Für den europäischen Leser ist alles recht verwirrend: Er findet eine Welt vor, die im Grunde allen literarisch tradierten Moralvorstellungen zuwiderläuft, die er so kennt: Die despotischen Konzernlenker sind bei Rand die wahrhaft beseelten Menschen. Nur sie haben die Kraft zur Vergebung, nur sie können das ganze Potenzial der Liebe spüren und haben die Courage, einer diktatorischen, heuchlerischen Welt die Stirn zu bieten. Sie sind zivilisiert, vernünftig, neugierig, romantisch, galant. Die Apologeten von Gemeinwohl, Moral und Metaphysik hingegen sind fratzenhaft überzeichnete Weichlinge: Sie stehlen, vergewaltigen, verraten, lügen und kommandieren. Bei Lord Byron und John Keats, bei Verlaine und Camus, bei Brecht und Mann sind diese Verhältnisse tendenziell genau invertiert.

Gerade darin liegt das immense Wirkungspotenzial dieser deutschen Neuübersetzung. Der Roman führt vor, wie leidenschaftliche Erzählungen in der Lage sind, gegenläufige Wertesysteme literarisch zu plausibilisieren. Ayn Rand beweist in Der Streik , dass uns der stolze europäische Roman einer existenziellen Wahrheit keinen Schritt näher bringt. Rand nimmt seine narrativen Prozessregeln auf und lässt sie für die gegenteiligen ethischen Prinzipien arbeiten. Und weil das offenbar ganz genauso gut klappt, wirft das Buch implizit die Frage auf, ob die Motivik der europäischen Literaturgeschichte nicht einfach ein historisch bedingter Irrtum sein könnte. Dass das, was wir für human, für das Erbe der Menschheit halten, Auslegungssache ist und keine anthropologische Konstante.

"A ist gleich A"

In den konservativen Kreisen der USA gilt Ayn Rand nicht nur als große Schriftstellerin, sondern auch als prägende Philosophin einer Schule, die Objektivismus heißt. Dieser zufolge existiert eine absolute Wahrheit, die nicht wie im Mittelalter von einer zentralen Instanz bestimmt wird, sondern vom Einzelnen anhand seiner Vernunft erkannt werden muss. Jeder, der diese Wahrheit nicht erkennt, ist entweder schwach oder feige oder beides. "A ist gleich A", heißt das im Buch, oder "Existenz existiert." Auch hier läuft Rand so ziemlich allem zuwider, was an europäischen oder europäisch geprägten Instituten seit 150 Jahren als Philosophie wahrgenommen werden würde.

An der vielleicht dunkelsten Stelle erschießt die Protagonistin, "die Hemmungen gehabt hätte, ein Tier zu erschießen", einen Wachmann, der sich weigert, sie durchzulassen. Dass sie sich allerdings gewaltsam Zugang verschafft, wird damit moralisch legitimiert, dass er nicht von sich aus "rational" entschieden hat, zur Seite zu treten. In dem Moment geht es um das Lebensrecht von andersdenkenden Menschen und um das objektive Recht desjenigen, der eine Waffe in der Hand hat.

Das Buch bietet den sicherlich erschöpfendsten Einblick in die Ideologie der republikanischen Partei der USA, einer der mächtigsten politischen Organisationen des 20. Jahrhunderts. Und es bringt viel Licht in die Richtungskämpfe der amerikanischen Innenpolitik. Deshalb ist es, obwohl stilistisch über weite Strecken kaum zu ertragen, auch in Deutschland eines der wichtigsten Bücher der Saison.