Der Comiczeichner Art Spiegelman © Sabine Weier

"Mein Dank gilt auch Adolf Hitler , ohne ihn wäre Maus nicht möglich gewesen", scherzt ein gut gelaunter Art Spiegelman an diesem sonnigen Sonntagvormittag im Kino International. Gerade wurde ihm der mit 50.000 Euro dotierte Siegfried-Unseld-Preis verliehen. Er habe sich gefragt, ob dieser Preis so etwas wie eine späte Reparationszahlung sein soll, neckt er weiter. Das vom Suhrkamp Verlag geladene Publikum lacht, vermutlich erleichtert ob des sarkastischen Umgangs mit der deutschen Geschichte.

Spiegelman hat seinen persönlichen Weg gefunden, Geschichte zu verarbeiten, zumindest seine eigene. In seinem Erfolgscomic Maus erzählt er, wie seine Eltern Wladek und Anja Spiegelman, polnische Juden, knapp die Schoah und "Mausschwitz" überleben. Juden zeichnet er als Mäuse, Deutsche als Katzen, Polen als Schweine: Metaphern für den Rassenwahn. Der erste Strip, der in den frühen 1980er Jahren im Avantgarde-Magazin RAW erschien, das Spiegelman gemeinsam mit seiner Frau Françoise Mouly herausgab, machte manche Leser wütend, andere fühlten sich verletzt. Der Holocaust im Comic , geht das? Juden als Mäuse, ist das geschmacklos? Fragen, die Spiegelman noch heute immer wieder beantworten muss.

Das legendäre Cover des "New Yorker" © Art Spiegelman

Nachdem er 1990 in Deutschland den Sonderpreis des Erlanger Comicsalons erhalten hatte, zeichnete er sich als Maus auf der Bühne vor einem deutschen Katzenpublikum. 22 Jahre später referiert er in Berlin humorvoll über die Geschichte des Comics, vor einem Saal voller Grinsekatzen. Er beschreibt, wie Comics ihm die Eigenheiten der amerikanische Kultur nahebrachten, die ihm seine Eltern nicht erklären konnten; wie er besessen die legendären MAD -Ausgaben las, satirische Comichefte, von denen die "Kids, die damals gegen Vietnam demonstrierten, genauso beeinflusst waren wie von LSD". Er zeigt sein erstes Cover für das Magazin The New Yorker aus dem Jahr 1993, auf dem ein orthodoxer Jude eine Afroamerikanerin küsst. Das habe einen ordentlichen Wirbel verursacht. Immerhin sei er Comic-Zeichner geworden, um zu provozieren. Als die Mohammed-Karikaturen aus Dänemark publik wurden, bewertete er diese auf einer Skala aus kleinen Bomben.

An Tabubrüchen findet Spiegelman genauso Gefallen wie am Zurschaustellen. Maus ist eine autobiografische Arbeit, die ihren eigenen Entstehungsprozess reflektiert, Spiegelman etwa beim Gespräch mit seinem in die Jahre gekommenen, stoffeligen Vater zeigt – stundenlange Interviews bildeten die Basis für das Buch. Seine Mutter konnte er nicht fragen, sie hatte sich 1968 das Leben genommen, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Auch das erfährt der Leser. Spiegelman exponiert sich als Privatmensch ebenso wie als Künstler, Ende September erscheint MetaMaus auf Deutsch, ein Making-of von Maus mit Skizzen, Originalmitschnitten, Recherchematerial, Familienfotos. In Im Schatten keiner Türme verarbeitete Spiegelman die Ereignisse von 9/11 und machte sich selbst zum Hauptdarsteller. Die Retrospektive im Museum Ludwig in Köln gibt jetzt weitere Einblicke in Kunst und Leben des heute 64-Jährigen, der sich meist mit Zigarette in der Hand zeichnet.

Maus war größer als er selbst

In der fensterlosen Honecker-Lounge des Kino International pafft er nach der Preisverleihung inmitten des original sozialistischen Interieurs mit Mustertapete und roten Samtsesseln, aus deren durchgesessenen Stellen gelber Schaumstoff quillt, dann auch eine nach der anderen. Anachronistisch wirkt das schmale verqualmte Nebenzimmer des ehemaligen DDR-Premierenkinos, wie der Protagonist des Vormittags selbst: Lässig, mit Lederjacke, Weste, Hemd und halblangen Haaren sieht er aus wie einer aus der New Yorker Intellektuellen-Szene der 1970er Jahre, wie einer, der an der Seite von Größen wie Robert Crumb , dem Autor von Fritz the Cat , dem Underground-Comic und der Graphic Novel zur Geburt verhalf.