Eins der dicksten Bücher der Saison, und auf geht's: fester Einband, Prägedruck, ein Klappentext, der sich kaum einkriegt. Einen "Kultautor" will der Spiegel gefunden haben. Zur "Pflichtlektüre für alle Burnout-Kandidaten" erhebt die holländische Het Parool den Roman des Holländers Johannes Jacobus Voskuil. Als Amerikaner wäre er "gewiss für den Nobelpreis vorgeschlagen worden" ( FAZ ), obwohl Amerikaner den ja auch nur bekommen, wenn sie Briten, Südafrikaner oder Franzosen sind. Kann man in der Aufregung natürlich vergessen, die nun offensichtlich deutsche Leser erfasst, nachdem Holland Jahre der Voskuilmanie erlebt hat (etwa 450.000 verkaufte Exemplare). 

Das Büro : Das mag verheißungsvoll klingen. Nach den Whisky- und Werbexzessen der Mad Men , nach der unbeholfenen Komik, für die Stromberg so geliebt wird, nach den Minusgraden von Kafkas Absurdität, nach Bartlebys Verzweiflung, nach großem Menschheitstheater in parzellisierten Räumen. Und in der Tat ist Maarten Koning, der Held dieser mehr als 800 Seiten eine Art Jedermann, ein spröder Stellvertreter des Büromenschen, jener grauen, ausgelaugten Standardlebensform unserer Zeit. Auch wenn sein Arbeitsplatz noch etwas anders aussieht als die lichtdurchfluteten, vollvernetzten Ver- und Entwirklichungsorte, wie bestens gelaunte Unternehmensberater sie sich heute wünschen. 

Erzählt wird aus den späten fünfziger Jahren, als der ehemalige Lehrer Maarten eine Stelle im Amsterdamer Institut zur Erforschung niederländischer Volkskultur annimmt. Einer Sammelstelle für Sagen und Mythen und Weisen, die im Lande kursieren und der ein gewisser Dr. Beerta vorsteht, der stotternde, rätselhafte Direktor. Unter seiner Aufsicht muss Maarten Recherchen und Befragungen etwa zu Wichtelmännern und Roggenmüttern durchführen, Zuschriften beantworten und hernach Karteikarten ausfüllen, zwischendurch fallen Fachkongresse an, dann neue Karteikarten, neue Befragungen und Antworten. Zu Hause wartet seine Frau Nicolien, die wenig erfreut ist, dass ihr Mann überhaupt arbeitet, anstatt mit ihr ein gemeinsames Leben zu führen.

"Woll'n Se vielleich'n Kaffee?"

Es ist eine zutiefst unsinnige Tätigkeit in einem Institut, an dessen Sinn selbst die meisten seiner Kollegen zweifeln. Alle Typen sind vertreten: Es gibt den Ehrgeizling, den Zyniker, die Sekretärin, den Dienstbeflissenen, den Neuling, den Bornierten, den Resignierten und den Herablassenden. Es gibt die Mittagspausen vor der Tür, Urlaubsberichte und die Postkarten, Dienstreisen und Einstellungen, den Kuchen und die Topfpflanzen, die Langeweile, den Stumpfsinn, der permanent Sätze produziert wie: "Woll'n Se vielleich'n Kaffee? Ich hab gerade aufgesetzt." Und immer so weiter. Wirklich immer so weiter.

Voskuil, 1926 in Den Haag geboren, 2008 in Amsterdam gestorben, arbeitete selbst an einem volkskundlichen Institut und natürlich ist es sein Erfahrungsschatz, der sein Opus Magnum alimentiert hat, von dem noch knapp 4.000 weitere Seiten ihrer Übersetzung harren. Für die Mühe und den Erzählaufwand, Büroalltag detailtreu und maßstabsgerecht abzubilden, und es dem Leser heimelig einzurichten inmitten eines Romanpersonals von Marquezschem Ausmaß mit all seinen Macken und Ticks, dafür kann man das Buch ungemein sympathisch finden. Aber auch, weil Ignoranz manchmal etwas Sympathisches hat, hier im Verzicht auf Dramaturgie und literarische Dichte.