Roman "Mal Aria": Der Mensch aus der Mückenperspektive
Carmen Stephan ist ein kühner, kraftvoller Roman gelungen: In "Mal Aria" macht sie aus einer Stechmücke einen gewitzten Erzähler.

Eine alte Leserregel besagt: Misstraue prinzipiell jeder Literatur, die auf einem Trick basiert – du könntest schnell auf eine Masche hereinfallen. Und noch eine Weisheit: Ein Kunstwerk ist mehr als nur eine gute Idee. Beides kommt einem sofort in den Sinn, wenn man Carmen Stephans neuen Roman in die Hand nimmt. Es ist nicht ihr erstes Buch (Im Jahr 2005 erschien eine Geschichtensammlung), aber ihr erster Roman, der im Dezember mit dem Förderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet werden wird. Es ist ein geradezu todessüchtiger, aufregender Roman, der aber zunächst gegen einen nicht unerheblichen Misstrauensvorschuss ankommen muss.
Dabei ist die Geschichte, die die 1974 geborene Carmen Stephan in Mal Aria erzählt, nicht ausufernd spektakulär: Carmen, eine junge Deutsche, die sich aus Studiengründen für ein Jahr in Brasilien aufgehalten hat, unternimmt mit ihrem Freund Carl eine Urlaubsreise ins Amazonasgebiet. Dort hat sie eine Begegnung mit einer Anopheles, einer Malariamücke. Die Mücke sticht sie, Carmen erkrankt; Carl, der in Deutschland seine Abschlussprüfungen absolvieren muss, fliegt nach Deutschland zurück. Carmen, von Tag zu Tag geschwächter, wird von Arzt zu Arzt weitergereicht. Die korrekte, die lebensrettende Diagnose stellt ihr allerdings keiner davon. Malaria ist in Brasilien nicht eben verbreitet. Die in Afrika gültige Regel "Es ist so lange Malaria, bis alles andere ausgeschlossen ist", kennt hier niemand. Also lautet der Befund Dengue-Fieber.
Ein Leidensweg, geschildert über 13 Tage, vom Ausbruch der Krankheit an. Das Ungewöhnliche an Mal Aria ist die Perspektive: Carmens Martyrium wird erzählt von eben jener Stechmücke, die die Krankheit übertragen hat. Und das ist keine kleine Spielerei, sondern ein kühner Kunstgriff, der auf einen Schlag das anthropozentrische Weltbild auf den Kopf stellt und eben deshalb unsere Konstanten des Menschseins umso nachdrücklicher in Frage zu stellen in der Lage ist. Die philosophische und historisch bestens bewanderte Mücke (träumen kann sie sogar auch!) erzählt uns mehr über uns, als uns lieb sein kann.
Deutung der Krankheit
Wie die kranke Carmen selbst, ist auch sie auf die grundlegenden, existentiellen Fragen zurück geworfen. Die Frage nach einem Sinn zählt dazu nicht: Die Malariamücke muss töten, um nicht zu sterben, und eben deshalb wird sie vom Menschen permanent mit dem Tod bedroht. Die Ausweglosigkeit ist also beidseitig; das ist eine Erkenntnis, die der Roman transportiert und die so tiefschwarz ist, wie es irgendwann auch die Organe in einem von Malaria befallenen Körper sein werden.
"Warum", fragt die Mücke zu Beginn, "ist euer erster Impuls, uns zu töten? Werdet ihr so geboren? Ihr bezeichnet uns als Plage, als Eindringlinge in eure Welt. Habt ihr jemals überlegt, dass es andersherum sein könnte? Erinnert euch, der Mensch wurde am letzten Tag erschaffen. An manchen Orten war der Himmel schon so voller Mücken, dass kein Licht mehr durchdrang. Ihr seid eine lächerliche Zahl unserer Schwärme. Ihr seid die Eindringlinge in unsere Welt." Die Machtverhältnisse sind verschoben; und um Macht geht es immer wieder in Mal Aria; um die Macht über den eigenen und den fremden Körper, um die medizinische Deutungshoheit der Krankheit und um die Machtverteilungskämpfe in der medizinischen Forschungsgeschichte, die Carmen Stephan en passant mitliefert.





Für jemanden, der aktiv in der Malariaforschung tätig ist, hört sich das doch irgendwie alles sehr stümperhaft an...
Erstens tötet nicht die Mücke, sondern - wenn überhaupt - Plasmodien.
Zweitens überträgt längst nicht jede Anophelesmücke Malaria.
Drittens haben selbst Einheimische keine sterile Immunität, wie wir sie sonst definieren.
Viertens handelt es sich dabei mitnichten um eine Symbiose.
Ein wenig mehr Recherche - oder das Gespräch mit einem Experten - hätten weder der Autorin des Buches noch dem Verfassers des ZEIT Artikels geschadet.
Sehr ärgerlich.
Sehr geehrter Calvin.and.Hobbes,
die Recherche für einen solchen Text besteht für mich darin, das Buch zu lesen. Schließlich rezensiere ich kein wissenschaftliches Sachbuch, sondern einen Roman.
1. Dass nicht der Stich der Mücke - wenn überhaupt - tötet, sondern das, was er überträgt und mit dieser Übertragung auslöst, steht im Buch; ich habe mir diese Vereinfachung erlaubt und halte das eigentlich auch für legitim, denn schließlich geht es darum auch nicht, und ich rezensiere kein Sachbuch, sondern etcetera siehe oben.
2. Das hat auch niemand behauptet.
3. Siehe 2.
4. Das Wort Symbiose stammt nicht von der Autorin, sondern von mir und ist nicht im biologischen, sondern in einem übertragenen Sinn zu verstehen, da ich ja schließlich kein Sachbuch, sondern etcetera siehe oben.
Freundliche Grüße,
Christoph Schröder
Ist das eine Einstellung, die Sie Ihren Literaturkritik-Studenten beibringen, Herr Schröder?
"Das Wort Symbiose stammt nicht von der Autorin, sondern von mir und ist nicht im biologischen, sondern in einem übertragenen Sinn zu verstehen, da ich ja schließlich kein Sachbuch, sondern etcetera siehe oben." Warum geben Sie nicht einfach zu, dass Sie sich da im Begriff vertan haben? Ich kann nicht erkennen, inwiefern die (klassische) biologische Bedeutung von "Symbiose" sich vom "übertragenen Sinn" unterscheiden soll.
Und zum Punkt 3: Sie zitieren aus dem Buch: "Glaubt ihr, es sei Zufall, dass die Malaria die Friedfertigen, die ihrem Ort treu bleiben, mit Immunität belohnt". Und dann sagen Sie, dass "niemand behauptet", dass Einheimische Immunität hätten? (Sichelzellenanämie ist eine Sache für sich, und ich vermute, dass die hinter dem Zitat steckt, aber ich gehe mal davon aus, dass Sie sich auf keine fakten-orientierte Diskussion einlassen wollen darüber, warum die Autorin sich hier irrt und die "politische Dimension" daher schlicht keinen Sinn macht, und will das nicht weiter ausbreiten.)
die Kommentare. Leider haben sie nichts mit dem Buch zu tun.
Ist das eine Einstellung, die Sie Ihren Literaturkritik-Studenten beibringen, Herr Schröder?
"Das Wort Symbiose stammt nicht von der Autorin, sondern von mir und ist nicht im biologischen, sondern in einem übertragenen Sinn zu verstehen, da ich ja schließlich kein Sachbuch, sondern etcetera siehe oben." Warum geben Sie nicht einfach zu, dass Sie sich da im Begriff vertan haben? Ich kann nicht erkennen, inwiefern die (klassische) biologische Bedeutung von "Symbiose" sich vom "übertragenen Sinn" unterscheiden soll.
Und zum Punkt 3: Sie zitieren aus dem Buch: "Glaubt ihr, es sei Zufall, dass die Malaria die Friedfertigen, die ihrem Ort treu bleiben, mit Immunität belohnt". Und dann sagen Sie, dass "niemand behauptet", dass Einheimische Immunität hätten? (Sichelzellenanämie ist eine Sache für sich, und ich vermute, dass die hinter dem Zitat steckt, aber ich gehe mal davon aus, dass Sie sich auf keine fakten-orientierte Diskussion einlassen wollen darüber, warum die Autorin sich hier irrt und die "politische Dimension" daher schlicht keinen Sinn macht, und will das nicht weiter ausbreiten.)
die Kommentare. Leider haben sie nichts mit dem Buch zu tun.
Ist das eine Einstellung, die Sie Ihren Literaturkritik-Studenten beibringen, Herr Schröder?
"Das Wort Symbiose stammt nicht von der Autorin, sondern von mir und ist nicht im biologischen, sondern in einem übertragenen Sinn zu verstehen, da ich ja schließlich kein Sachbuch, sondern etcetera siehe oben." Warum geben Sie nicht einfach zu, dass Sie sich da im Begriff vertan haben? Ich kann nicht erkennen, inwiefern die (klassische) biologische Bedeutung von "Symbiose" sich vom "übertragenen Sinn" unterscheiden soll.
Und zum Punkt 3: Sie zitieren aus dem Buch: "Glaubt ihr, es sei Zufall, dass die Malaria die Friedfertigen, die ihrem Ort treu bleiben, mit Immunität belohnt". Und dann sagen Sie, dass "niemand behauptet", dass Einheimische Immunität hätten? (Sichelzellenanämie ist eine Sache für sich, und ich vermute, dass die hinter dem Zitat steckt, aber ich gehe mal davon aus, dass Sie sich auf keine fakten-orientierte Diskussion einlassen wollen darüber, warum die Autorin sich hier irrt und die "politische Dimension" daher schlicht keinen Sinn macht, und will das nicht weiter ausbreiten.)
die Kommentare. Leider haben sie nichts mit dem Buch zu tun.
Wir hoffen mal, dass zwischen ihren beiden Feststellungen kein causaler Zusammenhang besteht ;-)
Wir hoffen mal, dass zwischen ihren beiden Feststellungen kein causaler Zusammenhang besteht ;-)
Wir hoffen mal, dass zwischen ihren beiden Feststellungen kein causaler Zusammenhang besteht ;-)
Ein gelungener Bericht über ein ungewöhnliches und interessantes Buch. Ich setze es auf meine Must-read-Liste. :-)
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