Er ist ein solcher Stinkstiefel, dass, wie man hört, gestandene Verleger hierzulande vor Wut oder Angst zu zittern beginnen, wenn sein Name fällt: Eduard Limonow.

Tatsächlich liest man die Biografie des russischen Skandalautors, die sich in Frankreich – auch auf Empfehlung von Ex-Präsident Sarkozy hin – bisher etwa 300.000 Mal verkauft hat, mit widersprüchlichen Gefühlen. Einerseits ist man genervt von der Geltungssucht eines Autors, der für sich, vielleicht sogar zu Recht, einen Spitzenplatz in der Literaturgeschichte beansprucht und alle seine Kollegen verachtet, vor allem "dieses Arschloch von Brodsky ".

Andererseits imponiert die kompromisslose Art, mit der hier ein Kleinkrimineller aus der ukrainischen Provinz Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger in den Rang eines literarischen Weltstars aufsteigt, danach wegen politisch anrüchiger Umtriebe umso tiefer in der Gunst des westlichen Literatur-Publikums sinkt, ehe er sich aufmacht, als radikaler Putin-Gegner neuerlich für Schlagzeilen zu sorgen.

Weniger die Literatur als das Leben, der Nimbus des 1943 geborenen Abenteurers, scheint es dem Biografen angetan zu haben. Die Literatur von Eduard Limonow bleibt nicht unbeachtet. Aber Emmanuel Carrère, mehrfach preisgekrönter französischer Schriftsteller, kommt gar nicht erst auf den Gedanken, alle Titel des russischen Vielschreibers zu loben. Abgesehen davon, dass sie es nicht verdient hätten (etwa die schlampigen Romane im Gefolge des genialischen Fuck off, Amerika) , kann Carrère so auch nicht in Gefahr geraten, den Leser mit Geschwätz anzuöden.

Dennoch ruft natürlich gerade ein Schriftsteller wie Limonow die Frage nach dem Zusammenhang von Leben und Literatur auf den Plan. Dass ein Autor wie Céline ein schrecklicher Antisemit gewesen ist, sehen wir ihm umso lieber nach, als er ja schon lange tot ist. Auch Ernst Jünger schien man mit den Jahren seine bellizistischen Tendenzen zu verzeihen: der vornehme uralte Herr am rechten Rand, schön anzusehen, ein legendäres Relikt. Da ist man schon eher vergrätzt, wenn Peter Handke seine unkonventionellen proserbischen Parolen drechselt und schwurbelt.

Entsetzen und Wut

Der Super-GAU für den politisch korrekten Leser unserer Tage tritt ein, sobald ein talentierter Dichter demokratisches Gedankengut für Müll und nichtig erklärt (vor allem den imperialistischen Seelenfresser namens Kapitalismus). Wirft ein solcher auch noch den mühevoll erworbenen Status des russischen Exil-Dichters mit den wild-romantischen USA-Erfahrungen ( Fuck off, Amerika) einfach hin, um sich vom schönen Lotter-Leben in Paris zu verabschieden und an diversen Balkan-Kriegen teilzunehmen, wird das Kopfschütteln immer energischer.

In Entsetzen und Wut verwandelt sich diese Ablehnung, wenn man erfährt, dass der Poet mit den dicken Brillengläsern tatsächlich ins belagerte Sarajewo runtergefeuert hat, während der Völkermörder Karadžić daneben ein unwirsches Telefonat mit seiner Frau führte. Aber es geht noch schlimmer: Wie die Huldigung an Hitler und Stalin gleichzeitig muss dem zu Recht empörten Kulturgeist die Flagge (Hammer und Sichel anstelle des Hakenkreuzes) jener Partei anmuten, die Limonow danach in Russland gründete, um die Führung im Land zu ergreifen: die Nationalbolschewistische Partei Russlands, zu deren Zentralorgan die Limonka avancierte (Handgranate in Zitronenform).

Wie Céline und Bukowski zusammen

Und selbst heute noch ist der wegen terroristischer Umtriebe sogar zu mehreren Jahren inhaftiert gewesene Limonow einfach nicht kleinzukriegen und vollführt immer neue kuriose Bocksprünge: Inzwischen fast siebzigjährig, steht er zusammen mit Garry Kasparow in der ersten Linie jener Dissidenten, die gegen das Putin-Regime demonstrieren .

Auch Emmanuel Carrère war von diesen Wandlungen gleichzeitig entsetzt und verblüfft. Dies umso mehr, als er den Verfasser von Fuck off, Amerika bewundert hatte, so innig, wie man nur sein größtes Idol verehrt: dafür, dass der aus einfachen Verhältnissen stammende Limonow in die USA emigrierte, dort unter übelsten Welfare-Verhältnissen rumlungerte und später in masochistischer Manier Kammerdiener bei einem Milliardär gewesen war – ehe er mit enormer Wut sein Brachial-Epos hinrotzte, das nach wie vor eine umwerfende Wirkung zeitigt, als hätten Céline und Charles Bukowski ihre besten Zutaten beigegeben. Allerdings hätte Carrère bereits Fuck off, Amerika entnehmen können, wie sich da ein scheinbarer Schöngeist innerlich zum Terroristen rüstet, der allein aus Prinzip und Protest alles in die Luft sprengen will.

Mit Schadenfreude erzählt

Es ist dieser Gedanke, vor dem der aus guten linksbürgerlichen Verhältnissen stammende Carrère erzittert, nicht nur aus Angst, sondern auch vor Lust, dass da einer ist, der sich nicht mit seiner gottgegebenen Position im Leben zufrieden geben will, sondern der entschlossen ist, diese – ja zutiefst russische Frage (Dostojewskis Raskolnikow lässt grüßen) – zu stellen: Warum der eine hat und der andere nicht, warum dem einen gegeben wird und dem anderen nicht; schlimmer noch: der die Antwort auf diese rhetorische Frage gar nicht abwartet, sondern mit der Waffe in der Hand für sich entscheiden will.

Carrère schildert dieses Leben, das der Geschilderte selbst für "ein Scheißleben" hält, spannend wie einen Thriller. Indem er Limonows – auch an libidinösen Verwicklungen reiche – Lebensgeschichte mit seiner eigenen Biografie verschränkt, entstehen erhellende Kontraste, durch die weltanschauliche Fragen neu beleuchtet erscheinen: Vielleicht ist es gar nicht die Aufgabe und Pflicht des Menschen, unseren Vorstellungen von politischer Korrektheit zu entsprechen?

Carrère gelingt es außerdem, aus neuen Perspektiven den Blick auf weltpolitische Konflikte zu werfen. Er ist freigeistig genug, auch schlimme Wahrheiten auszusprechen: dass es den Krieg möglicherweise nur deswegen gibt, weil da einige Menschen sind, die ihn lieben. Auch wenn er von der Freundschaft zwischen Limonow und dem bei einem Attentat umgekommenen Kriegsverbrecher Arkan berichtet, behält Carrère seinen untergründig schadenfrohen Ton bei. Als wolle er mit seiner Drastik dem Vorbild nacheifern, für den die Bezeichnung Stinkstiefel noch viel zu nett ist.