ich klingt

Eine ausdrucksstarke Stimme unter den Lyrikern ihrer Generation: Kerstin Preiwuß' Gedichtband "rede" vermittelt zwischen Laut und Stille, Geplapper und Wahrhaftigkeit. von 

Ein Zitat von Stéphane Mallarmé eröffnet Kerstin Preiwuß’ Langgedicht rede : "Ein nicht zu verleugnendes Streben meiner Zeit ist, wie im Hinblick auf verschiedene Zuständigkeiten, den doppelten Status der Rede auseinanderzuhalten, roh oder unmittelbar auf der einen, essentiell auf der anderen Seite." Vielleicht gilt dieses Streben, den doppelten Status der Rede auseinanderzuhalten, heute kaum noch – weil die beiden Ebenen ineinander diffundieren oder schon längst die eine Seite ein Übergewicht gewonnen hat. Die unmittelbare, rohe Rede ist durch die Unmittelbarkeit moderner Kommunikationsmedien geradezu potenziert worden. Wo ist der Raum für das Essentielle? Vielleicht ja doch im Gedicht, in dem die beiden in Opposition gebrachten Seiten einander spiegeln können, in dem möglicherweise ein Gleichgewicht der Rede hergestellt werden kann. Und bestimmte aufgeladene Wörter einen Bedeutungshof um sich bauen können, Magie entfalten.

"mein therapeut heißt sprache, die
selbe geschichte einer beziehung zwischen innen und außen
wie wir um unsere hände ringen. wie wir
beide uns gebärden im schatten ewiger gewalten
die zu verwandeln mühsam ist und selten
selig macht, vielmehr

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ist meinem mund die sprache ein tier
bricht aus ihr das meuternde wort tönt silbe um silbe
ich schwiege ja, ich schwiege es ja an
die stille gewöhn ich mich doch dann."

"die sprache ein tier": ungezähmt, sprunghaft, geschmeidig, leicht, vorbewusst und verbunden mit der Stille, die in das semantische Durcheinander Kunstpausen fügt, die Wahrnehmungsoffenheit ermöglicht. Sprache ist das Medium, zwischen Innen und Außen zu vermitteln, zwischen Laut und Stille, zwischen Geplapper und Wahrhaftigkeit. Was sie überhaupt erst zum Klingen bringt, ist nicht recht benennbar: Es geschieht an jenen Schnittstellen, an denen sich etwas unmerklich verschiebt, Alltagsrede ins Poetische überführt wird.

Dort, wo der Gedanke zum Klang wird, lauscht die 1980 geborene Kerstin Preiwuß genau. Nicht umsonst kommt Worten, die ein Dazwischen markieren oder einen Übergang, bei ihr ganz besondere Bedeutung zu: "begrenzung", "grenze", "haut", "membran" oder "hymen". Es sind diese dünnen Schichten, diese durchlässigen Systeme, die als Filter das Rohe aussieben und die Essenz freigeben. Und es sind naturwissenschaftliche Begriffe – etwa aus der Glaziologie und der Medizin –, die in die Alltagswelt übertragen werden, um sie erfahrbarer, vibrierender zu machen.

Preiwuß’ Gedicht ist der Versuch einer Selbstvergewisserung in einem Moment, da das Ich angesichts eines nahe rückenden Todes verloren zu gehen droht. Wie an Geländern und Wänden tastet es sich an bestimmten, Assoziationen provozierenden Begriffen entlang und in zwölf Kapiteln durch eine durcheinandergewirbelte Welt: Die Schädeldecke ist die äußere Begrenzung, die literarische Tradition innere Quelle für zahlreiche Referenzen. Die Liebe ist in diesen Gedichten das Nicht-Benannte, aber immer wieder umkreiste; das eigene Ich Echoraum und Spielfläche zugleich. Immer nah am Körper, der die Sprache erst hervorbringt, bewegen sich diese Texte. Verschattet erscheinen sie von jenen größeren Fragen, die selbst in den verspielten Passagen stets berührt werden. Die Dämonen sitzen hier nicht nur zwischen den Zeilen.

Preiwuß scheut sich dabei nicht vor einem existenziellen Ton, wie man ihn in der zeitgenössischen Lyrik so lange nicht gehört hat. Es klingen darin Stimmen vergangener Zeiten an, ob Paul Celan oder gar Rilke; aber auch zeitgenössische Dichterinnen wie Friederike Roth scheinen ihre Spuren in rede hinterlassen zu haben. Und doch spürt man die Unbedingtheit dieses lyrischen Ich, sich selbst zur Sprache zu bringen, einen eigenen Sound entstehen zu lassen: "sprache atemluft / sprach pure atemluft / sprach von atmen von purer atemluft". Eine Notwendigkeit ist hier zu spüren. Sie macht dieses genau komponierte, eine Balance zwischen Leichtigkeit und Ernst suchende Langgedicht zu einem besonderen und Kerstin Preiwuß zu einer eigenständigen, ausdrucksstarken Stimme unter den Lyrikern ihrer Generation.
 

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Leserkommentare
  1. ein wenig hausbacken und bisweilen beinahe kitschig an.

  2. empfehle ich Daniela Seel und Barbara Hundegger.

    P.S.: Trotzdem danke dafür, dass mal wieder Lyrik rezensiert wurde.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Lyrik | Paul Celan | Dämon | Gedicht | Sprache | Tier
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