SachbuchHundert Jahre voller Liebesbriefe

Abschieds-, Ehebruchs-, und Casanovageschichten: Alles steckt drin in Falko Hennigs und Robert Webers Liebesbriefebuch "Ohne Dich ist alles Staub". von Gerrit Bartels

In seinem grandiosen Ehe-, Ehebruchs- und vor allem Liebesroman Die Liebe in groben Zügen fragt der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff gleich zu Beginn: "Welches Liebesglück ist schon originell, und welches Sehnen hat nicht etwas von einem Gedicht, das die Zeiten überdauert? Es gibt kein modernes Unglück, es gibt nur das alte Lied". Dieses alte Lied kann man tatsächlich stets aufs Neue singen, das alte Lied über die ewig junge, nie zu bezwingende Liebe. Das tut auf fast siebenhundert Seiten nicht nur ein Bodo Kirchhoff, dessen Roman leider erst am 8. September erscheint. Auch die Berliner Autoren Falko Hennig und Robert Weber singen dieses Lied. Oder besser: Sie lassen dieses Lied von anderen singen. Von Menschen, die keine Schriftsteller sind, sondern gewissermaßen solche wie du und ich, von Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute.

Ohne Dich ist alles Staub heißt ihr Buch mit vergessenen Liebesbriefen aus hundert Jahren, so der Untertitel. Gefunden haben Hennig und Weber diese Liebesbeweise im Deutschen Tagebucharchiv, im Walter-Kempowski-Archiv, auf der Straße und auf Flohmärkten. "Irene, meine Irene, wie lieb’ ich Dich.", schreibt da zum Beispiel ein Walter im November 1939 aus dem Krieg, aus einer früheren tschechischen Militärakademie, wo er mit seiner Einheit untergebracht ist. "Alles ist gering, ist gleichgültig und unwichtig auf dieser Welt gegenüber unserer Liebe." Und ein Paul weiß im Jahr 2000: "Liebste, Du bist das Kostbarste, was mir jemals geschenkt wurde, (...), eine Harpune in meinem Herzen, (...), das Hühnchen in meinem Magen und das Bier in meinem Kopf."

Anzeige

Es ist eine Geschichte der Liebe, die Falko Hennig und Robert Weber hier erzählen lassen, über die Liebe in all ihren Facetten, über das Liebesglück und das Liebesunglück. Beginnende, zerbrechende, unentschlossene Lieben, Abschieds-, Ehebruchs-, und Casanovageschichten – alles drin in diesem schönen Buch. Nach dessen Lektüre weiß man: Die Sprache der Liebe ist im Verlauf der Zeit eine andere geworden, auch die Menschen mögen sich mit den Zeiten verändert haben. Die Liebe aber ist die alte geblieben. Sie ist über die Zeiten und die Sprache hinweg das ewig unergründliche, wunderbare Mysterium. Nicht originell, aber unzerstörbar.

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • TDU
    • 14. August 2012 10:58 Uhr

    "Sie ist über die Zeiten und die Sprache hinweg das ewig unergründliche, wunderbare Mysterium. Nicht originell, aber unzerstörbar."

    Schön, dass diese Form der Lebensäusserung ihre Anerkennung wenigstens im Kulturteil findet. Woanders ist sie ja fast nicht mehr zu erkennen bei den dauernden Rufen nach staatlicher Unterstützunmg zur Verwirklichung dieses Mysteriums, und der Zeitgeist hat sie nahezu gar nicht mehr auf der Rechung bei dem Bemühen um die Definition des korrekten Lebenswandels.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Literatur | Schriftsteller | Liebe
Service