Ingeborg-Bachmann-PreisKlagenfurt ins Hauptprogramm!

Als Gradmesser für die deutsche Literatur ist er untauglich, als Fernsehereignis hingegen grandios: der Ingeborg-Bachmann-Preis.

Literatur und Fernsehen sind zwei, die ungern miteinander reden. Formatgerecht ausgestrahlte Literatur und ihre Kritik sind im Fernsehen meistens nur in ihrer Schrumpfform zu haben: als Talkshowplatzfüller am Abend oder als mit Heiterkeit buchstäblich geschredderte Bestsellerliste. Wenn allerdings der deutschsprachige Literaturbetrieb sich zu einem seiner liebsten Rituale trifft, wenn Schreibende beim Vorlesen und Kritiker beim Kritisieren gefilmt werden und wenn der ganze Betriebsnudelauflauf im Wörthersee gänzlich unmetaphorisch baden geht, dann gibt es Hoffnung. Der Klagenfurter Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis ist die beste Repräsentation des einen Mediums im anderen.

Das hat viele Gründe. Es liegt an der Möglichkeit, den das Kärntner Landesstudio bietet. Es bringt sie alle zusammen: Schriftsteller, die nur ungern kritisiert werden, Literaturkritiker, die gern zu sich selbst sprechen und Leser, die am liebsten allein lesen. Mit ihnen all die Irritationen, die ein Text zwischen den Dreien erzeugen kann. Ein Kritiker nörgelt an einem Autor herum, der vom Publikum beklatscht wird. Die Zuschauer schütteln die Köpfe, wenn ein Kritiker einen anderen preist. Ein Schriftsteller rollt die Augen, weil ein Redner vornehm am Text vorbeiargumentiert. Eine Miniatur des Literaturdiskurses! Alles im Fernsehen!

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Dessen mediale Bedingungen werden zudem drei Vormittage lang so charmant außer Kraft gesetzt, wie es keine andere Sendung kann. Sie kann sich ihnen sogar verweigern: 30 Minuten Lesung, 30 Minuten Kritik, so wie es die historische Aufführungspraxis seit 35 Jahren will, und sie wird durchgehalten, während zeitgleich alles sonst angetrailert, eingespielt und dreiminütert wird. Ein heimlicher Auswärtssieg des Langsamkeitsmediums Literatur, leider nur auf dem Sendeplatz von 3sat.

Störung der Gemütlichkeit

ARD und ZDF wollen es rätselhafterweise nicht haben: das ständige Auf- und Abtreten der Autoren, das Umblättern der Seiten und hernach das Entblättern der Autorenseele, die jüngste Ich-Prosa aus den jüngsten Berliner Ich-AGs und die üblichen Juryverdachtsmomente: zu souverän, zu beliebig, zu witzig, zu Thomas Bernhard. Das alles erfordert natürlich einige Langmut und grundsätzliche Bejahungsbereitschaft, die aber hin und wieder belohnt werden. Mit unterhaltsamer Kritik und mit Prosa, deren Qualität auch in diesem Jahr schwankend sein wird, von grandios bis umgotteswillen.

Und womöglich wäre das Vergnügen über all das noch größer, wenn der Sender nicht seit einiger Zeit versuchte, sich an herrschende Fernsehmoden anzupassen: Mit Videoporträts, durch die der übliche Bildungsauftragsbariton tönt. Und mit beschwichtigenden Eingriffen der Moderatorin, die zuweilen klingen wie Frank Plasberg mit den Mitteln von Birgit Schrowange. Man trägt es mit Fassung.

Gleichwohl sollte man nicht den Bachmann-Preis als Gradmesser für den Zustand der deutschsprachigen Literatur halten. Dafür ist er untauglich, er liefert bestenfalls einen Ausblick auf das, was kommt, oder im Zweifelsfall besser nicht kommen soll. Jedoch verwirklicht seine Übertragung immerhin einen Anspruch, der an Literatur seit jeher gern angelegt wird: die Störung der Gemütlichkeit. Und sei es nur die des behaglichen, von allen geistigen Anforderungen befreiten Fernsehvormittags. Dass man es sich vor dem Bildschirm selbst bequem machen kann, steht außer Frage. Um viertel nach zehn geht's los.

 
Leserkommentare
  1. aber künftiger Zwangsgebühren-Bezahler rufe ich hiermit alle SchicklsgenossInnen auf: Machen wir es denen nicht zu leicht. Wenn wir schon Gebühren bezahlen MÜSSEN, fordern wir, dass der Begründung der Gebühren entsprechend das öffentlich-rechtliche Fernsehen von UNSEREN Gebühren NUR das finanziert, was das private Fernsehen durch Werbeeinahmen per Zuschauerquote NICHT bieten kann:

    - Literarische Sendungen (also z.B. Direktübertragung aus Klagenfurt)
    - Theateraufführungen
    - Konzertmittschnitte (Avantgarde, Expermentelles, Unbekanntes, aber Hochwertiges aller Genres und Richtungen)

    - Wissenschaft, Philosophie, Kunst

    - gut Recherchiertes zu Politik und Wirtschaft und Gesellschaft

    BETRUG AN UNS sind Millionen teure Sport- und Showübertragungen, publikumswirksame Spielfilme und Serien, Talk-Shows, Entertainment und Infotainment jeglicher Art.

    WIR BRAUCHEN EINE BEWEGUNG ANSPRUCHSVOLLER ZWANGSZUSCHAUER, die ihr Recht auf NICHTKOMMERZIELLE Qualität im Gegenzug für die anders nicht zu rechtfertigenden Zwangsgebühren einfordern.

    LIEBE ZEIT: Wäre es nicht an der ZEIT, mit dem Start der Zwangsgebühren auch für bisherige TV-Verweigerer eine regelmäßige TV-Kritik einzurichten, die das Programm der öffentlich-rechtlichen unter genau diesem Geswichtspunkt kritisch unter die Lupe nimmt? Hier wäre ein gutes Feld für notwendige und juristisch begründbare MEDIENPOLITIK.

    5 Leserempfehlungen
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    ich hoffe, Sie als gebildeter Mensch und natürlich völlig selbstbestimmt TV-Verweigerer, hören, da Sie ja scheinbar bislang keine GEZ-Gebühren zahlen, nicht zufällig ab und zu öffentlich-rechtliches Radio. Das wäre dann nämlich schwarz-hören, da es ja auch von den Gebühren getragen wird und nicht nur das TV.

    Aber wahrscheinlich tun Sie das nicht. Und schauen auch nicht heimlich ab und zu in der ZDF- oder ARD-Mediathek vorbei ;-)

    Als promovierte Persönlichkeit sollte man doch nicht immer so schlimm pauschalieren. Und falls Sie als Dr. nicht die knapp 20,- € übrig haben, dann sollten Sie sich lieber einen besser bezahlten Posten suchen!

    ich hoffe, Sie als gebildeter Mensch und natürlich völlig selbstbestimmt TV-Verweigerer, hören, da Sie ja scheinbar bislang keine GEZ-Gebühren zahlen, nicht zufällig ab und zu öffentlich-rechtliches Radio. Das wäre dann nämlich schwarz-hören, da es ja auch von den Gebühren getragen wird und nicht nur das TV.

    Aber wahrscheinlich tun Sie das nicht. Und schauen auch nicht heimlich ab und zu in der ZDF- oder ARD-Mediathek vorbei ;-)

    Als promovierte Persönlichkeit sollte man doch nicht immer so schlimm pauschalieren. Und falls Sie als Dr. nicht die knapp 20,- € übrig haben, dann sollten Sie sich lieber einen besser bezahlten Posten suchen!

  2. ich hoffe, Sie als gebildeter Mensch und natürlich völlig selbstbestimmt TV-Verweigerer, hören, da Sie ja scheinbar bislang keine GEZ-Gebühren zahlen, nicht zufällig ab und zu öffentlich-rechtliches Radio. Das wäre dann nämlich schwarz-hören, da es ja auch von den Gebühren getragen wird und nicht nur das TV.

    Aber wahrscheinlich tun Sie das nicht. Und schauen auch nicht heimlich ab und zu in der ZDF- oder ARD-Mediathek vorbei ;-)

    Als promovierte Persönlichkeit sollte man doch nicht immer so schlimm pauschalieren. Und falls Sie als Dr. nicht die knapp 20,- € übrig haben, dann sollten Sie sich lieber einen besser bezahlten Posten suchen!

    Antwort auf "Als TV-Verweigerer,"
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    sich jemand angegriffen fühlt - aber Ihre Verteidigung des Systems ist etwas SEHR dürftig.

    1. Wenn ich Gebühren für etwas bezahle, sollte der Umgang mit diesen Gebühren der rechtlichen Begründung für die Gebühren entsprechen. Ob das 2 Cent oder 500.000 Euro sind, spielt keine Rolle. ES GEHT SCHLICHT UND EINFACH UM RECHT UND GESETZ.

    2. Verdummungs-TV gibt es genug und braucht keine Gebühren. Ich bin vor Jahren aus der Beschallung ausgestiegen, als das "Niveau" der öffentlich-rechtlichen von den privaten nicht mehr zu unterscheiden war.

    3. Zwangsgebühren beinhalten in einem Rechtsstaat zwangsläufig, dass die Zwangszahler das Recht haben nachzufragen, ob mit ihren Zwangsabgaben auch korrekt umgegangen wird - und dass sie ggf. Rechtsmittel gegen Mittelverschwendung einlegen können. Ich erwarte von der GEZ (wenn es sie denn schon weiter geben soll) die Einrichtung einer Prüf- und Beschwerdestelle.

    UND noch zu Ihrem freundlichen Argument ad personam (riecht etwas nach GEZ): Als PC-Besitzer zahle ich selbstverständlich GEZ-Gebühren für "neuartige Geräte" oder wie das in Bürokratistan heißt. Wieviel Geld das für mich subjektiv ist, hat Eintreiber von Kopf- bzw. Haushaltspauschalen nichts anzugehen. Mich aber geht sehr wohl an, ob das, was ich für das Geld angeboten bekomme, das Geld wert ist.

    Die Zeiten der bequemen, willkürlichen und ungeprüften Gebühren-Vernutzung wird für die öffentlich-rechtlichen und die GEZ mit der Zwangsabgabe vorbei sein.

    sich jemand angegriffen fühlt - aber Ihre Verteidigung des Systems ist etwas SEHR dürftig.

    1. Wenn ich Gebühren für etwas bezahle, sollte der Umgang mit diesen Gebühren der rechtlichen Begründung für die Gebühren entsprechen. Ob das 2 Cent oder 500.000 Euro sind, spielt keine Rolle. ES GEHT SCHLICHT UND EINFACH UM RECHT UND GESETZ.

    2. Verdummungs-TV gibt es genug und braucht keine Gebühren. Ich bin vor Jahren aus der Beschallung ausgestiegen, als das "Niveau" der öffentlich-rechtlichen von den privaten nicht mehr zu unterscheiden war.

    3. Zwangsgebühren beinhalten in einem Rechtsstaat zwangsläufig, dass die Zwangszahler das Recht haben nachzufragen, ob mit ihren Zwangsabgaben auch korrekt umgegangen wird - und dass sie ggf. Rechtsmittel gegen Mittelverschwendung einlegen können. Ich erwarte von der GEZ (wenn es sie denn schon weiter geben soll) die Einrichtung einer Prüf- und Beschwerdestelle.

    UND noch zu Ihrem freundlichen Argument ad personam (riecht etwas nach GEZ): Als PC-Besitzer zahle ich selbstverständlich GEZ-Gebühren für "neuartige Geräte" oder wie das in Bürokratistan heißt. Wieviel Geld das für mich subjektiv ist, hat Eintreiber von Kopf- bzw. Haushaltspauschalen nichts anzugehen. Mich aber geht sehr wohl an, ob das, was ich für das Geld angeboten bekomme, das Geld wert ist.

    Die Zeiten der bequemen, willkürlichen und ungeprüften Gebühren-Vernutzung wird für die öffentlich-rechtlichen und die GEZ mit der Zwangsabgabe vorbei sein.

    • Hagmar
    • 05.07.2012 um 13:12 Uhr

    ich habe Ihren wunderbaren Text mit grossem Vergnügen gelesen. Und Danke an zeitonline, dass dieser Artikel so rechtzeitig erschien, dass ich auf meinem PC sofort nach Klagenfurt umschalten konnte. Mittagessen musste ausfallen :=)
    Da ich arte und sat3 selbst auf meiner ansonsten beschränkten Senderauswahl auf dem PC bekomme, kann ich in das Lamento, sie müssten in Echtzeit auf ARD oder ZDF kommen, nicht ganz nachvollziehen. Ansonsten kann ich mich über die Qualität des Fernsehprogramms nicht äussern, da ich seit über 30 Jahren ohne selbiges sehr gut lebe. Aber just die Möglichkeit, am PC die eine oder andere Talkshow zu sehen, nutze ich gern. Auf diese Weise bekomme ich doch einen lebendigeren Eindruck z.B. von so manchem Politiker.
    Immer nur die Stimme im Radio oder Zeitungsfotos verzerren den Eindruck doch erheblich.

    Eine Leserempfehlung
  3. sich jemand angegriffen fühlt - aber Ihre Verteidigung des Systems ist etwas SEHR dürftig.

    1. Wenn ich Gebühren für etwas bezahle, sollte der Umgang mit diesen Gebühren der rechtlichen Begründung für die Gebühren entsprechen. Ob das 2 Cent oder 500.000 Euro sind, spielt keine Rolle. ES GEHT SCHLICHT UND EINFACH UM RECHT UND GESETZ.

    2. Verdummungs-TV gibt es genug und braucht keine Gebühren. Ich bin vor Jahren aus der Beschallung ausgestiegen, als das "Niveau" der öffentlich-rechtlichen von den privaten nicht mehr zu unterscheiden war.

    3. Zwangsgebühren beinhalten in einem Rechtsstaat zwangsläufig, dass die Zwangszahler das Recht haben nachzufragen, ob mit ihren Zwangsabgaben auch korrekt umgegangen wird - und dass sie ggf. Rechtsmittel gegen Mittelverschwendung einlegen können. Ich erwarte von der GEZ (wenn es sie denn schon weiter geben soll) die Einrichtung einer Prüf- und Beschwerdestelle.

    UND noch zu Ihrem freundlichen Argument ad personam (riecht etwas nach GEZ): Als PC-Besitzer zahle ich selbstverständlich GEZ-Gebühren für "neuartige Geräte" oder wie das in Bürokratistan heißt. Wieviel Geld das für mich subjektiv ist, hat Eintreiber von Kopf- bzw. Haushaltspauschalen nichts anzugehen. Mich aber geht sehr wohl an, ob das, was ich für das Geld angeboten bekomme, das Geld wert ist.

    Die Zeiten der bequemen, willkürlichen und ungeprüften Gebühren-Vernutzung wird für die öffentlich-rechtlichen und die GEZ mit der Zwangsabgabe vorbei sein.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nun ja,"
    • Vanita
    • 08.07.2012 um 16:23 Uhr

    Was hier so oberflächlich als Störung der Gemütlichkeit beschrieben wird, vermutlich nicht ohne selbstgefällig-journalistisches Eigenlob, sollte etwas genauer untersucht werden.

    Der Bachmann-Preis ist eine Farce, ihn in ein Hauptprogramm zu übernehmen wäre ein weiterer Schritt in Richtung Anspruchslosigkeit-Niveaulosigkeit. Es sei denn, der Autor David Hugendick sieht dies als Kriterium für das TV.

    Es fängt an mit dem Jury-Vorsitzenden, geht weiter mit den anderen Mitgliedern, die sich selbst mindestens genauso wichtig nehmen wie Hr. Spinnen und die Texte, naja, sagen wir so, sie sind ja ausgesucht, aber nach nicht nachvollziehbaren Kriterien.

    Herr Hugendick will also dieses Theater im Hauptprogramm, schreibt aber gleichzeitig, als Gradmesser der Literatur gelte der Preis nicht, ja, das lässt nur den Umkehrschkuss zu, dass Herr Hugendick die Literatur nicht mag.

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