Neuer GedichtbandGrass würdigt israelischen Staatsfeind

In seinem neuen Gedichtband lobt Günter Grass den israelischen Nukleartechniker Vanunu als Held. Dieser hatte das geheime Atomprogramm Israels öffentlich gemacht. von dpa

Literaturnobelpreisträger Günter Grass

Literaturnobelpreisträger Günter Grass  |  © Daniel Reinhardt/dpa

In seinem neuen Gedichtband Eintagsfliegen hat Günter Grass wieder Israel zum Thema gemacht. Der deutsche Literaturnobelpreisträger würdigt in einem der insgesamt 87 Gedichte den wegen Spionage zu 18 Jahren Haftstrafe verurteilten israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu als "Held" und "Vorbild".

Vanunu hatte 1986 im Ausland das geheime Nuklearprogramm Israels öffentlich gemacht. In dem Gedicht "Ein Held unserer Tage" dichtet Grass über Vanunu: "So heißt der Held, der seinem Land zu dienen hoffte, indem er half die Wahrheit an den Tag zu bringen."

Eine Spionin hatte Vanunu nach Rom gelockt, der israelische Geheimdienst Mossad entführte ihn dort und brachte ihn nach Israel, wo er vor Gericht kam. Elf Jahre saß Vanunu im Gefängnis, kam danach unter Auflagen frei. Weil er sich dennoch mehrfach äußerte, musste er erneut einige Mal ins Gefängnis und lebt unter Hausarrest.

Grass ruft offen zum militärischen Geheimnisverrat auf – überall dort auf der Welt, wo Vernichtungswaffen hergestellt werden: "Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen, entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo in Texas , Kiel, China , im Iran und Rußlands Weite erklügelt wird und uns verborgen bleibt." Die Kieler Werft HDW baut für Israel U-Boote, die nach Medienberichten atomwaffenfähig sein sollen.

Grass überarbeitet Israel-Gedicht

Bereits im April hatte Grass mit dem Gedicht "Was gesagt werden muss" Israels Regierung stark verärgert. Innenminister Eli Jischai sprach gegen den deutschen Dichter ein Einreiseverbot aus . Grass hielt in dem Text Israel vor, mit seinen Atomwaffen den Weltfrieden zu gefährden und das Recht auf einen militärischen Erstschlag gegen Irans Atomanlagen zu beanspruchen.

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Der Literat hat die zunächst in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte Fassung des Gedichts für den neuen Gedichtband stilistisch und in einem Punkt inhaltlich überarbeitet: So heißt es jetzt nicht mehr, die "Atommacht Israel" gefährde den Weltfrieden, sondern "die gegenwärtige Regierung der Atommacht Israel".

Zu den Gedichten des Bandes gehört auch eins über den deutsch-rumänischen Schriftsteller Oskar Pastior (1927-2006), der von 1961 bis zu seinem Verbleiben im Westen 1968 informeller Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes Securitate gewesen war. Unter dem Titel "Verspäteter Schutzbrief für Oskar Pastior" verteidigt Grass den unter anderem mit dem Büchnerpreis geehrten Autor.

Pastior, selber Opfer des Stalinismus, habe aus größter Angst vor erneuter Haft im damals kommunistischen Rumänien gehandelt und später aus Scham geschwiegen. Erst vier Jahre nach dem Tod war die IM-Tätigkeit Pastiors, der Geheimdienstakten zufolge auch Spitzelberichte schrieb, bekannt geworden.

Den Kritikern wirft Grass vor, sich nur noch selbst unfehlbar gesehen und über Pastior den Daumen gesenkt zu haben. "Ich aber nehme Dich nun – verspätet, ich weiß – in den Arm; vielleicht gelingt es uns sprachlos zu weinen", schließt das Gedicht.

Die Eintagsfliegen thematisiert neben politischen Gedichten – darunter Texte zu Europa , Griechenland und eine kritische Liebeserklärung an Deutschland (Titel: "Trotz allem") – auch viele sehr persönliche Texte. Darin geht es um die Mühsal des Alters, um den Verlust von Freunden und um Todesahnungen. Grass malte zu jedem Gedicht eine aquarellierte Federzeichnung mit Eintagsfliegen. Der Gedichtband kommt am Wochenende in den Buchhandel.

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Leserkommentare
  1. neue Frau suchen oder sich um Waisenkinder kümmern!

    Über die Demokratie in China, Russland, Nordkorea kein Ton. Hungerstote unter Mao, in Afrika oder den Terror von "Islamisten" kein Wort.

    Grass kann doch statt Peter Münch (SZ) oder Jörg Lau eine Kolumne schreiben und fast wöchentlich Israel darin kritisieren.

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    • lyriost
    • 29. September 2012 11:58 Uhr

    Immer wieder erstaunlich, daß es Leute gibt, die sich den Kopf darüber zerbrechen, was andere machen könnten oder sollten, als ginge es sie etwas an. Ich hätte auch Empfehlungen an den Kommentarschreiber, aber es steht mir nicht zu, diese hier öffentlich zu äußern.

    Wieso aber sollte er heillos vom Thema abschweifen? Da könnte ja jeder kommen und meinen eine Schandtat sei keine solange sie nicht die einzige ihrer Art ist, oder um es wie im Kindergarten zu formulieren: "da waren aber auch andere dabei", worauf dann immer der altbekannte Spruch folgt, "wenn all deine Freunde von einer Brücke springen.....?"

    • A_Loser
    • 29. September 2012 12:01 Uhr

    Entfernt. bitte äußern Sie sich differenziert. Danke. Die Redaktion/kvk

    Aus dem Artikel:
    "Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen, entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo in Texas, Kiel, China, im Iran und Rußlands Weite erklügelt wird und uns verborgen bleibt."

    Sie wissen aber heute schon:

    "Über die Demokratie in China, Russland, Nordkorea kein Ton. Hungerstote unter Mao, in Afrika oder den Terror von "Islamisten" kein Wort."

    Sind Sie Hellseher?

  2. Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Verdächtigungen und Spekulationen anzustellen. Danke. Die Redaktion/kvk

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    Jetzt dürfen sich die Antisemiten mal wieder freudig in ihren Sesseln zurücklehnen: Der ehemalige SS-Mann Grass hat gesprochen.
    Es ist die Islamische Republik Iran, in der jegliche Menschenrechte mit Füßen getreten werden, deren Präsident den Holocaust leugnet und sich wünscht, dass der Staat Israel von der Landkarte verschwindet - und nicht umgekehrt.
    Wie wäre es denn einmal mit Iran-Kritik? In Sachen friedlicher Nutzung der Atomenergie beispielsweise zeigt dieses Land nicht gerade Glaubwürdigkeit. Von der Finazierung des Terrors etc. braucht hier erst gar nicht geredet werden.

    • Stuart
    • 30. September 2012 0:33 Uhr

    Sie schreiben: "die gegenwärtige Regierung der Atommacht Israel gefährdet den Weltfrieden. Dem ist nichts hinzuzufügen"
    Aha... Jetzt wird der Staat, der von Hasstiraden Ahmadinedschads attackiert wird (nämlich Israel) auch noch zu dem Staat erklärt, der den "Weltfrieden" bedroht.
    Ich denke es ist die gegenwärtige Regierung Irans, die den "Weltfrieden" bedroht und nicht andersherum.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    Jeder Staat der eine Armee besitzt, ganz egal ob sie konventionell oder mit Atomwaffen ausgerüstet ist, ist eine Bedrohung für den Weltfrieden, denn Waffen werden nicht in der Absicht angeschafft, sie nicht zu benutzen!
    Und jede Nutzung dieser mitliärischen Ressourcen, egal mit welcher Absicht sie geschieht, bricht den Frieden.

    Deshalb ist es widersinnig zu behaupten, es gäbe zwischen bewaffneten Staaten, die die, wie der Iran und Israel, die Absicht haben notfalls einen nicht Verteidigungskrieg zuführen um ihre Ziele zu erreichen irgendeinen moralischen Unterschied in der moralsischen Bewertung.

    Dies schließt im übrigen auch Deutschland nicht aus, dass mit jedem neuen Einsatz deutscher Truppen außerhalb des deutschen Bundesgebietes seine in der Präambel des Grundgesetzes verankerten Verantwortung für den "Frieden in der Welt" missbraucht.

    • fs0
    • 06. Oktober 2012 22:33 Uhr

    46 "Empfehlungen" sind schon plebiszitär, oder?
    Wenn man den Beitrag dann mit ein paar Floskeln abwertet und löscht, zwingt mich das zu überlegen, für wen die gastgebende Zeitung eigentlich schreibt! Für das Gros ihrer Leser ganz offensichtlich immer weniger.
    Oder besteht da gar ein Erziehungsauftrag?

  3. ...zu krass.... und etwas provukant .... aber: man spricht über ihn .... hoffentlich verfestigt er sich jetzt nicht in dieser Roll des "Israelkritikers" ... ich denke, für diese Rolle fehlt ihm die nötige Sensibilität ... er sollte bei bizarren Charakteren und autobiographischen Gedichten bleiben .... man sollte nur von dem Schreiben, von dem man auch eine Ahnung hat ...

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    • rastar
    • 29. September 2012 12:23 Uhr

    man sollte nur von dem Schreiben, von dem man auch eine Ahnung hat ...

    Dem kann ich nur provukant beipflichten.

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    • lyriost
    • 29. September 2012 11:58 Uhr

    Immer wieder erstaunlich, daß es Leute gibt, die sich den Kopf darüber zerbrechen, was andere machen könnten oder sollten, als ginge es sie etwas an. Ich hätte auch Empfehlungen an den Kommentarschreiber, aber es steht mir nicht zu, diese hier öffentlich zu äußern.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wann er bei der Waffen-SS war und im Alter plötzlich zum "Israelkritiker" (der jüdische Staat schlechthin) wird ist das nicht nebulös?

    Anderen Jahrzehnte lang Moral predigten halten und dann mal so rausrücken "Huch ich war ja mal kurz in der Waffen-SS" aber aufarbeiten möchte ich das persönlich nicht "NEIN" jetzt kritisiere ich mal Israel.

    Israelkritik ist ja auch in Deutschland ein lohnendes Geschäft, es gibt Leute die kümmern sich täglich drum.

  4. 5. Logik?

    Wieso aber sollte er heillos vom Thema abschweifen? Da könnte ja jeder kommen und meinen eine Schandtat sei keine solange sie nicht die einzige ihrer Art ist, oder um es wie im Kindergarten zu formulieren: "da waren aber auch andere dabei", worauf dann immer der altbekannte Spruch folgt, "wenn all deine Freunde von einer Brücke springen.....?"

  5. Dass Grass für Oskar Pastiors Unfähigkeit, sich mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen, Verständnis aufbringt, dürfte eine verschlüsselte Apologie sein auf den Vorwurf gegen Grass, seine eigene (im Grunde nicht vorwerfbare) Mitgliedschaft in der Waffen-SS aus falscher Scham in der Bitburg-Debatte unterschlagen zu haben.

    Ob Grass damit dem Verhalten Pastiors wirklich gerecht wird? Zweifel seien angemeldet.

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    Ach, da ist sie ja wieder, die Erinnerung an Grass' „Wehrdienst“ in der SS. Der muss immer herhalten, wenn sich Grass bei irgend jemandem unbeliebt gemacht hat, eine gute Möglichkeiten für tiefenpsychologische Deutungen. Wer nicht selbst in einem Unrechtsstaat in Staatsicherheitshaft gesessen hat (oder zur SS eingezogen wurde) und widerstanden hat, sollte sich doch etwas zurückhalten.
    Seinem Staat und Volk kann man unter bestimmten Umständen dienen, wenn man der Regierung Paroli bietet - das sollte den Deutschen doch bestens geläufig sein. Ich fürchte, zur Zeit gilt das auch für Israel.

    erpressbar. Herta Müller berichtet, Pastior hätte relativ harmlose Berichte geschrieben - und vor allem wollte er seine tiefe Freundschaft zu Herta Müller nicht aufs Spiel setzen. Sie hat ihm verziehen.

    Insofern ist m.E. Grass´ Gedicht gerechtfertigt.

    • A_Loser
    • 29. September 2012 12:01 Uhr

    Entfernt. bitte äußern Sie sich differenziert. Danke. Die Redaktion/kvk

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    Sie schreiben: "Es ist gut und richtig, dass Grass Israel kritisiert. Es kann nicht sein, dass wir Deutsche so lange für das büßen müssen was unsere Vorfahren getan haben. Russland, China, Iran, drangsallieren uns nicht ständig mit der Vergangenheit. Viele Deutsche leiden daran und Grass bringt das zum Ausdruck"
    Dieses Posting fasst wirklich sehr gut zusammen, worum es bei solchen Debatten eigentlich geht: nicht um Israel, sondern um das seltsame Verhältnis der Deutschen zu sich selber. Alleine schon das Wort vom "büßen" stößt mir da seltsam auf: wer, bitte, hat irgendwann in irgend einer relevanten Weise für den Holocaust gebüßt? Ok: Eichmann, die Nürnberger Verurteilten, ein paar andere. Aber schon bei den Angeklagten des Auschwitz-Prozesses darf man doch fragen, ob die dort ausgesprochenen Strafen in irgend einem Zusammenhang zur Schuld stehen.
    Deutschland als Land hat sicher nicht gebüßt: es ist unwahrscheinlicherweise heute eines der reichsten, angesehensten Länder dieser Welt - und das nach dieser Geschichte! Da sollte man über "büßen" lieber schweigen.
    "Viele Deutsche leiden daran und Grass bringt das zum Ausdruck" schreiben Sie - woran genau leiden viele Deutsche? Dass Deutschland diese Vergangenheit hat? Daran kann man in der Tat nichts ändern.
    Fazit: bei der Israelkritik eines GG (und bei der vieler anderer) geht es um die holde Befindlichkeit von Deutschen, die endlich wieder einen Sündenbock gefunden haben. Wiedergefunden muss man wohl sagen.

    • Anarion
    • 29. September 2012 13:25 Uhr

    ohh wir armen Deutschen, müssen wir immer noch leiden für das was unsere bösen Vorfahren getan haben?? Oh ja wir leiden ja so furchtbar, ständig werden wir von Israel bedroht, eigentlich müssten wir jeden Tag Angst haben von israelischen Atomraketen getroffen zu werden!
    Meine Güte wenn ich solche weinerlichen Kommentare lese, könnte ich platzen!
    Wir haben immer noch eine Verantwortung Israel gegenüber, auch wenn es über 50 Jahre her ist, so viel büßen kann man gar nicht um diese Schuld abzuladen. Was nicht heißt dass wir persönlich dafür verantwortlich sind, nein, aber unsere Nation, unserer Staat hat dennoch eine wichtige Rolle an der Seite Israels, was nicht heißt dass wir keine Kritik üben dürfen. Aber diese Kritik sollte sachlich und angemessen sein.

    Desweiteren werden wir erstens nicht von Israel deswegen drangsaliert, das scheint nur Ihnen in Ihrer Opfer-Mentalität so zu gehen.
    Zweitens gehört die Existenzangst zum Selbstverständnis der Juden dazu! Bei uns schlagen nicht ständig irgendwelche Raketen ein und unser Volk wurde auch nicht systematisch zu Abermillionen umgebracht! Ebenso sind wir nicht von lauter Feinden umgeben, die uns bei der nächsten Gelegenheit überrennen und Ihrem Hass freien Lauf lassen würden. Deswegen ist es selbstverständlich, dass der Holocaust für die Selbstwahrnehmung der Israelis immer noch eine wichtige Rolle spielt und in Zukunft spielen wird!

  6. Bitte bemühen Sie sich um differenzierte und argumentative Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

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    • bayert
    • 29. September 2012 12:10 Uhr

    (nach der Entwaffnung) können Sie in der Gründungscharta der Hamas nachlesen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Günter Grass | Mordechai Vanunu | Oskar Pastior | Israel | Atomwaffe | Buchhandel
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