BuchtippsLesen gegen Regen
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Buchtipps von Yascha Mounk, Uli Müller und Ulrich Rüdenauer

Unverhoffter Optimismus
Die aufgehübschte Leere der amerikanischen Vorstädte hat John Cheever als Erster bloßgestellt. Seine Kurzgeschichten über die Suburbs bleiben unübertroffen. Doch Cheever hat auch einen anderen Boom-Wohnort zuerst beschrieben: das Gefängnis. 1977, gerade als in den USA eine riesige Inhaftierungswelle anlief, schrieb er eine großartige Erzählung über den Mörder Ekeziel Farragut und die Insassen des maroden Gefängnisses Falconer. Willkommen in Falconer beginnt entsprechend finster und vermittelt doch einen unverhofften Optimismus über menschliche Anmut und Wandlungsfähigkeit. Der Roman, gerade in einer neuen Übersetzung von Thomas Gunkel erschienen, ist eine vielleicht untypische, aber überraschend freudenvolle Sommerlektüre. (Yascha Mounk)

John Cheever: Willkommen in Falconer. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, DuMont, Köln 2012, 223 Seiten, 19,99 Euro.

Zum Selbstdenken
Ohne Utopie in den Köpfen gibt es keine alternativen Lebensentwürfe in der Realität. Davon ist Simone Weil überzeugt. Die französische Philosophin umreißt ein alternatives Gesellschaftsmodell, in dem sich die Menschen so wenig wie möglich selbst gemachte Fesseln auferlegen. Unfreiheit bedingen neben der kapitalistischen Produktionsweise vor allem Machtstrukturen. Sie drängen Menschen in Über- und Unterordnungsverhältnisse und zementierte Knechtschaft. Aus dieser Analyse entwickelt Weil ihren Freiheitsbegriff. Freiheit ist für sie nicht die "Möglichkeit, alles, was man will, ohne Anstrengung zu erreichen". Wirkliche Freiheit bestimme sich aus dem Verhältnis von Denken und Handeln. So lange Menschen ihr Handeln selbst bestimmen, könnten sie zwar unglücklich sein, aber – anders als in Unfreiheit – nicht erniedrigt. In einer freien Gesellschaft träfen Individuen aufeinander, die nicht stumpfsinnig den Schalter einer Maschine umlegen, sondern gemeinsam mit anderen denkenden Menschen an der Lösung eines Problems arbeiten. Weils Essay aus dem Jahr 1934 hat nichts von seiner Aktualität verloren. Ein Buch für Leute, die ihre Lust am Selberdenken auffrischen wollen. (Uli Müller)

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Simone Weil: Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung. Diaphanes, Zürich 2012, 128 Seiten, 14,90 Euro.

Dunkelheit und Sehnsucht
Wenn die Sonne am Strand besonders grell leuchtet, sollte man sich mit den Vorzügen der Dunkelheit ein wenig in den Schatten zurückziehen: Ror Wolfs "Horrorroman" ist nicht nur eine meisterliche, sprachspielerische Hommage an den Schauer-, Kriminal- und Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts, eine Reise durch groteske Albtraumszenarien, sondern zudem noch ein Bilderbuch mit prächtig fantasiebefeuernden Collagen des Autors. Wer glaubte, der Surrealismus habe sich längst überlebt, hat sich gehörig getäuscht. Aber Ferien haben auch mit der Sehnsucht nach einem anderen Leben zu tun, nach anderen Rhythmen, nach einer Verlangsamung der Zeit, nach sich selbst. Das schönste Buch über die wehmütige Suche nach einem verehrten Menschen, aber vielmehr vielleicht nach dem eigenen Ich, hat im letzten Jahr Marc Fischer geschrieben: Hobalala ist die literarische Reportage einer Spurensuche in Rio de Janeiro, der Versuch, dem mythischen Sänger Joao Gilberto nahezukommen. Dieser wunderschöne, als Sachbuch getarnte Roman sollte einen diesen Sommer an jeden Urlaubsort begleiten. (Ulrich Rüdenauer)

Ror Wolf: Die Vorzüge der Dunkelheit. Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen. Horrorroman. Schöffling & Co. Frankfurt am Main 2012. 271 Seiten, 24,95 Euro.
Marc Fischer: Hobalala. Auf der Suche nach Joao Gilberto. Suhrkamp. Berlin 2012. 200 Seiten, 8,99 Euro.

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