Ingeborg-Bachmann-PreisKellerechse und Kleinmädchenprosa

Der erste Tag in Klagenfurt bringt wunderbare und misslungene Texte mit, die Jury ist gut drauf. Aber warum baumeln überall Fensterrahmen herum?

Das ORF-Fernsehstudio in Klagenfurt

Das ORF-Fernsehstudio in Klagenfurt

Ein seriöser Bachmann-Preis-Text. Einer, in dem nicht vom Wetter (schwülheiß) oder der Wassertemperatur des Wörthersees (25 Grad) die Rede ist. Das Wort "Literaturbetriebsausflug" sollte erst gar nicht fallen; auch wird nicht das übliche Lamento angestimmt über die Schulklassen, die im ORF-Sendesaal die Plätze blockieren. Kein Geläster über die wieder einmal gewagte Bühnendekoration. Der Mann, der seit 25 Jahren dafür verantwortlich war und überraschend verstorben ist, hat einen würdigen Nachfolger gefunden: Ständig begegnet man irgendwelchen Fensterrahmen; sogar in den Bäumen vor dem Studio hängen sie. Und auch die Witzeleien über die Präsentationsfilme der Autoren, deren Ästhetik nach wie vor der folgt, der sich die Sendung Schmidteinander bediente, wenn sie Kulturfernsehen karikieren wollte: geschenkt.

Stattdessen zur Sache, und zwar ernsthaft. Das Aufregendste an Ruth Klügers Klagenfurter Rede zur Literatur war der Umstand, dass die 80-Jährige ihren Text von einem elektronischen Lesegerät ablas. Die Moderatorin Clarissa Stadler äußerte während der anschließenden Ziehung der Lesereihenfolge die tröstende Behauptung: "Jeder Platz ist gleich gut." Dabei weiß jeder, dass der erste Lesende so gut wie keine Chance hat, weil die Jury sich erst einmal warm reden muss und sich nicht gleich zu Beginn weit aus dem Fenster lehnen will.

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Das war dann allerdings die erste Überraschung des Bewerbs: Stefan Moster begann mit einem ruhigen, sorgfältig komponierten Beitrag, der durch seine schlüssigen Motivkettungen zu überzeugen wusste. Auf zwei Zeitebenen verknüpft Moster darin die Erinnerung an einen völlig missratenen Interrail-Trip des seinerzeit 18-jährigen Erzählers nach Griechenland (inklusive Trampen, Frauen in lila Latzhosen und einem Hundebiss am Strand von Thessaloniki als dramatischem Höhepunkt) mit einem Türkei-Urlaub 30 Jahre später. Moster kann schöne Sätze schreiben, zum Beispiel: "Das Essen aus der Ofenschublade beanspruchte alle Organe, ich hatte das Gefühl, eine Fabrik mit mir herumzutragen, in der energieaufwendige Prozesse abliefen." Und die Jury aus sieben Mitgliedern unter dem Vorsitz von Burkhard Spinnen zeigte sich gleich zu Anfang in ausgezeichneter Form, was unter anderem am Neuzugang Corina Caduff lag, Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste, die so bedacht wie pointiert argumentierte.

Ein deutlicher Wille zu Fairness und analytischer Korrektheit trieb die Juroren an, was Burkhard Spinnen, der Mann des endgültigen und letzten Wortes, nicht daran hinderte, dem Kollegen Paul Jandl zu attestieren, er ginge an den Text heran "wie ein stalinistischer Zollbeamter". Die obligatorische Methodendiskussion entbrannte heuer bereits nach wenigen Minuten: Hubert Winkels suchte Bedeutungsknoten im Text, Paul Jandl warnte vor Überinterpretationen.

Ein Strauß voller Gemeinplätze

Manchmal wäre weniger Fairness allerdings angebracht. Wie es eine Erzählung wie die der Schweizerin Mirjam Richner überhaupt in den Wettbewerb schaffen konnte, ist an sich ein Rätsel. Die grotesk misslungene Kleinmädchenprosa im "Hanni-und-Nanni-Style" (Caduff) war dann allerdings auch durch Verweise auf surrealistische Volten des Textes nicht zu retten. Beispiele? "Vielleicht bedeutet das Wort Lehrkraft, dass man nur so lange lehren kann, wie man voller Kraft ist." Oder: "Meine Rationalität und meine Emotionalität sind seit jeher eng befreundet, Zwischen ihnen fließt ein Fluss." Und erst Recht: "Vermutlich sind für einen Schriftsteller die von ihm erschaffenen Figuren wie ein Strauß bunter Luftballons." Mit Verlaub – an diesem Strauß banaler Lebensweisheiten und Gemeinplätze ist nichts mehr zu retten.

Der österreichisch-slowenische Konflikt, um den auch Maja Haderlaps letztjähriger Siegertext kreiste, tauchte auch im Text des gebürtigen Klagenfurters Hugo Ramnek (nach dessen Lesung der überfüllte Sendesaal sich schlagartig leerte) auf, allerdings begrub Ramnek die gelungenen Ansätze unter einer aufdringlichen Sexualmetaphorik. Die vielzitierte "Kellerechse" meldete sich jedenfalls deutlich zu oft in der Hose seines pubertierenden Erzählers.

Leserkommentare
  1. Der Link zu den Videos verweist nicht auf den aktuellen Wettbewerb. Daher hier der richtige -> http://bachmannpreis.eu/d...

  2. würde sich im Grabe umdrehen bei dieser Gegenwarts"literatur"...

    Aber der Preis muß verliehen werden.

    Könnte man dieses Ritual nicht einfach mal nach Sichtung der Beiträge ausfallen lassen?

    Nur mal so als Denk-Anstoß...

  3. Corina Caduff, die auch über eine sehr gute wissenschaftliche Reputation verfügt, kann man Klagenfurt nur beglückwünschen!

    Die Downloads der bisherigen Textvoträge und Diskussionen sind übrigens ebenso auf der zuvor verlinkten Seite eingestellt.

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    • hairy
    • 06.07.2012 um 17:16 Uhr

    und das sieht man am besten an ihrem Beitrag zu dem ja nicht so gewöhnlichen Text von Sabine Hassinger. Und da hat man dann auch gemerkt in der Diskussion, dass Hubert Winkels schlicht ein schwacher Kritiker ist. Wer sich nicht auf den Text einlassen will, sollte wirklich nicht in dieser Jury sitzen.

    • hairy
    • 06.07.2012 um 17:16 Uhr

    und das sieht man am besten an ihrem Beitrag zu dem ja nicht so gewöhnlichen Text von Sabine Hassinger. Und da hat man dann auch gemerkt in der Diskussion, dass Hubert Winkels schlicht ein schwacher Kritiker ist. Wer sich nicht auf den Text einlassen will, sollte wirklich nicht in dieser Jury sitzen.

  4. Ehrlich gesagt; die Texte an diesem ersten Tag heute, waren mittelmäßig bis langweilig. Nichts gegen die Autoren, aber sie konnten mich nie wirklich begeistern. Oftmals fehlt den Texten Tiefe habe ich das Gefühl. Da wird etwas banales aufgepumpt zu etwas, dass der Leser dann interessant finden soll. Einige Ideen der Autoren sind nett, andere weniger. Große Literatur habe ich da noch nicht gefunden, dieser Preis zeigt die Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum, leider; sie wirkt uninspiriert und vorallem interessiert sie sich nur für eigenes Ich. Die Juroren die dieses Jahr wirklich gut drauf sind können einem manchmal echt leidtun. Vielleicht gibt es in den nächsten Tagen einen guten Text, wer weiß.

  5. 1. So misslungen war die Story von Mirjam Richner wie hier in der Zeit dargestellt aber nicht, und Frau Caduff hatte "Hanni&Nanni" auch keineswegs abwertend gemeint. Ich fand da viele interessante, schöne, poetische Bilder und Gedanken, zum Beispiel ob Tränen Toter rot seien, oder die Frage an Gott ob es einfach gewesen sei, Krebs zu erfinden. Daneben auch Banales, Lapidares, aber insgesamt eine interessante, hörenswerte Mischung von Emotionalem, Rationalem, und einfach Surrealem. Auch die Fluss-Metapher, die hier von der Zeit verrissen wird, ist viel tiefer, wenn man die nächsten 3 oder 4 Sätze mitgelesen bzw. mitzitiert hätte!

    Misslungen fand ich dagegen die Geschichte von Stefan Moster, dessen zwei Erzählebenen leider keinerlei unterschiedliche Perspektive aufzeigten, und deren Schilderung des zentralen Hundebisses ich völlig unrealistisch und ärgerlich fand. Und letztlich bedeutungslos. Diese, auch sprachlich uninteressante, Story wurde von den Jury Mitgliedern, vor allem Burkhard Spinnen, den ich sonst sehr schätze, geradezu grotesk überinterpretiert und mit einer Bedeutung aufgeladen, die sich im Text garnicht findet.

    Eine Leserempfehlung
  6. ist mir noch der Literaturwettbewerb aus dem Film "Herr Ober!" eingefallen. Dort gibt Ernst Held (alias Gerhard Polt) folgendes Gedicht zum Besten:

    "Zeit ist Zeit.
    Ist Einheit für Gemütlichkeit.
    Wäre Gemütlichkeit 3.600 Sekunden in Zeit,
    für wieviel Gemütlichkeit wäre dann Zeit?

    Zeit plus Zeit ist mehr Zeit.

    Brot und Zeit ist
    Brotzeit.

    Brot mal Zeit ist
    Mahlzeit.

    [...] Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass wir aus urheberrechtlichen Gründen keine vollständigen Gedichte verbreiten dürfen. Die Redaktion/kvk

    Schade, dass es das nicht auch als Videoschnipsel gibt. Aber der Bachmann-Wettbewerb hat ja (ersatzweise) auch einige komischen Momente, womit ich ihn nicht abwerten möchte. Schriftstellernachwuchs und Juroren mühen sich redlich. Unterhaltsam ist das in jedem Fall und bisweilen blitzen auch Highlights auf.

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    von Rainald Goetz erinnert -> https://www.youtube.com/w...

    Auch ein reiz-voller Kommentar zum Wettbewerb!

    aus einem Film handelt?

    Netterweise hätten Sie folgende schöne Pointe stehen lassen können:

    "Die Kastanie im Biergarten blüht,
    freue Dich,
    Du bist auf erdbebensicherem Gebiet."

    von Rainald Goetz erinnert -> https://www.youtube.com/w...

    Auch ein reiz-voller Kommentar zum Wettbewerb!

    aus einem Film handelt?

    Netterweise hätten Sie folgende schöne Pointe stehen lassen können:

    "Die Kastanie im Biergarten blüht,
    freue Dich,
    Du bist auf erdbebensicherem Gebiet."

  7. von Rainald Goetz erinnert -> https://www.youtube.com/w...

    Auch ein reiz-voller Kommentar zum Wettbewerb!

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    • hairy
    • 06.07.2012 um 15:32 Uhr

    dass er sich dann auch noch anritzen musste. Er hatte wohl seinem Text zu wenig zugetraut.

    • hairy
    • 06.07.2012 um 15:32 Uhr

    dass er sich dann auch noch anritzen musste. Er hatte wohl seinem Text zu wenig zugetraut.

    • hairy
    • 06.07.2012 um 15:32 Uhr

    dass er sich dann auch noch anritzen musste. Er hatte wohl seinem Text zu wenig zugetraut.

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    und Eigenpropaganda war's nicht schlecht. Der hochgradig performative Text war gut.

    Damals war wenigstens noch was los. Heutzutage ist's doch bisweilen reichlich betulich.

    "Wir brauchen keine Kulturverteidigung. Lieber geil angreifen, kühn totalitär roh kämpferisch und lustig, so muß geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt. Ich brauche keinen Frieden, weil ich habe den Krieg in mir. Am wenigsten brauche ich die Natur. Ich wohne doch in der Stadt, die wo eh viel schöner ist. Schaut euch lieber das Fernsehen an. Wir brauchen noch mehr Reize, noch viel mehr Werbung Tempo Autos Modehedonismen Pop und nochmal Pop. Mehr vom Blauen Bock, mehr vom Hardcoreschwachsinn der Titel Thesen Temperamente Und Akzente Sendungen. Das bringt uns allabendlich in beste Trinkerlaune. Nichts ist schlimm, nur die Dummheit und die Langeweiler müssen noch vernichtet werden. So übernehmen wir die Weltherrschaft. Denn alles alles alles geht uns an."

    (R.G. - Subito)

    und Eigenpropaganda war's nicht schlecht. Der hochgradig performative Text war gut.

    Damals war wenigstens noch was los. Heutzutage ist's doch bisweilen reichlich betulich.

    "Wir brauchen keine Kulturverteidigung. Lieber geil angreifen, kühn totalitär roh kämpferisch und lustig, so muß geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt. Ich brauche keinen Frieden, weil ich habe den Krieg in mir. Am wenigsten brauche ich die Natur. Ich wohne doch in der Stadt, die wo eh viel schöner ist. Schaut euch lieber das Fernsehen an. Wir brauchen noch mehr Reize, noch viel mehr Werbung Tempo Autos Modehedonismen Pop und nochmal Pop. Mehr vom Blauen Bock, mehr vom Hardcoreschwachsinn der Titel Thesen Temperamente Und Akzente Sendungen. Das bringt uns allabendlich in beste Trinkerlaune. Nichts ist schlimm, nur die Dummheit und die Langeweiler müssen noch vernichtet werden. So übernehmen wir die Weltherrschaft. Denn alles alles alles geht uns an."

    (R.G. - Subito)

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