Woher die Seuche kommt, dafür gibt es vor allem eine landläufige Erklärung. Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber, Betreiber der Website plagiatsgutachten.de , hat sie in dem Wort vom "Google-Copy-Paste-Syndrom" zusammengefasst. Gelegenheit macht Diebe, heißt das, und nachdem die Gelegenheit so etwas wie der Normalfall geworden ist, gilt der Dieb als ihr lästiges Nebenprodukt.

Zugleich hat es sich als Volkssport etabliert, ihn mit seinen eigenen Mitteln dingfest zu machen. Auf jede wissenschaftliche Wildsau, so scheint es, kommen mindestens zwei Jäger – im anonymen Schwarm bei VroniPlag oder bei Weber in der Abfolge von "Dreischritt-Plagiatsdetektion" und giftiger Begutachtung auf dem Boulevard-Pranger als nächstem Schritt. Nina Haferkamp, eine 29-jährige Juniorprofessorin, die erst vor anderthalb Jahren per Stiftungsprofessur Emerging Communications and Media zum Wunderkind der Dresdner TU ausgerufen wurde, hat es mit ihrer zumindest teilweise abgekupferten Dissertation über soziale Netzwerke jetzt jedenfalls auch in Bild geschafft.

Mitleid haben die Wenigsten verdient. Aber Sympathie für die Jäger fällt einem auch oft schwer. Es kann zum Beispiel passieren, dass man Post von einem ehrgeizigen Germanisten erhält, der einen darum bittet, doch einmal einen Blick in den Debütroman einer jungen Autorin zu werfen, die sich beim großen Heimito von Doderer bedient habe: Stellen siehe Attachment. Tatsächlich finden sich einige auffällige Parallelen, die angesichts der erklärten Verehrung der Autorin für Doderer aber eher für literarische Schmuggelware als für einen Mangel an Fantasie sprechen. Wäre der ehrgeizige Germanist weniger denunziatorisch veranlagt, er hätte den angeblichen Skandal in einem Aufsatz gründlich untersucht statt ihn republikweit per Mail zu insinuieren und darüber zu klagen, dass sich der Verlag auf seine Anfragen hin in Schweigen gehüllt habe.

Zwei Dinge folgen daraus: Erstens ist Google nicht immer der Textlieferant; es ist oft genug die klassische Lektüre. Zweitens hat es seine Schwierigkeiten, Wissenschaftsplagiate und literarische Übernahmen in einem Aufwasch abzuhandeln. Wenn sich Philipp Theisohn in seinem Essay Literarisches Eigentum – Zur Ethik geistiger Arbeit im digitalen Zeitalter (Kröner Verlag, 137 Seiten, 11,90 €) dennoch daran versucht, so rechtfertigt dies zumindest seine Hauptthese. Der 1974 geborene Zürcher Literatur- und Kulturwissenschaftler, der schon mit einer umfangreichen Literaturgeschichte des Plagiats hervortrat, bezweifelt nämlich, "dass die Durchlässigkeit der digitalen Medien hauptverantwortlich für die Misere des literarischen Eigentums ist". Eine Annahme, von der er vor drei Jahren noch selbst ausgegangen war.

Philipp Theisohns Essay ist eine scharfsinnige Polemik gegen den rein quantifizierenden Strichcode, der bei VroniPlag die Größe der Schuld am Prozentsatz der Übereinstimmungen bemessen will. Und er ist ein Plädoyer für ein verstehendes, Sprache und Gedanklichkeit synthetisierendes Schreiben in den Geistes- und Sozialwissenschaften, das sich gar nicht erst in Textblöcke zerlegen lässt. Die Crux der Gegenwart, so Theisohn, bestehe darin, dass an die Stelle des "literarischen Körpers" mehr und mehr "nackte Daten" getreten seien. Das habe sowohl zur "Entpersönlichung der Literatur" wie zur "Entliterarisierung der Persönlichkeit" beigetragen.

Das Grau in Grau, das Karl-Theodor zu Guttenbergs Dissertation "Verfassung und Verfassungsvertrag – Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" schon vor ihrer Identifikation als plagiarische Spitzenleistung eignete, hat für ihn sein Pendant in der übercharismatischen Art und Weise, mit der er als Politiker Informationen grundsätzlich einzufärben pflegte. Denn was sind Informationen? "Sätze, die ihren Urheber verloren haben." Wer nichts zu sagen hat, muss dies wenigstens mit Emphase tun.

Theisohns "Literarisches Eigentum" ist das Anregendste, was man derzeit zum Thema lesen kann: klar gedacht, konzis verarbeitet, mit literarischem Glanz geschrieben. Ein Vorbild an geschliffener Wissenschaftsprosa, die sich schon durch ihre äußere Gestalt von der rein informationellen Verwurstung abhebt, der er eben damit entgegen tritt.

So erfrischend schafft das weder die von Thomas Rommel herausgegebene internationale Bestandsaufnahme Plagiate – Gefahr für die Wissenschaft? (LIT Verlag, Münster 2012, 267 Seiten, 29,90 €) geschweige denn VroniPlag-Gründer Martin Heidingsfelder im druckfrischen Heft der Zeitschrift für Kultur- und Medienforschung (Felix Meiner Verlag, 1/2012). Heidingsfelders dräuende Frage "Wird die Wissenschaft aus den Plagiatsfällen lernen?" erstickt an einem Moralismus, der das Problem mit einem Appell an die Verantwortlichen lösen zu können meint.