Nachruf Gore Vidal Ein lustvoller Provokateur

Er hofierte Jackie O., schmähte Capote. Gore Vidal war Essayist, Drehbuchschreiber, Theaterautor, linker Kritiker des Establishments, in das er selbst hineingeboren war.

Der Schriftsteller Gore Vidal

Der Schriftsteller Gore Vidal

Kann es irgendwo herrlicher sein, majestätischer, sonniger? Wohl kaum. Und der Hausherr wusste das. Er führte seine Besucher auf den Balkon, der über die steil abfallenden Felsen ragte, linker Hand der Ort Ravello, tief unten wogte unhörbar das Meer, weiße Schiffchen waren zu sehen. Gore Vidal stand da, die grauen Haare gescheitelt, im karierten Holzfällerhemd; er genoss das Staunen der beiden Journalisten, die aus Berlin angereist waren, um ihn zu interviewen. La Rondinaia hieß dieser Flecken an der italienischen Amalfiküste, den Vidal Anfang der 1970er Jahre gekauft hatte. Kein Haus, mehr ein weißes Schlösschen als eine Villa. Und dann sagte er, ganz beiläufig: "Es ist nichts Besonderes, aber es gehört mir."

Pose war das, gepflegtes Understatement, lustig, provokant – all das, was Gore Vidal als Schriftsteller ausmachte, als Essayisten, als Drehbuchschreiber, als Theaterautor, als linken Kritiker des Establishments, in das er selbst hineingeboren war und in dem er sich auch bewegte. Und das er mit großem Vergnügen mit Sarkasmus überzog.

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Wenn man ihn auf Henry Kissinger ansprach, der manchen bis heute als weltpolitisches Orakel gilt, ätzte er lächelnd: "Im Grunde eures Herzens liebt ihr Deutschen eben Kriegsverbrecher."

Norman Mailer? "Seine Verleger verlieren nur Geld mit ihm."

Truman Capote? "Die meiste Zeit betrunken und blubberte vor sich hin."

Einen seinen politischen Gegner nannte er "Kryptofaschist".

Und Charlton Heston, Schauspieler und Waffenfreund? "Ein kompletter Trottel."

Bereits der junge Vidal hatte das puritanische Amerika mit dem Bekenntnis geschockt, er habe schon bis zu seinem 25. Lebensjahr 1.000 verschiedene Sexualpartner gehabt, Männer ebenso wie Frauen.

Vidals erste Biografie Palimpsest liest sich wie ein Who’s Who der Vereinigten Staaten. Mit vielen aus dem politischen Washington ist er weitläufig verwandt (Al Gore etwa), im Clan der Kennedys ist er zeitweise zu Hause. Zweimal bewirbt er sich selbst um ein politisches Amt (1968 und 1982) und scheitert.

Dazu Hollywood: Am Skript für den Film Ben Hur hat er mitgeschrieben. Dazu der Broadway. 520 Aufführungen erlebte dort sein Stück The Best Man, das 1964 mit Henry Fonda verfilmt wurde, und selbstverständlich kam auch die Filmfassung aus Vidals Feder. Sein Gesamtwerk ist opulent. Dutzende Romane, sogar Krimis (unter dem Pseudonym Edgar Box), historische Schinken ebenso wie aktuelle politische Kommentare, die er gern mit frechem Zungenschlag unterlegt.

Am 3. Oktober 1925 wird er als Eugene Lutzer Vidal jr. geboren, in der Militärakademie West Point. Der Vater arbeitet dort als Fluglehrer, er wird später mehrere Fluggesellschaften gründen; die Mutter, eine Schauspielerin, lässt sich bald scheiden. Der Sohn studiert und beginnt früh mit dem Schreiben, mit 21 veröffentlicht er Williwaw, sein Stil: "Hemingway-like" (New York Times); Vidal verkehrt mit Tennessee Williams, Christopher Isherwood, Anaïs Nin. Wenig später folgt The City and the Pillar, den man heute wohl einen Coming-out-Roman nennen würde und der prompt für einen Skandal sorgt. Myra Breckenridge dann, 1968, bringt Gore Vidal einen Welterfolg; es sind die Erlebnisse eines Homosexuellen, der zur Frau wird.

Genau zwölf Jahre ist der journalistische Besuch in Vidals Haus nun her. Er saß beim Gespräch im Arbeitszimmer, einem düsteren Raum mit altem Mobiliar und voller Regale, in denen auch seine eigenen Bücher standen. Er lästerte über den Zirkus der Literaturpreise und zeigte auf einen, der ihm gerade verliehen worden war. Dass er unter der Ignoranz des amerikanischen Feuilletons litt, bekannte er offen. Dann huschte Howard Austen an der offenen Tür vorbei, mit dem er bis zu dessen Tod 53 Jahre lang lebte – ohne jemals zusammen Sex zu haben, dieses Bonmot war ihm wichtig. Er strich über seine Knie, die ihn schmerzten, erzählte von der vererbten Diabetes; nicht ohne Witze über die Gebrechlichkeit zu machen. Hier empfing er Prominente von Sting bis Hillary Clinton, die wohl von seinem Intellekt und Charme angezogen waren.

Das Leben am Hang wurde den beiden Alten zu mühsam, Vidal verkaufte La Rondinaia für 15 Millionen Euro, sie zogen in die Hollywood Hills, wo immer ein eigenes Anwesen wartete und bessere medizinische Versorgung. Vor neun Jahren starb Austen, Vidal schrieb weiter, polemisierte weiter. Doch: "Je älter Sie werden, desto klarer steht er da und wartet, der Tod." Nun ist er ihm, 86-jährig, in L.A. begegnet.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leserkommentare
  1. Unrest in peace!

  2. sollte auch an den Film / das Stück "The Best Man" von Vidal erinnert werden -> https://www.youtube.com/w... Immer noch beklemmend aktuell.

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    Das Stück wird übrigens dieses Jahr wieder am Broadway aufgeführt -> http://www.zeit.de/2012/1...

    @ Grellseher: Och!

    Das Stück wird übrigens dieses Jahr wieder am Broadway aufgeführt -> http://www.zeit.de/2012/1...

    @ Grellseher: Och!

  3. für den Nachruf!

    Ich freue mich darauf, seine Romane 'Julian' und 'Kalki' nochmals zu lesen.

  4. * Über George W. Bush: den „dümmsten Mann“ in den Vereinigten Staaten
    * Über Andy Warhol: „das einzige Genie mit einem IQ von 60“
    * Über die Menschheit: „Stellen Sie sich die Erde als lebendigen Organismus vor, der von Milliarden Bakterien attackiert wird und deren Zahl sich alle vierzig Jahre verdoppelt. Entweder stirbt der Wirt oder der Virus, oder beide.“

  5. .......nicht allzu gut kennt, auch seine in den USA
    berühmten Aphorismen sind hier eher unbekannt.
    Einer, der in diesen Tagen wieder besonders aktuell
    scheint
    " Die Vereinigten Staaten wurden von den klügsten
    Köpfen des Landes gegründet................seither hat
    sie niemand mehr gesehen....."

  6. der das verspottet worin und wovon er gut lebt.

    R.I.P.

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    Jetzt ist klar *wen* Vidal als "Cryptofascist" bezeichnet hat.

    Jetzt ist klar *wen* Vidal als "Cryptofascist" bezeichnet hat.

    • abot
    • 02.08.2012 um 10:45 Uhr

    .....das war nun deutlich besser als die gestrige Mikromeldung.

    Eine Leserempfehlung
  7. Das Stück wird übrigens dieses Jahr wieder am Broadway aufgeführt -> http://www.zeit.de/2012/1...

    @ Grellseher: Och!

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