Adorno-Preisträgerin Butler"Diese Antisemitismus-Vorwürfe sind verleumderisch und haltlos"

Die jüdische Philosophin Judith Butler, Anwärterin auf den Adorno-Preis, wird bezichtigt, sie unterstütze Hamas und Hisbollah. Hier antwortet sie ihren Kritikern. von Judith Butler

Vor einigen Tagen veröffentlichte die Jerusalem Post einen Artikel, dem zufolge sich einige Organisationen dagegen wehren, dass ich den diesjährigen Adorno-Preis erhalten soll – eine Auszeichnung, die alle drei Jahre an jemanden verliehen wird, der im weitesten Sinn in der Tradition der Kritischen Theorie arbeitet.

Mir wird vorgeworfen, dass ich Hamas und Hisbollah unterstütze (was nicht stimmt), dass ich die Kampagne "Boycott, Divestment and Sanctions", kurz BDS, unterstütze (was mit Einschränkungen stimmt) und dass ich antisemitisch bin (was völlig falsch ist). Vielleicht sollte man nicht so überrascht darüber sein, wie ich es bin, dass meine Gegner zu derart verleumderischen und haltlosen Vorwürfen greifen, um ihre Sache zu vertreten.

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Ich bin eine Wissenschaftlerin, die durch das jüdische Denken zur Philosophie gekommen ist, und ich verstehe mich als jemand, der eine jüdische ethische Tradition verteidigt und diese im Sinne von beispielsweise Martin Buber und Hannah Arendt fortführt. Ich wurde in der Synagoge The Temple in Cleveland, Ohio, unter Anleitung von Rabbi Daniel Silver ins Judentum eingeführt und entwickelte dabei radikale ethische Positionen auf der Grundlage des jüdischen philosophischen Denkens. Ich lernte – und lernte zu akzeptieren –, dass wir von anderen, wie auch von uns selbst, angerufen und in Anspruch genommen werden, um auf Leid zu reagieren und zu seiner Linderung beizutragen. Um dies zu tun, müssen wir sensibel genug sein, den Ruf zu hören und die Mittel zu finden, um reagieren zu können.

Judith Butler

Judith Butler, geboren 1956, lehrt an der Universität Berkeley, USA, Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft. 1990 wurde sie mit ihrem Werk Gender Trouble (Das Unbehagen der Geschlechter) weit über die Fachgrenzen hinaus bekannt. Am 12. September 2012 soll ihr in Frankfurt der Theodor-W.-Adorno-Preis verliehen werden. Am 15. September wird sie an einer Podiumsdiskussion im Jüdischen Museum in Berlin teilnehmen.

Die Kritik

Judith Butler, so die Kritik, habe bei einem "Teach-In Against War" der Universität Berkeley im September 2006 auf eine Frage aus dem Publikum hin die palästinensische Hamas und auch die Hisbollah der "progressiven Linken" zugerechnet und als "soziale Bewegungen" bezeichnet. Ebenfalls kritisiert wird, dass sie die Kampagne "Boycott, Divestment and Sanctions" unterstützt – die von israelischer Seite oft als Versuch gewertet wird, den jüdischen Staat zu delegitimieren. Nach Bekanntgabe ihrer Nominierung für den Theodor-W.-Adorno-Preis wurden diese Vorwürfe wiederholt vorgebracht – unter anderem von der Jerusalem Post. Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, kommentierte daraufhin: "Eine bekennende Israel-Hasserin mit einem Preis auszuzeichnen, der nach dem großen, von den Nazis als 'Halbjude' in die Emigration gezwungenen Philosophen benannt wurde, kann nicht als bloßer Fehlgriff gelten". Der hier veröffentlichte Text ist eine Antwort Judith Butlers auf ebendiese Kritik. Er erschien zuerst auf der Website mondoweiss.net

Die Auszeichnung

Der Theodor-W.-Adorno-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und wird alle drei Jahre von der Stadt Frankfurt vergeben. Geehrt werden  hervorragende Leistungen in Philosophie, Musik, Theater und Film. Seit 1977 wird der Preis traditionell am 11. September, dem Geburtstag Adornos (1903-1969), in der Paulskirche übergeben. Zuletzt erhielt ihn der Filmemacher, Publizist und Philosoph Alexander Kluge.

Während meiner Einweisung ins Judentum habe ich auf Schritt und Tritt gelernt, dass es nicht hinnehmbar ist, im Angesicht von Ungerechtigkeiten zu schweigen. Das ist kein einfaches Gebot, weil es uns nicht genau vorgibt, wann und wie man sprechen soll. Es gibt uns nicht vor, wie man auf eine Weise sprechen soll, die nicht neue Ungerechtigkeiten verursacht. Und auch nicht, wie man sprechen soll, um auf die richtige Weise gehört und registriert zu werden. Meine tatsächliche Position wird von meinen Verleumdern nicht gehört, und vielleicht sollte mich das nicht überraschen, insofern ihre Taktik darin besteht, die Bedingungen der Hörbarkeit selbst zu zerstören.

Wer Kritik äußert, wird dämonisiert

Ich habe Philosophie an der Universität Yale studiert und dabei immer wieder über Fragen jüdischer Ethik nachgedacht. Ich bin immer noch dankbar für die Ausbildung, die ich genossen habe und die mich nach wie vor motiviert. Es ist falsch, absurd und schmerzlich, wenn irgendjemand behauptet, dass diejenigen, die Kritik am israelischen Staat üben, antisemitisch oder, falls jüdisch, voller Selbsthass seien. Man versucht, diejenigen, die eine kritische Auffassung vorbringen, zu dämonisieren und so ihre Sichtweise zu diskreditieren. Es handelt sich um eine Taktik, die darauf abzielt, Menschen zum Schweigen zu bringen: Was immer man sagt, es ist von vornherein abzulehnen oder so zu verdrehen, dass die Triftigkeit des Sprechakts geleugnet wird.

Mit dieser Art von Vorwurf weigert man sich, die kritische Sichtweise zu erörtern, ihre Gültigkeit zu diskutieren, ihre Belege zu prüfen und zu einer vernünftig begründeten Schlussfolgerung zu kommen. Der Vorwurf ist nicht nur ein Angriff auf Menschen mit Ansichten, die manche verwerflich finden, sondern auch ein Angriff auf den vernünftigen Austausch an sich. Wenn eine Gruppe Juden eine andere Gruppe Juden als "antisemitisch" bezeichnet, dann versucht sie, das Recht, im Namen der Juden zu sprechen, zu monopolisieren. Der Vorwurf des Antisemitismus ist also in Wirklichkeit oftmals ein Deckmantel für einen innerjüdischen Streit.

Es hat mich alarmiert, wie viele Juden in den Vereinigten Staaten versuchen, ihr Judentum zu leugnen, weil sie über die israelische Politik bestürzt sind, zu der etwa die Besetzung, die Praxis der Haft auf unbestimmte Zeit und die Bombardierung ziviler Ziele im Gazastreifen gehören. Diese Juden glauben irrtümlicherweise, dass der Staat Israel das Judentum unserer Zeit repräsentiert und dass man, wenn man sich als Jude begreift, Israel und seine Vorgehensweise zu unterstützen hat. Dabei hat es immer auch jüdische Traditionen gegeben, die sich staatlicher Gewalt widersetzten, ein multikulturelles Zusammenleben bejahten und die Grundsätze der Gleichheit verteidigten. Dieser zentrale ethische Traditionsstrang wird vergessen oder beiseitegeschoben, sobald Israel als Grundlage jüdischer Identität oder jüdischer Werte akzeptiert wird.

Leserkommentare
    • bayert
    • 30. August 2012 9:37 Uhr

    leider gab Frau Butler keinen Kommentar zum Thema Pinkwashing ab. Wäre interessant gewesen: http://jungle-world.com/a...

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    Der Hinweis das Israel keine Homosexuellen verfolgt sollte nicht als Universalrechtfertigung für alles dienen.

    Genau so gut könnte man darauf hinweisen, Idi Amin zumindest keine Schwarzen gehasst hat.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unangemessene Vergleiche. Danke, die Redaktion/au.

  1. Meiner Meinung nach hat Frau Butler die Sachlage korrekt analysiert - es ist nicht zu leugnen, dass diese Kritiker ihre selbst gefundenen Gegner dämonisieren und denunzieren.
    Dies ist jedoch kein neues Phänomen, sondern doch eigentlich eine altbekannte Strategie von Menschenhassern, die Menschenrechte und -würde ausschließlich für sich selbst beanspruchen.

    Das sieht man bspw. auch an den "PI"-Neonazis, die liebend gerne und immer wieder auf Christenverfolgungen in muslimischen Ländern deuten, aber exakt die gleiche Hetze, Deportationsforderungen und den teilweise Mordaufrufe betreiben.

    Insofern überrascht mich die Naivität einer 56jährigen Wissenschaftlerin, die sich mit diesen Themen eigentlich hätte auch im realen Leben auseinandersetzen und erkennen müssen.

    Nichts an den widerlichen Angriffen ihrer Gegner ist wirklich überraschend.

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  2. Wer gleich mit einer Schere im Kopf an die (wissenschaftliche) Arbeit geht, wird wahrscheinlich viel weniger leisten als jemand, der sich ab und an auch angreifbar macht. Für mich als Laien gilt bei Nahostdebatten mittlerweile die Regel: je ruhiger der Vortrag, desto wahrscheinlicher lohnt sich das Zuhören (oder Lesen).

    6 Leserempfehlungen
  3. Vermehrt ist Israel heute wieder Rueckzugsort fuer Juden aus Europa, die vor dem aufkeimenden islamischen Antisemitismus in Europa nach Israel fliehen.

    Wer gegen Israels massnahmen gegen den Terror und die fundamentalistische Gewalt von Hamas und Hisbollah agitiert, der spricht letztendlich Israel sein Recht auf Selbstverteidigung ab und macht sich zum Sprachrohr derer, die Israel auf moralische Weise delegitimieren wollen.

    [...]

    Bitte verzichten Sie auf unsachliche Mutmaßungen. Danke, die Redaktion/mo.

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    "Vermehrt ist Israel heute wieder Rueckzugsort fuer Juden aus Europa, die vor dem aufkeimenden islamischen Antisemitismus in Europa nach Israel fliehen."

    Legendenbildung. Israel wird eher zum Auswanderungsland:

    "Viele Juden aus Israel wandern in die USA aus, weil die Ultrareligiösen immer größeren Einfluss gewinnen. Israel versucht mit Werbekampagnen gegenzusteuern."

    http://www.zeit.de/gesell...

    Ansonsten ist Ihr erwartbar aggressiver, niederträchtiger und hasserfüllter Beitrag ein guter Beleg für die Richtigkeit der Äusserungen Butlers:

    "Wer gegen Israels massnahmen gegen den Terror und die fundamentalistische Gewalt von Hamas und Hisbollah agitiert, der spricht letztendlich Israel sein Recht auf Selbstverteidigung ab und macht sich zum Sprachrohr derer, die Israel auf moralische Weise delegitimieren wollen."

    q.e.d.

    • Carlton
    • 30. August 2012 10:22 Uhr

    Ihr Kommentar ist eine erschreckende Bestätigung für die Ausführungen von Judith Butler. Ich wünsche Frau Butler weiterhin Mut und Stärke für ihren Einsatz für eine friedlichere Welt.

    Ich habe da einen Verdacht: ist "franzhaupt" vielleicht das Pseudonym von Josef Joffe?

    Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/sh

    „Vermehrt ist Israel heute wieder Rueckzugsort fuer Juden aus Europa, die vor dem aufkeimenden islamischen Antisemitismus in Europa nach Israel fliehen.“

    Sie haben das Problem, wahrscheinlich ungewollt, auf den Punkt gebracht: Warum sollten die autochthonen nicht-jüdischen Bewohner Palästinas (als geographischer Begriff) eigentlich die Leidtragenden für historischen und aktuellen Antisemitismus in Europa sein? Hat sich ein arabischer Palästinenser in den besetzten Gebieten oder in Israel gefälligst damit abzufinden, unter israelischer Besatzung bzw. als Bürger zweiter Klasse zu leben, weil es anderswo Antisemitismus gab/gibt?

    Entfernt, kein sachlicher Debattenbeitrag (siehe Netiquette). Die Redaktion/sh

    Israel wird eher wieder verlassen als das man dorthin "fliehen" will.

    Vor einigen Monaten gab es doch vermehrt Medienberichte, dass viel "Überlebene" doch mal wieder ihre Pässe besorgen um zurück nach Deutschland zu kommen.

  4. der deutlich macht, in welch schwieriger persönlicher
    Lage sich viele Juden weltweit befinden.

    Aufgeklärt und universellen Menschenrechten verpflichtet auf der einen Seite......
    andererseits in einem Loyalitätskonflikt in bezug auf Israel......den es SO eigentlich nicht geben dürfte.

    Es ist ja nicht die Frage "Israel...Ja oder Nein"
    Es ist die Frage "Welches Israel..basierend auf
    Welchen Werten?"

    Und nein....naiv ist folgendes nicht.
    Es ist die einzig akzeptable Haltung:

    "Ich billige die Praxis des gewaltsamen Widerstands genauso wenig, wie ich staatliche Gewalt billige, billigen kann oder je gebilligt habe. Diese Position macht mich vielleicht eher naiv als gefährlich, aber es ist meine Position."

    Schön, dass man hier Frau Butler die Möglichkeit
    gegeben hat, ihre Position (die ähnlich vieler anderer
    Juden ist) zu erklären.

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    Naivität wird gerne denen unterstellt, die Denken. Die in der Lage sind, einen Gedanken weiter- oder zuende zu denken. Die es nicht ertragen wollen, nur die eine Sichtweise, die herrschende, hinzunehmen.

    Dem Kommentar von noprincess schließe ich mich voll an.
    #4 franzhaupt irrt. Der einzige Schutz aller Menschen, nicht nur von Juden aber auch wesentlich von Juden, vor Entwürdigung, Verfolgung, Diskriminierung, Ermordung, vor Antisemitismus, Antiziganismus, Anti....(beliebige Ethnie einsetzbar) sind auf Dauer nicht waffenstarrende Armeen (obwohl im konkreten Fall mitunter notwendig), nicht effiziente Geheimdienste (obwohl wahrscheinlich nicht so schnell abschaffbar), sondern zunächst die staatliche Annerkennung und Durchsetzung der Menschenrechte (z.B. Art. 1 GG) für alle Menschen, es ist Aufgabe der Polizei, der Schulen, der Eltern.
    Im Übrigen wird Israel zwar mehrheitlich von Juden bewohnt, ist aber eben nicht ein 'Judenstaat'. In einer Broschüre des israelischen Außenministeriums wird ausdrücklich auf die kulturelle und religiöse Vielfalt (ca. 21% Moslems, 2% Drusen, usw.), auf die rechtliche Gleichstellung aller Israelis hingewiesen. Jeder Staat muß Minderheiten schützen, z.B. vor 'national befreiten Zonen', egal ob es sich dabei um Vietnamesen in Rostock, einen jüdischen Rabbiner in Berlin Kreuzberg, arabische Jugendliche in Jerusalem oder Romas in einer ungarischen Kleinstadt handelt. 'National befreite Zonen' sind ein schwerer Zivilisationsbruch, eine Negation der Offenen Gesellschaft.
    Wer das "Nie wieder" nach Auschwitz, den Schwur von Buchenwald zum "Nie wieder wir" verengt, denkt und (was schlimmer ist) handelt zu kurz.
    Daher nochmals, danke Frau Butler und shalom.

  5. 1. Was nicht buchstabengetreu der reinen Lehre entspricht ist nicht für uns.
    2. Wer sich nicht auf Zuruf von seinen "Fehlern" distanziert ist nicht für uns.
    3. Wer nicht für uns ist ist gegen uns und gehört bekämpft.

    Das ganze wird dann mit medialer Brachialgewalt inszeniert und fertig ist "der Rechte", "die Antisemitin". Die wenigsten Ziele derartiger Kampagnen sind dann noch in der Lage oder bekommen auch nur eine Plattform eine vernünftige Darstellung ihrer Sicht zu verbreiten.

    9 Leserempfehlungen
    • HMRothe
    • 30. August 2012 10:06 Uhr

    man müsse "das Klima reparieren", dass damit die alte jüdische Tradition des Tikkun verwirklicht werde und dass alle "Klimaskeptiker" Antisemiten sind - hoffentlich spricht sich möglichst bald einmal herum, dass Tikkun eigentlich ein ethisches Konzept ist (und dass nicht einmal das Wetter "repariert" werden kann)

  6. Naivität wird gerne denen unterstellt, die Denken. Die in der Lage sind, einen Gedanken weiter- oder zuende zu denken. Die es nicht ertragen wollen, nur die eine Sichtweise, die herrschende, hinzunehmen.

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  • Schlagworte Hisbollah | Hannah Arendt | Israel | Antisemitismus | Ethik | Gewalt
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