Tobias PremperEin Sudelbuch über laufende Ereignisse
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Geschichten vom "kleinen Hutzelmännchen"

Für Premper sind seine Miniaturen "die Quelle, aus der sich alles speist", "meine Sicht der laufenden Ereignisse", Stimmungen, Ansätze für Geschichten. Die Sudelbücher von Lichtenberg und Tucholsky nennt er als Vorbilder, man kann auch an Rolf Dieter Brinkmanns Alltagsnotizen denken und an Max Frischs Tagebücher. Im Moment arbeitet Premper an einem Erzählband, auch für Steidl, kurze Stücke, Halbseiter, die Grundlage für einen Roman, der auch kommen soll, später.

Aber jetzt sind erst mal die Notizen dran. Premper sitzt jetzt an seinem Küchentisch, raucht, trinkt Weinschorle, es ist ein sonniger Tag draußen. Wo das Buch entstanden ist? "Wiesbaden, Hannover, Paris, Italien, andere Reisen, dann Berlin." Eine Menge Berlin. "Jeanne Moreau in der Stadt", geht die Notiz, "und ich bin 50 Jahre zu spät dran, um mit ihr Hand in Hand durch ein Museum oder über eine Brücke zu laufen." Schade. Und schön.

Die Reihenfolge seiner Notizbucheinträge hat Premper nicht verändert, die ist "chronologisch, wie es sich abgespielt hat". Er hat nur ausgewählt, ein Viertel ist rausgeflogen. Die Notizen sind für den Autor reines Material, sobald sie abgetippt und – teils stark – überarbeitet sind, sagt er, verliert er die Beziehung zu ihnen. "Letzten Endes zählt nur das Buch."

Tobias Premper ist niemand, der Statusmeldungen in die Welt schickt, er verweigert sich Facebook und Twitter. Schon seine Handschrift in den Notizbüchern ist säuberlich, gut lesbar, selten sind Worte oder Sätze ausgestrichen. Premper will das Werk, er will Dauer. Vielleicht will er einfach nicht: verschwinden.

Es ist viel Verzweiflung in diesem Buch, Erleuchtungen und Verdunkelungen, Gott und Tod, Träume und Traumfrauen, Lesefrüchte und Künstlerpein, Humor und Hymnen: "Er hätte sich aus dem Fenster stürzen können. Stattdessen nahm er ein ausgiebiges Bad, rasierte und parfümierte sich und zog seinen Sonntagsanzug an. Jetzt konnte es doch weitergehen."

Der Erzähler wechselt seine Rollen in den Notizen, viel Ich, viel Er und Sie, Geschichten von Freunden. Oder einfach: Geschichten, vom "kleinen Hutzelmännchen", von einer Postangestellten. Ein Sammelsurium wie in den Boxenbüchern. Die Vielfalt macht die Lektüre abwechslungsreich, überraschend, unterhaltsam auch, bei aller Tiefe, die Prempers Blick zuweilen hat.

Es ist auch viel schöne Wut dabei, viel "Arschlöcher!" Was ja kein sinnloses Gefluche ist, sondern zeigt, dass da einer Haltung hat, dass da einer etwas sieht in der Welt, sie ernst nimmt, sie wirklich spürt. Premper beschreibt es so: "Hassen, gar nicht mal, weil da ein Grund ist, sondern weil es sich gerade so ergibt. Und lieben auch." Dafür kann man dieses Buch eigentlich nur zurücklieben.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. Ih finde es schön, dass sich jemand noch die Mühe macht und seine Gedanken aufschreibt und sammelt.

    Die meisten Menschen schreiben kurz was bei Facebook und irgendwann verschwindet es in der Timeline. Meist steht bei Facebook aber nichts interessantes sondern eher belangloses Zeug.

    • Mari o
    • 22.08.2012 um 15:13 Uhr
    2. "Zeug"

    habe ich selber genug.Früher auf Tonband und Kassetten (abertausend)dazu noch Unmengen Notizbücher.
    Muss ich alles mal sichten und ordnen
    dafür bräuchte ich mindestens noch ca.200 Jahre
    Danke fürs lesen

    • oet
    • 16.11.2012 um 6:54 Uhr
    3. Stark

    Die Notate sind manchmal so gewichtig, dass ich nicht einmal eine ganhze Seite am Stück lesen kann.

    Danke für die Rezension.

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