Andrej KurkowOblomow zieht bei Mama aus

Ein liebenswerter Antiheld, etwas magischer Realismus: Andrej Kurkows Roman "Der Gärtner von Otschakow" kommentiert die Verhältnisse in der Ukraine. von Fokke Joel

"Auf die Zeit achtete keiner", heißt es über das spontane "Schaschlik-Picknick" der zwei Freunde Igor und Koljan. "Es war sinnlos, das Programm war klar und bestand aus Freizeit, Schaschliks und Wodka. Dabei schloss die Freizeit alles ein, auch die Schaschliks und den Wodka, und ihr Ende hing nicht von den Zeigern der Uhr, sondern der Ausdauer und den Lebenskräften der Teilnehmer ab." Wobei Igor auch sonst in Andrej Kurkows Roman Der Gärtner von Otschakow die Zeit für sich angehalten hat, denn statt erwachsen zu werden, sich eine Arbeit zu suchen und bei seiner Mutter auszuziehen, lebt der inzwischen Dreißigjährige auf ihre Kosten in den Tag hinein.

Auch Koljan, der ihm vorwirft, dass er im "Prinzip ein Mensch ohne Ambitionen" und "nach sowjetischem Maßstab ein Nichtstuer und Parasit" sei, steuert in Wirklichkeit kein anderes Leben an. Nur will er das Geld, das ihm ein Leben ohne Arbeit ermöglicht, selbst "verdienen". Dazu hackt sich der Computerspezialist in die E-Mail-Accounts der Geschäftspartner und Ehefrauen seiner Kunden ein und lässt sich dafür gut bezahlen. Für ein Leben als "Privatier", sagt er, müsse man "schon mit Tempo fünf- bis zehntausend Grüne im Monat unterwegs sein. Oder noch schneller! Und genau dafür braucht man Informationen!" Während also Igor die Vergänglichkeit austricksen will, indem er sie einfach ignoriert, versucht Koljan es zunächst mit der Beschleunigung der Zeit: schneller Geld verdienen. Das kann natürlich nicht gut gehen.

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Zunächst jedoch taucht auf dem Hof von Igors Mutter ein ominöser Mann auf. Er heißt Stepan und bietet ihr an, für Unterkunft und wenig Geld Reparaturen am Haus durchzuführen. Die Mutter stellt ihn ein und Igor freundet sich mit ihm an. Er erfährt, dass Stepan in Otschakow geboren wurde, dort aber seit frühester Kindheit nicht mehr war. Nach einer Fahrt der beiden in die Kleinstadt am Schwarzen Meer schenkt Stepan Igor eine alte Milizuniform. Eine Uniform, die auf andere Weise die Zeit außer Kraft setzt: indem sie Igor in das Otschakow des Jahres 1957 versetzt.

Magischer Realismus

In seinen nächtlichen Reisen in die Sowjetzeit gelingen ihm plötzlich Dinge, die ihm in seiner eigenen Gegenwart unmöglich waren. Er, der schüchterne, spricht zum Beispiel Walja an, eine Schönheit auf dem Markt von Otschakow. Er wird sogar richtig euphorisch: "Igor ging schneller, ein angespanntes Lächeln auf den Lippen, Herz und Kopf voller Erwartungen. Die Erwartungen, in eine andere Welt einzutauchen, eine Welt, hinter deren Fenstern und Gesichtern ein anderer Sinn spürbar war. In Gesten und Bewegungen dieser Welt war eine andere Energie zu sehen, und in den Augen ihrer Bewohner brannte eine andere Wachheit, andere Freude oder anderer Ernst."

Plötzlich wird aus dem ukrainischen Oblomow ein Mann der Tat, der die Zeit nicht anhalten, sondern verändern will. Allerdings kommen auch schnell wieder die Zweifel: "Ich kann hier nichts ändern oder aufhalten ... Ich habe nichts gemein mit dieser Stadt und ihren Bewohnern. Sie leben in ihrer Zeit, und ich in meiner." Andererseits lassen sich die Zeiten nicht einfach trennen, "denn die Gegenwart ist aus der kürzlichen Vergangenheit gewebt, und solange die Menschen sich an die Vergangenheit erinnern, ist sie da, beobachtet einen und bestimmt, was zu tun ist".

Die Beschreibung seines liebenswerten Antihelden, der Rückgriff auf den magischen Realismus à la Bulgakow, das alles sind Mittel, mit denen Andrej Kurkow die Verhältnisse in der heutigen Ukraine ironisch kommentiert. Er tut dies, ohne dem Leser seine Sicht der Dinge aufzuzwingen. Die Frage ist nur, ob sich die umfangreiche Handlung für die im Verhältnis dazu kleine Ausbeute an Erkenntnissen gelohnt hat. Die erzählerische Dichte, die Tragikomik, die noch Picknick auf dem Eis auszeichnete, das Buch mit dem Kurkow bekannt geworden ist, vermisst man in Der Gärtner von Otschakow .
 

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Andrej Kurkow | Ausdauer | Freizeit | Realismus | Geld | Schönheit
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