Zumindest, und das ist die gute Nachricht dieser ansonsten bedröppelten Zeilen, haben wir ein Geheimnis dieses Sommers lüften können. Es ist keineswegs so, dass die deutsche Leserschaft ein fatales Bedürfnis nach Unterwerfung und saudreckigem Sex besitzt, wie allerorts geraunt wird. Vielmehr hat sie 50 Shades of Grey aus einem simplen Anlass gekauft: Schon mal in den Himmel geschaut? Viel Grau, oder? In Zeiten, da der Zeigearm des Fernsehmeteorologen aussieht wie eine Reitgerte und jeder Schritt vor die Tür ein sadomasochistisches Gemüt erfordert, muss man doch kurz staunen, wie problemorientiert die Gegenwartsliteratur ist und wie viele Menschen noch immer Leidenstrost und Welterklärung in Romanen suchen, kurzum: Hilfe.

Und die tut wirklich Not, wenn selbst das eherne Diktum von Max Goldt einer Überprüfung bedarf: Wer wissen will, wie das Wetter heute ist, soll aus dem Fenster gucken. Wenn Schillers empfindsames Geseufz höchstens noch als Zustandsbeschreibung durchgeht: "Scheint die Sonne so scheint ach! schon die Sonne nicht mehr." Oder so ähnlich. Es lässt sich ja kaum ein klarer Gedanke fassen.

Natürlich: Dass das Wetter macht, was es will, ist eine Weisheit, die so alt ist, dass wir für sie ohne größeres Gemaule im Bus aufstehen würden. Insofern da überhaupt noch Platz ist! Denn dort drängen sich feuchtdünstende Menschen aus allen Erregungsmassen, von denen man täglich in den Medien hört, Verbraucher, Anwohner, Steuerzahler, Urlauber, Arbeitnehmer – rätselnd, wie sie umsetzen können, was ihnen die Sachbuchtische der Republik laufend verkünden: Empört euch! Engagiert euch! Eine trockene Welt ist möglich!

Aber wie? Wer will schon die Wolken andemonstrieren und vor Frust den Schirm gen Himmel schwingen (Vorsicht, Verletzungsgefahr). Ohnmächtig erscheinen auch zeitgemäße Wutmittel wie der Shit- und der Flauschstorm. Außer man sucht eine unmeteorologische Erklärung für die zerzauste Frisur. Und selbst ein vormoderner Rückfall in die Gottesanklage verspricht höchstens die Gefahr, vom Vatikan mit Forderungen in sechsstelliger Höhe überschüttet zu werden. Religion und Flüssigkeiten sind derzeit, bei aller Wetterfühligkeit, ein heikles Terrain .

Sollen wir deswegen verzweifeln, uns in der dekadenten Melancholie suhlen wie die russische Literatur? Wie Oblomow die trüben Tage im Bett verdämmern? Gut zuwege war er bekanntlich dabei nicht, hatte aber immerhin die bessere Laune in der schlechten. Lag warm und sicher vor Witterung, Nieder- und Blitzeinschlägen, jäher Erblindung durch Regenschirmnupsies und Oberleitungsstörung bedingten Umleitungen nach Göttingen , über das Heinrich Heine bereits alles Nötige gesagt hat. Von dem stammt übrigens die jahrhundertealte Einsicht, dass der deutsche Sommer bloß ein grün angestrichener Winter ist. Keine Ahnung, ob das tröstlich ist. Vielleicht meinte er: Ziehen Sie sich angemessen an, es ist Sommerloch.