Geistiges EigentumWas ich denke, was mich denkt

In einem brillanten Essay kämpft Philipp Theisohn gegen literarische und wissenschaftliche Plagiate. Und für ein tieferes Verständnis von geistigem Eigentum. von Gregor Dotzauer

© Kröner Verlag

Woher die Seuche kommt, dafür gibt es vor allem eine landläufige Erklärung. Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber, Betreiber der Website plagiatsgutachten.de , hat sie in dem Wort vom "Google-Copy-Paste-Syndrom" zusammengefasst. Gelegenheit macht Diebe, heißt das, und nachdem die Gelegenheit so etwas wie der Normalfall geworden ist, gilt der Dieb als ihr lästiges Nebenprodukt.

Zugleich hat es sich als Volkssport etabliert, ihn mit seinen eigenen Mitteln dingfest zu machen. Auf jede wissenschaftliche Wildsau, so scheint es, kommen mindestens zwei Jäger – im anonymen Schwarm bei VroniPlag oder bei Weber in der Abfolge von "Dreischritt-Plagiatsdetektion" und giftiger Begutachtung auf dem Boulevard-Pranger als nächstem Schritt. Nina Haferkamp, eine 29-jährige Juniorprofessorin, die erst vor anderthalb Jahren per Stiftungsprofessur Emerging Communications and Media zum Wunderkind der Dresdner TU ausgerufen wurde, hat es mit ihrer zumindest teilweise abgekupferten Dissertation über soziale Netzwerke jetzt jedenfalls auch in Bild geschafft.

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Mitleid haben die Wenigsten verdient. Aber Sympathie für die Jäger fällt einem auch oft schwer. Es kann zum Beispiel passieren, dass man Post von einem ehrgeizigen Germanisten erhält, der einen darum bittet, doch einmal einen Blick in den Debütroman einer jungen Autorin zu werfen, die sich beim großen Heimito von Doderer bedient habe: Stellen siehe Attachment. Tatsächlich finden sich einige auffällige Parallelen, die angesichts der erklärten Verehrung der Autorin für Doderer aber eher für literarische Schmuggelware als für einen Mangel an Fantasie sprechen. Wäre der ehrgeizige Germanist weniger denunziatorisch veranlagt, er hätte den angeblichen Skandal in einem Aufsatz gründlich untersucht statt ihn republikweit per Mail zu insinuieren und darüber zu klagen, dass sich der Verlag auf seine Anfragen hin in Schweigen gehüllt habe.

Philipp Theisohn (*1974) ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft.

Philipp Theisohn (*1974) ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft.  |  © Kröner Verlag

Zwei Dinge folgen daraus: Erstens ist Google nicht immer der Textlieferant; es ist oft genug die klassische Lektüre. Zweitens hat es seine Schwierigkeiten, Wissenschaftsplagiate und literarische Übernahmen in einem Aufwasch abzuhandeln. Wenn sich Philipp Theisohn in seinem Essay Literarisches Eigentum – Zur Ethik geistiger Arbeit im digitalen Zeitalter (Kröner Verlag, 137 Seiten, 11,90 €) dennoch daran versucht, so rechtfertigt dies zumindest seine Hauptthese. Der 1974 geborene Zürcher Literatur- und Kulturwissenschaftler, der schon mit einer umfangreichen Literaturgeschichte des Plagiats hervortrat, bezweifelt nämlich, "dass die Durchlässigkeit der digitalen Medien hauptverantwortlich für die Misere des literarischen Eigentums ist". Eine Annahme, von der er vor drei Jahren noch selbst ausgegangen war.

Philipp Theisohns Essay ist eine scharfsinnige Polemik gegen den rein quantifizierenden Strichcode, der bei VroniPlag die Größe der Schuld am Prozentsatz der Übereinstimmungen bemessen will. Und er ist ein Plädoyer für ein verstehendes, Sprache und Gedanklichkeit synthetisierendes Schreiben in den Geistes- und Sozialwissenschaften, das sich gar nicht erst in Textblöcke zerlegen lässt. Die Crux der Gegenwart, so Theisohn, bestehe darin, dass an die Stelle des "literarischen Körpers" mehr und mehr "nackte Daten" getreten seien. Das habe sowohl zur "Entpersönlichung der Literatur" wie zur "Entliterarisierung der Persönlichkeit" beigetragen.

Das Grau in Grau, das Karl-Theodor zu Guttenbergs Dissertation "Verfassung und Verfassungsvertrag – Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" schon vor ihrer Identifikation als plagiarische Spitzenleistung eignete, hat für ihn sein Pendant in der übercharismatischen Art und Weise, mit der er als Politiker Informationen grundsätzlich einzufärben pflegte. Denn was sind Informationen? "Sätze, die ihren Urheber verloren haben." Wer nichts zu sagen hat, muss dies wenigstens mit Emphase tun.

Theisohns "Literarisches Eigentum" ist das Anregendste, was man derzeit zum Thema lesen kann: klar gedacht, konzis verarbeitet, mit literarischem Glanz geschrieben. Ein Vorbild an geschliffener Wissenschaftsprosa, die sich schon durch ihre äußere Gestalt von der rein informationellen Verwurstung abhebt, der er eben damit entgegen tritt.

So erfrischend schafft das weder die von Thomas Rommel herausgegebene internationale Bestandsaufnahme Plagiate – Gefahr für die Wissenschaft? (LIT Verlag, Münster 2012, 267 Seiten, 29,90 €) geschweige denn VroniPlag-Gründer Martin Heidingsfelder im druckfrischen Heft der Zeitschrift für Kultur- und Medienforschung (Felix Meiner Verlag, 1/2012). Heidingsfelders dräuende Frage "Wird die Wissenschaft aus den Plagiatsfällen lernen?" erstickt an einem Moralismus, der das Problem mit einem Appell an die Verantwortlichen lösen zu können meint.

Leserkommentare
  1. Plagiate sind willentliche Kopien, um sich die Arbeit zu erleichtern.
    Das eigentliche Probem bleibt aber, dass man prüfen will, ob jemand was weiss.

    Wie kann man denn mit der Garantie eines eigenständig formulierten Wortes oder Inhaltes darauf schliessen, ob jemand etwas weiss? Es ist nur ein Indiz. Aha. Man schliesst daraus, dass es eine Kopie gibt oder "Arbeitserleichterung" , dass dem die Absicht zugrundeliegt, zu mogeln.

    Aber in all den Fällen, wo man keine Kopie erkennen kann, setzt man also voraus, dass diese Prüflinge einen Inhalt wirklich verstanden haben, einen eigenständigen Umgang damit pflegen können, wissenschaftich arbeiten können. Denn sie könnten genauso "nur so tun als ob".

    Das entscheidende Problem bleibt, dass man nicht wirklich prüfen kann. Die ganzen Prüfungsorgien und Bescheide und Urkunden würden sich als ziemlich albern herausstellen.

    Ist doch die Wahrheit, dass die ganzen Prüfungen und daraus resultierenden Urkunden nur "beglaubigtes Wissen" darstellt.
    Kurzum, es ist ein Indiz.

    Wir bauen unser Wissen oft nicht auf Fakten sondern auf Indizien auf .

    Die Ursache dieser Angelegenheit, ist die Suche nach den Leuten, die am richtigen Platz sind. Ein falscher Doktor hat in seinem Beruf nichts zu suchen , er ist am Platz fehl. Das muss gut geprüft werden.

    Vielleicht kann man die Prüfung reformieren, und achtet nicht mehr auf abgefragtes Wissen, sondern wie einer wissenschaftlich arbeitet oder medizinisch. Dass man ihn einige Wochen beobachtet.

    Eine Leserempfehlung
  2. Aber das geht nur in einer offenen Gesellschaft gut. Wir sind bereits in einer geschlossenen, in denen die, die die Leute beobachten, zugleich dazu neigen, die Prüflinge nach Einverständnis mit deren Methoden zu selektieren, wo es darum geht, ob jemand möglichst so arbeitet, wie man selbst. So bilden sich dann auch Autoriäten in Fachkreisen, ein Status Quo, die sagen, was als prüfbares Wissen gültig ist und was nicht. Eine geschlossene Gesellschaft, die definiert, was wahr ist, ohne dass etwas wahr sein muss. Wie es in der Wissenschaft Tatsache ist, dass zB selbst die anerkanntesten Theorien nur Theorien bleiben.

    Die Welt ist eine Scheibe, gilt auch in vielen Wissenschaften. Die Auslese würde dann durch noch mehr Nähe zum (fachkundigen) Prüfer verstärkt.

  3. Das Thema ist sehr kommplex, und geht schon wiedermal nahe an die Hirnforschung, wie ensteht was im Kopf, also auch die lust zu schreiben, und texte oder Formulierungen so zusammen zubringen das sie nicht immer gleich sin. Aleine darum geht es ja.Ganz klar ist, das manche Menschen einfach über ein sehr gut funktionierendes Langszeit wissen verfügen,ohne sich permanent mit dem alten zu befassen, sprich sone art Bilder, Foto Gedächtnis.Wie das zu stande kommt und ob man sich dieses Antrainieren kann,sei nun mal dahin gestellt.Des weiteren ist es ja nun mal so,das veschiedene abläufe im Unterbewusstsein einhergehen,wei zum Beispiel ich sehe einen Radfahrer,mit trikot,und denke sofort an Armstrong, und Frankreich,bei mir gehts gleich ab bis,was hast du das letzte mal in Frankreich gegessen, oder noch viel weiter,in einer sekunde.Somit lassen sich verschiedene,denkschamtische doppelungen in Dissertationen erklären,weil herkömmliches wissen,in vielen wegen der aufnahme gleich sind, gerade durch die aufnahme der massenmedien.Hinzu kommt die überlasstung von wissen im algemeinen,die überreizung von Jägern,wo ich denke das dies ein frquenz kreis ergibt, er bei vielen sowas wie Zeitsprünge verursachen läst,weil es nicht mehr,mit normalen fähigkeiten zu beschreiben ist,und dardurch auch nicht mehr zu Erforschen.In unsren Köpfen ist eh mehr angelegt,das wage ich zu behaupten, wie wir uns zu diesen Zeitpunkt vorstellen können, weil bei diesem Stau,an Information müll,der Damm bald bricht.

  4. der nur zu 100% aus biologisch abbaubaren Zitaten besteht, gibt es den schon?
    wäre doch lustig zu sehen wie die Jäger alle Schnipsel suchen.
    Die Kunst wäre ja die Schnipsel so aneinander zu kleben das man die Trennung nicht sieht.

  5. Abschreiben ist erlaubt. Man muss es als solches nur kenntlich machen. Wo kämen wir hin, wenn nicht abgeschrieben werden dürft. Wer aber abschreibt und das verheimlicht, sodass er fremden Text als seinen eigenen ausgibt, der und nur der ist ein Plagiator.

    Plagiatoren, wenn erwischt, müssen zuweilen Federn lassen oder weit reisen. Zu Recht. Sie hätten ja "Gänsefüsschen" setzen können, dann hätten sie noch alle Federn und wären noch in Amt und Würden oder zu Hause.

    Wie kann man nur so dämlich sein und das vergessen. Oder war es Überheblichkeit. Vielleicht auch Selbstüberschätzung.

    Es könnte auch der Stress mit den Kindern eines jungen Vaters gewesen sein. Ist ja jetzt vorbei. Grüße in die USA. Mir fällte dein Name nicht ein, er fällt mir nicht ein, ich werde alt.

    • Coolie
    • 17. Juli 2012 15:52 Uhr

    ...die Guttenberg-Tastatur?

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    Ja, das ist die Tastatur, mit der er seine Dissertation geschrieben hat. Das Original, übrigens.

  6. Wann kommt der erste Roman mit Quellenanhang?
    Ein greiser Autor wäre wohl eher stolz, wenn ein Nachwuchstalent aus einem seiner längst vergessenen Romane ein paar originelle Sätze (selbstverständlich kontextbezogen und leicht abgewandelt) ans literarische Tageslicht zurückholt.
    Nein! Es sind zukünftig die einfallslosen jungen Kläffer, die auf moralisch machen, und bei jedem neuen originellen Romanabsatz nach einem vermeintlich älteren Urheber forschen.
    Der Wahn vom Eigentum wird alle Kulturkatastrophen übertreffen. Es lebe das literarische Abmahnverfahren!

    2 Leserempfehlungen
    • Puh
    • 17. Juli 2012 20:30 Uhr

    Das Plagiat kann mindestens zweierlei sein: in der Belletristik die wohl höchste Form der Bewunderung für den Plagiierten. Besondere deutlich wird das in den Fällen, wo der Plagiator den Ideenlieferanten mit ironischer Gebrochenheit nutzt und dabei sich und seine und im besten Falle auch des Ideenlieferanten Grenzen reflektiert.
    In wirklich großer Literatur findet man diese Form des Plagiats eigentlich immer wieder.
    In der Wissenschaft war das Zitat zunächt einfach nur eine Darlegung der Kenntnisse. Wer über etwas schrieb, sollte dann belegen können, dass er sich mit den Thema auch beschäftigt hatte.
    In einer differenzierten Wissenschaft ist das Zitat dann ein Istrument geworden, um die Anbindung oder Anbiederung an gewisse Traditionen zu illustieren - und somit auch an Futtertröge. Man bekennt sich einfach zu einer gewissen Richtung und hofft, dort dann unterzukommen. Um aber wirklich unterkommen zu können, muss man zumindest in einem beschränkten Rahmen Eigenständigkeit beweisen.
    Anders als in der Literatur, wo er das Geschenen ironisch brechen kann und sich selber aufhebt, ist der Plagiator in der Wissenschaft von daher in mehrfacher Weise gefährlich: Er gibt nicht nur eine nicht vorhandene Urteilsfähgikeit vor, er verschleiert auch den eigenen Kenntnisstand und er legt nicht offen, an welche Traditionen er sich gebunden fühlt.
    Deshalb ist ein Plagiat hier so sträflich, während es in der Belletristik Kunst sein kann. Axolotl Roadkill war davon aber weit entfernt.

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