Ingeborg-Bachmann-PreisWo viel Text, da viel Tier

Der zweite Klagenfurter Lesetag ist beendet. Wer beim Bachmannpreis wirklich nach Trends in der deutschen Literatur suchte, konnte jetzt schon einen finden: Tiere!

Am Mittwoch lief auf 3sat ein Beitrag mit dem Titel Vom Schreiben kann niemand leben. Daran sollten Sie denken, wenn Sie demnächst wieder einmal Urlaub in Krems an der Donau machen sollten. Das liegt in Niederösterreich, in der Wachau, wo es sehr schön ist und wo es zudem seit kurzer Zeit einen Laden namens "Tealicious" gibt. Wahrscheinlich direkt neben dem Friseursalon "Haarmonie". Im "Tealicious" wird Bubble Tea verkauft, jenes Getränk, das die jungen Leute zurzeit in Massen in sich hineinschütten und das laut Stiftung Warentest pro Portion etwa 30 Zuckerwürfel enthält. In 25 Jahren werden unsere Kinder vermutlich zurückblicken und über sich selbst den Kopf schütteln.

Das "Tealicious" wird von Cornelia Travnicek betrieben. Sie ist Schriftstellerin, wovon sie nicht leben kann, selbst wenn sie den Bachmannpreis gewinnen sollte, was zurzeit eher unsicher ist. Travnicek las in Klagenfurt einen Text vor, in dem es nicht um Bubble Tea ging, sondern um Tiere. Um Hunde, um genauer zu sein. Da war sie nicht die Einzige: ein Hundebiss bei Stefan Moster, ein Krokodil (das älteste der Welt sogar) und die libidinös aufgeladene Drachenechse bei Hugo Ramnek, die Bärenmutter in der Bärenhöhle mit ihrem Bärennachwuchs bei Andreas Stichmann, die Katzen bei Sabine Hassinger und Lisa Kränzler. Und allesamt hochsymbolisch aufgeladen. Bei Gelegenheit wäre es angebracht, über den Tiermissbrauch in der Literatur nachzudenken. Da war man ja glatt mal froh, wenn, wie bei Simon Froehling, einfach mal ein Organ verpflanzt wird.

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Bei Cornelia Travnicek allerdings sind die Hunde keine Vorboten des Todes, keine Sexualmetaphern und keine Überbringer der unglücklichen Nachricht, dass die Jugend vorbei ist und das Leben anfängt, sondern einfach nur Hunde. Beagles. Zugegeben, dafür wird bei Travnicek ein Reh überfahren. Aber auch das Reh darf hier Reh bleiben und wird auf ziemlich komplizierte Weise mit Gewichten behängt und im See versenkt, während der tote Beagle im Garten vergraben und der Vater zeitgleich ins Altersheim verfrachtet wird. Gut, dass es nicht umgekehrt ist. Die Beagles heißen Baghira und Balu. Das gefiel der Jurorin Daniela Strigl sehr; sie hatte schließlich dereinst einen Dackel, der Mogli hieß. Irgendwo in der Geschichte liegt auch eine Plüschkuh herum, die aber keinen Namen aus dem Dschungelbuch trägt und auch nicht ermordet wird. Dies nur der Vollständigkeit halber.

Der zweite Lesetag ist beendet. Im besten Text des Tages von Olga Martynova gab es keine Tiere, aber Mumien. Wurden die Katzen der Pharaonen nicht stets mit einbalsamiert? Oder ist das nur in "Die drei Fragezeichen und die flüsternde Mumie" so? Wir probieren es jetzt erst einmal mit Gemütlichkeit. Aber nicht mit Bubble Tea, sondern mit einem Dunklen im Klagenfurter Bierhaus Zum Augustin.
 

 
Leserkommentare
  1. Nicht auf Godot, sondern auf einen Text, der sich nicht mit den Dingen beschäftigt, die man vom (Schriftsteller-)Schreibtisch aus sehen kann.

  2. Eine naive, belanglose Geschichte, die nichts aussagen will, wie die Autorin in dem kleinen autobiographischen Sketch ja auch selber sagt. Ein Text, zu dem Burkhard Spinnen garnichts einfällt, und Cordina Carduff nichts anderes einfällt, als auf einem einzigen Adjektiv herumzuhacke, kann ja wohl nicht der diesjährige Gewinner werden. Mir fehlt hier jede Tiefe, aber ein Teil der Jury, und wahrscheinlich all Tierliebhaber, war vom Tod des Hundes - Rückblende: Tod des Rehs - gerührt.

  3. Die Sehnsucht eines halluzinierenden Obdachlosen nach ganz "normaler Familie". Erstaunlich bourgeois unsere Jugend! Ein Text, der nirgends aneckt, hat mir gefallen. Schön auch, dass ein Tier hier weder Tier noch Symbol, sondern einfach Bild sein darf.

  4. Ein schwieriger, experimenteller Text, der mir wie ein Brocken unverdaulich im Magen liegt. Muss Jeder selber entscheiden, ob er die Lust hat, sich in diese psychiatrische Krankengeschichte einzuarbeiten.

    "Oh, wir haben uns gerade spontan ausgeschaltet...." - das ORF hatte offenbar keine Lust, diesen Text zu verfolgen. Schade...

  5. Ein multikulturelles Mosaik. Die Jury war begeistert, mich hat's völlig kaltgelassen, und wie Frau Carduff, konnte auch ich keinen Humor erkennen. Sagte Moritz - Sagte Anita - Sagte Moritz - Sagte Anita - Sagte Moritz - Sagte Anita. Schrecklich. Aber laut Jury ein bewusstes Stilmittel, dessen Sinn an der Stelle mir offenbar entgangen ist. Das Holunderblütenperfüm wird man wohl nicht so bald vergessen.

    Возможно, первым русским победителем конкурса Бахман? Vielleicht die erste russische Preisträgerin des Bachmann Wettbewerbs?

  6. Souverän und sexy! Der einzige der bisher gelesenen Text, den ich mir als Buch kaufen würde. Etwas schade finde ich beim Bachmannwettberb, dass oft nur Ausschnitee aus grösseren Werken gelesen werden, so dass man den Handlungsstrang garnicht erfassen kann. So auch hier: wir kriegen 5 Facetten vorgelesen, wüssten aber gerne, wie es mit den Mädchen weitergeht...!? (Eigentlich können diese sexuell aufgeladenen Macht- und Kontrollspiele nur übel enden, oder?).

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    wird Frau Kränzler auf jeden Fall mit nach Hause nehmen. Fragt sich nur, welchen. Ein weiteres Beispiel für die sprachlichen Preziosen der Autorin aus ihrem Erstlingswerk:

    "Meinem Leben erging es wie dem Sauerteig. Eine kleine Handvoll Ws durchsäuerte den ganzen Teig und ließ ihn aufgehen. Ich sprengte die Schüssel meiner Kindheit und breitete mich wild in alle Richtungen aus, ohne zu wissen wohin."

    wird Frau Kränzler auf jeden Fall mit nach Hause nehmen. Fragt sich nur, welchen. Ein weiteres Beispiel für die sprachlichen Preziosen der Autorin aus ihrem Erstlingswerk:

    "Meinem Leben erging es wie dem Sauerteig. Eine kleine Handvoll Ws durchsäuerte den ganzen Teig und ließ ihn aufgehen. Ich sprengte die Schüssel meiner Kindheit und breitete mich wild in alle Richtungen aus, ohne zu wissen wohin."

  7. So misslungen war die Story von Mirjam Richner wie gestern in der Zeit dargestellt aber nun wirklich nicht, und Frau Caduff hatte "Hanni&Nanni" auch keineswegs abwertend gemeint. Ich fand viele interessante, schöne, poetische Bilder und Gedanken, zum Beispiel ob Tränen Toter rot seien, oder die Frage an Gott ob es einfach gewesen sei, Krebs zu erfinden. Daneben auch Banales, Lapidares, aber insgesamt eine interessante, hörenswerte Mischung von Emotionalem, Rationalem, und einfach Surrealem. Auch die Fluss-Metapher, ist viel tiefer und schöner, wenn man die nächsten drei oder vier Sätze mal weiterliest!

  8. Misslungen fand ich allerdings die Geschichte von Stefan Moster, dessen zwei Erzählebenen leider keinerlei unterschiedliche Perspektive aufzeigen, und deren Schilderung des zentralen Hundebisses ich völlig unglaubwürdig, beinahe ärgerlich fand. Und letztlich bedeutungslos. Diese auch sprachlich uninteressante Story wurde von den Jury Mitgliedern, vor allem Burkhard Spinnen, den ich sonst sehr schätze, geradezu grotesk überinterpretiert und mit einer Bedeutung aufgeladen, die sich im Text nirgends findet.

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