Ayn RandPuppenhausprosa der Kapitalisten

Der Konzern hat immer recht: Ayn Rands Epos "Der Streik" von 1957 ist bis heute eins der meistverkauften Bücher der USA. Es hilft, die Republikaner zu verstehen. von Felix Stephan

Selten war die Bedeutung eines Buches so sehr an seine Verkaufszahlen gekoppelt wie im Fall von Ayn Rands Kapitalismus-Epos Atlas Shrugged . Deshalb vorab die wirtschaftlichen Daten: Das Buch, das 1957 veröffentlicht und sofort ein Bestseller wurde, hat sich nach dem Tod seiner Autorin in jedem Jahrzehnt besser verkauft als je zuvor. Durchschnittlich 77.000 Exemplare jährlich in den Achtzigern, 93.000 in den Neunzigern, 130.000 in den nuller Jahren.

Seit Beginn der Finanzkrise sind die Zahlen noch einmal gestiegen: Allein 2011 hat Penguin Books fast eine halbe Million Exemplare verkauft. Eine deutsche Übersetzung gab es lange Jahre nicht, jetzt aber liegt das Buch unter dem Titel Der Streik auch wieder hierzulande vor. Was ist das also für ein Werk, das seit Jahrzehnten die amerikanische Gesellschaft prägt wie sonst vielleicht nur die Bibel, in Deutschland allerdings schlichtweg überhaupt gar keine Rolle spielt?

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Das Buch spielt in einer nicht näher benannten frühindustriellen Epoche in den Vereinigten Staaten. Es werden die ersten transkontinentalen Eisenbahnverbindungen gelegt und die industrielle Infrastruktur entwickelt sich gerade zwischen Ölförderern in Colorado , Stahlwerken in Pennsylvania und Luxusrestaurants in New York . Im Hintergrund prallen die zwei großen gesellschaftspolitischen Entwürfe der westlichen Ideengeschichte aufeinander: Auf der einen Seite der radikale Laissez-faire- Kapitalismus , der sein Heilsversprechen in einer Welt ohne jegliche staatliche Regulierung sieht, Steuern für Diebstahl und Armut für ausnahmslos selbstverschuldet hält. Und auf der anderen Seite ein Umverteilungssozialismus, der von allen Mitgliedern der Gesellschaft Abgaben verlangt, um soziale Unebenheiten auszugleichen.

In Rands dystopischem Roman gewinnt der sozialistische Ansatz durch politische Intrige und gewaltsame Enteignung immer mehr politischen Einfluss. Die Konzernlenker verabschieden sich der Reihe nach frustriert von der Welt, verschwinden unversehens, ohne Spur, ohne Nachricht. Diese schleichende Erosion der Wirtschaftselite führt im Buch zu einem Kollaps der Vereinigten Staaten: Der Strom wird rationiert, Kalifornien spaltet sich ab, einzelne Bundesstaaten führen Bürgerkriege um Getreidefabriken, Telefonkabel reißen, Hochöfen explodieren.

Paul Ryan ist ein glühender Verehrer

Der Streik ist ein wirtschaftspolitisches Positionspapier im Gewand eines Gesellschaftsromans. Mit Ambivalenzen hält sich das Buch nicht auf, die Rollen sind klar verteilt: Die fleißigen und visionären Guten arbeiten für den eigenen Vorteil und damit unweigerlich für das Wohl der Nation und der Welt, während die unterbelichteten Bösen die Profite im Namen des Gemeinwohls plündern, mit dem Ziel, eine kommunistische Diktatur zu errichten. Zwischen diesen beiden Polen gibt es keine Grauzone, alle Charaktere stehen entweder auf der einen oder der anderen Seite. Maximal sind sie in der Lage, ihren Irrtum zu erkennen und bekehrt ins Lager der Kapitalisten überzutreten.

Das erzählerische Setting indes darf man sich als eine Art Telenovela vorstellen, in der die positiven Männerfiguren reiche, präpotente Anführer sind, von denen sich die weibliche Protagonistin Dagny Taggart, die Vize-Präsidentin des Eisenbahnkonzerns Taggart Transcontinental, der Reihe nach erobern lässt. Praktischerweise fügt es sich, dass sämtliche relevante positive Männerfiguren tatsächlich in sie verliebt sind und darüber hinaus auch noch die Größe besitzen, aufeinander nicht eifersüchtig zu sein.

Dabei könnte man es im Grunde belassen. Wunderlicher Kitsch, Puppenhausprosa, wahnwitzig unterkomplexer Realitätsentwurf. Wenn da nicht die Millionen verkaufter Exemplare wären. Und wenn da nicht Leute wie Paul Ryan wären, die den Text über die Jahrzehnte immer wieder zu einer Art wirtschaftspolitischem Schlüsselwerk kanonisieren: Ryan ist glühender Ayn-Rand-Verehrer und nebenbei der aktuelle republikanische Kandidat für das Amt des amerikanischen Vizepräsidenten. Und wenn da nicht die jahrzehntelang nicht abreißenden Besprechungen wären: Vom New Yorker bis zur LA Books Review haben in diesen Tagen sämtliche Hausblätter der US-amerikanischen Geisteswelt anlässlich von Paul Ryans Nominierung das Buch wieder hervorgeholt.

Leserkommentare
  1. Mit Philosophie hat das alles gar nichts zu tun - eher im Gegenteil! Aber für krudesten Kitsch verwoben mit einer quasimanichäischen Grundierung waren einige Amerikaner ja schon immer empfänglich. Dagegen ist jedoch so mancher Hollywoodstreifen richtiggehend revolutionär.

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  2. ...und jeder darf dazu eine Meinung haben.

    Für mich ist es das Pendant zum "Jud Süß" nur mit der sozialen Gerechtigkeit in der negativ besetzten Rolle.

    Aber es stimmt, es zeigt das Denken der amerikanischen Rechten sehr gut.

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    • xy1
    • 17. August 2012 13:57 Uhr

    Ayn Rand ist in den 20-Jahren des vorigen Jahrhunderts aus der Sowjetunion geflohen. Sie hat dort auf eigenem Leib die Beglückungen einer Ideologie erlebt, die vorgab alles zum Besten des Volkes zu tun, und dabei einen schrecklichen Terror auf dieses ausübte. Daher der Sprung zur absoluten Verherrlichkeit der Individualität und die Ablehnung jeglicher sozialer Errungenschaften.
    Dass sie von einem Extrem ins andere fiel, merkte sie nicht.
    Auch dass jeder Mensch viele Widersprüche in sich trägt, und dass die gesellschaftlichen Wechselwirkungen überhaupt nicht monokausal erklärt werden können, entging ihr, bzw. wurde nicht wahrgenommen.
    Praktisch erzählt sie Märchen: hier der Edle, der alles zum Guten wendet, da der Böse, der eben der Satan in Person ist.
    Diese extreme Vereinfachung könnte vielleicht den Erfolg bei der breiten Masse einigermassen erklären.

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    ...fällt mir selbst im Kollegenkreis auf, dass viele der ursprünglich kommunistisch geprägten Leute sehr überzeugte Kapitalisten sind.

    Witzigerweise verstehe ich sogar die republikanische Sichtweise ein Stück weit. Denn der amerikanische Staat gibt sich omnipräsent und wenig demokratisch, zumindest auf der Ebene von Washington. Ist halt ein sehr großer und machtbewusster Staat, da darf man keine Bürgernähe mehr erwarten.

    Wirklich dumm an der republikanischen Perspektive ist lediglich die grundnaive ideologische Sichtweise auf den Kapitalismus, die jeglicher systemischen Analyse komplett zuwider läuft. Sie leugnen die Realität und flüchten sich umso mehr in Glauben und Ideologie.

    Ich bin da fatalistisch, da müssen die halt durch, so wie die Iraner ihr religiöses Regime ausbaden müssen, lernen offenbar auch die Amis nur durch die Praxis.

    Was mich ein bisschen depremiert: die Demokraten hätten durchaus eine Chance dem ganzen kruden Sozialismus-Enteignungs-Verschwörungskram einen Riegel vorzuschieben, sie müssten nur Volksentscheide zu den wichtigen sozialen Themen einführen. Der Fanatismus ist schliesslich nur ein Folge gefühlter Machtlosigkeit...

    • J-M
    • 17. August 2012 14:21 Uhr

    "Die Apologeten von Gemeinwohl, Moral und Metaphysik hingegen sind fratzenhaft überzeichnete Weichlinge: Sie stehlen, vergewaltigen, verraten, lügen und kommandieren. Bei Lord Byron und John Keats, bei Verlaine und Camus, bei Brecht und Mann sind diese Verhältnisse tendenziell genau invertiert.
    [...] Dass das, was wir für human, für das Erbe der Menschheit halten, Auslegungssache ist und keine anthropologische Konstante."

    Es ehrt Sie, dass SIE das für eine Konstante halten, aber so wie Sie es darstellen, stehen Sie damit in einer ungebrochenen Tradition mit der europäischen Geistesgeschichte. Das ist freilich falsch. Das Mendeville-Paradox vom gleichnamigen englischen Autor stammt aus dem 18. Jahrhundert und die oben beschriebene Handlung ist nicht weniger, als ein billiger Abklatsch seiner "Bienenfabel". Die Bigotterie dessen was Sie als 'human' bezeichnen und die Korrumpiertheit jener, die diese Humanität vertreten, wurde stets von Moralisten in Zweifel gezogen und verachtet. Man muss nur einmal Oscar Wilde lesen.

  3. ...fällt mir selbst im Kollegenkreis auf, dass viele der ursprünglich kommunistisch geprägten Leute sehr überzeugte Kapitalisten sind.

    Witzigerweise verstehe ich sogar die republikanische Sichtweise ein Stück weit. Denn der amerikanische Staat gibt sich omnipräsent und wenig demokratisch, zumindest auf der Ebene von Washington. Ist halt ein sehr großer und machtbewusster Staat, da darf man keine Bürgernähe mehr erwarten.

    Wirklich dumm an der republikanischen Perspektive ist lediglich die grundnaive ideologische Sichtweise auf den Kapitalismus, die jeglicher systemischen Analyse komplett zuwider läuft. Sie leugnen die Realität und flüchten sich umso mehr in Glauben und Ideologie.

    Ich bin da fatalistisch, da müssen die halt durch, so wie die Iraner ihr religiöses Regime ausbaden müssen, lernen offenbar auch die Amis nur durch die Praxis.

    Was mich ein bisschen depremiert: die Demokraten hätten durchaus eine Chance dem ganzen kruden Sozialismus-Enteignungs-Verschwörungskram einen Riegel vorzuschieben, sie müssten nur Volksentscheide zu den wichtigen sozialen Themen einführen. Der Fanatismus ist schliesslich nur ein Folge gefühlter Machtlosigkeit...

    Antwort auf "Einfachstes Märchen"
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    • xy1
    • 17. August 2012 19:46 Uhr

    "dass viele der ursprünglich kommunistisch geprägten Leute sehr überzeugte Kapitalisten sind."
    Es ist sehr einfach: sie haben in der Praxis erfahren dass das sozialistische Konzept nicht funktionieren kann (aus prinzipiellen Gründen, nicht weil es falsch angewandt wurde).
    Zum kapitalistischen System kann man nur das sagen, was Churchill über die Demokratie sagte - dass sie die am wenigsten schlechte aller bis jetzt existierenden Regierungsformen sei. D.h. man erwarte nicht das Heil von irgend einer Utopie, man soll sich mit den Unzulänglichkeiten auseinandersetzen und akzeptieren, dass es keine perfekte Lösung für die Probleme der Gesellschaft geben kann. Versuch und Irrtum - so arbeitet die Natur, so ist es auch in der Politik.
    Man soll zufrieden sein, in einer Gesellschaft zu leben, wo am Morgen der Milochmann klingelt und nicht zwei Herren in Ledermänteln.......

  4. Weder der Übersetzer noch der Rezensent haben verstanden, daß es sich bei den Darstellungen in diesem Buch nicht um einen Streik handelt. Ein Streik stellt eine staatlich legitimierte Nötigung/Erpressung durch eine Masse von Menschen gegenüber einer Minderheit zum Zwecke der wirtschaftlichen Bereicherung dar. Die beschriebene Minderheit in "Atlas shrugged" zieht sich einfach zurück und überläßt die Massen ihrem Schicksal. Ein Streik ist hingegen das klassische Mittel ihrer Verfolger und Unterdrücker.

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    Vielleicht haben Sie, lieber FDGO, ja auch mal "Das Geisterhaus" gelesen. Da steht beschrieben, wie Anfang des letzten Jahrhunderts kommunistische Agitatoren auf's Land kommen, um Vorträge zu halten. Und keiner der Zuhörer verzieht auch nur eine Miene, weil sein Patron ihn bei der geringsten Bekundung von Zustimmung auf der Stelle erschießen würde. Und die Polizei würde diensteifrig bekunden, das Opfer sei beim Stehlen erwischt worden.
    Ich hoffe, sie verstehen, dass wir ohne Streik und andere "staatlich legitimierte Nötigungen" nie über diese zivilisatorische Phase hinausgekommen wären.

    • thbode
    • 17. August 2012 14:55 Uhr

    Rand war traumatisiert vom Sowjet-System und erschuf sich eine kapitalistische Traumwelt der "Freiheit". Dass im Westen parallel über viele Jahrzehnte eine Evolution stattfand in der Gewerkschaften und progressives Bürgertum soziale Errungenschaften erkämpft haben, dafür fehlte ihr jedes Verständnis.
    Ähm, räusper, und wir habe einen Bundespräsidenten der vom Sowjet-System in der DDR-Variante traumatisiert wurde, keinerlei Anerkennung oder Verständnis für Gewerkschaften und die 68er-Bewegung der BRD hat, und ein seltsames Büchlein verfasste das eine Mischung von Rührseligkeit und Freiheits-Ideologie ist. Aber sonst gibt es fast keine Parallelen dafür dass dort und hier Menschen ähnlich ticken. Nein, die Amis sind doch ganz anders...

  5. wenn 55 Jahre nach erscheinen des Buches sich Zeit Online sich die Muße nimmt dagegen anzukämpfen.

    Ist die sozialistische Zwangsbeglückungs.Idee nun doch endlich gestorben?

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    ...ist längst gestorben.

    Die Zukunft heißt Demokratisierung, denn im Ggs. zur wortreichen Selbstinszenierung sind die westlichen Systeme nicht sonderlich demokratisch.

    Zumindest hoffe ich, dass die Zukunft dort liegt. Einige sehen sie auch in postdemokratisch-kapitalistischer Zwangsbeglückung in vereinigten Großreichen...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Buch | Streik | Telenovela | USA | Polen | Colorado
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