Jean-Claude EllenaDer Duft zwischen den Zeilen

Jean-Claude Ellena ist einer der weltbesten Parfümeure und schreibt über Düfte wie nur wenige. Endlich erscheinen zwei seiner Bücher auf Deutsch. von 

Jean-Claude Ellena im Atelier seines Wohnhauses im französischen Cabris

Jean-Claude Ellena im Atelier seines Wohnhauses im französischen Cabris  |  © Brice Toul

Dünn ist die Luft da oben, an der Spitze der Haute Parfumerie . Nur etwa eine Handvoll Menschen auf der Welt beherrschen die Kunst der Duftkomposition wie Jean-Claude Ellena. Der 65-Jährige ist seit 2004 Hausparfümeur bei Hermès und eine der wenigen bedachten Stimmen, die durch die wolkigen Luxusversprechen der Kosmetikbranche dringen. Ellena reflektiert sein Tun, teilt seine scharfen Gedanken mit anderen und verrät bisweilen sogar ein paar Zaubertricks.

Bisher wurden seine Bücher nur auf Französisch oder Englisch publiziert, in diesem Herbst erscheinen nun gleich zwei in deutscher Übersetzung. Parfum. Ein Führer durch die Welt der Düfte (C.H. Beck) und Der geträumte Duft (Suhrkamp) ergänzen einander zu einem Bouquet, in das man sofort seine Nase stecken möchte: Der Parfümführer erklärt die Geschichte, Kreation und Rezeption der feinen Düfte, während der andere Band in Tagebucheinträgen ein Bild von Jean-Claude Ellena, seinem Kunstverständnis und seiner Weltsicht zeichnet.

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Das eine ist ein kompaktes Grundlagenwerk, gründlich und dicht in seiner Expertise, dennoch unterhaltsam. So ein Buch fehlte im deutschsprachigen Bücherregal. Das andere ist die assoziative Poetik eines feinsinnigen, äußerst kultivierten Franzosen, dessen Leben nicht nur von der Nase, sondern von allen Sinnen gelenkt wird.


"Jedes Parfum hat seine eigene Syntax, seine Grammatik", schreibt Jean-Claude Ellena in Parfum . In seinem Tagebuch bereichert er das Diktum um eine persönliche Note: "Der Parfümeur wird gerne mit dem Komponisten verglichen, doch ich selbst habe mich stets eher als einen Schriftsteller der Düfte verstanden."

Auch das Schreiben auf Papier liegt ihm. Er beginnt die Einführung bei der Geburt der modernen Parfümerie durch Revolutionen in der Molekularchemie Ende des 19. Jahrhunderts. Der Parfümeur war nun frei, nicht nur mittels ätherischer Öle und natürlicher Extrakte die Natur in Phiolen zu fangen, sondern konnte mit neuen, synthetischen Duftfarben abstrakte Werke schaffen, die dem Abgebildeten seinen eigenen Stilwillen hinzufügten. Es entstanden Klassiker wie Fougère Royale von Houbigant, Chypre von Coty, Chanels No. 5 , Arpège von Lanvin, Diorissimo oder Ellenas eigenes, erstes großes Parfum, First für Van Cleef & Arpels (1976).

Ich habe das Parfum aus Zufall gewählt, oder besser, das Parfüm hat mich gewählt. Ich hätte auch Klempner, Maler oder Musiker werden können.

Jean-Claude Ellena

Wie alle Künste und kulturelle Erscheinungen sind auch Parfüms durchweht von einem Zeitgeist, den politischen und gesellschaftlichen Umständen einer Epoche. Und noch heute können wir die Geschichte riechen. Die Hinwendung zu Unisexparfums mit der Einführung von ck One bedeutete 1994 einen großen Umbruch. Ellena schreibt: "Mit einem Apothekenflakon – einer Botschaft der Unlust, die das Schuldgefühl für den Kaufakt aufheben soll – und ihren 'sauberen und gleichberechtigten' Kindern gelangen wir in die Zeit, in der die Hygiene großgeschrieben wird."

Der Autor beschreibt sowohl die ästhetischen Aspekte eines Parfüms als auch seine Beschaffenheit als Ware auf einem Weltmarkt. Wie sein Berichtsobjekt schwankt auch Ellena zwischen Kunst und Ökonomie, zwischen Handwerk und sinnlicher Transzendenz. Damit deutet er auf den Kern des Dilemmas, in dem sich die Haute Parfumerie befindet:

Sie ist eine der letzten Künste, die sich noch nicht aus der Patronage befreien konnte. Im Gegensatz zu Literatur, Musik und Malerei, die sich spätestens mit dem Erstarken des Bürgertums im 19. Jahrhundert vom Einfluss ihrer Auftraggeber emanzipiert haben, ist die Parfümkreation allzu meist im Rahmen einer Dienstleistung gefangen. Die großen Luxusunternehmen leisten sich ihre hauseigenen "Nasen" wie Hofkomponisten. Und gleichzeitig schwingt sich gerade jetzt, da da der ökonomische Druck weltweit agierender Kosmetikkonzerne kaum größer sein könnte, ein junger Teil der Branche erstmals auf in die künstlerische Freiheit: Seit wenigen Jahren wagen sich kleine Nischenmarken mit ambitionierten und teils hervorragenden Düften auf den Markt. Sie finden ihre Liebhaber, oft genug durchs Internet.

Leserkommentare
  1. Waiting - for a sexy fealing. (F-Bb-F-A7, John Lennon)
    Dann klappt es auch mit dem Riechorgan.

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  • Schlagworte Dior | Duft | Kunst
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