"Tat ich jemals so, als wolle ich der Babysitter oder die Lehrerin Ihrer Kinder sein?", fragte Joanne K. Rowling jüngst im New Yorker .   "Ich denke, ich war vollkommen ehrlich: Ich bin eine Schriftstellerin. Und ich schreibe, was ich will." Und so kam es: Unter globaler, journalistischer Live-Begleitung erschien jetzt Ein plötzlicher Todesfall . Es ist Rowlings erstes Buch für und über Erwachsene und folgt fünf Jugendlichen im verschlafenen Dorf Pagford, gedemütigt, missbraucht, belächelt und benutzt von Kleingeistern und Unsympathen der Elterngeneration.

Vordergründig geht es um den plötzlichen Tod von Barry Fairwater, einem Gemeinderatsmitglied. Doch dieses Ereignis ist nur der Auslöser für eine Unzahl disparater Handlungsstränge, in denen die Dorfbewohner zwischen Marktplatz, Schule, Ruderverein und Entzugsklinik umherstolpern. Die große Überraschung des 575 Seiten langen, aus mehr als 20 Figurenperspektiven erzählten Romans: Er ist kein Krimi, keine Dorf-Satire, kein charmantes Panorama über Tod, Gesellschaft und Lokalpolitik. Es ist ein verbittertes Sozialstück. Statt Humor herrscht kalte Ironie. Statt Spannung die nervöse Ahnung: Das nimmt ein schlimmes Ende.

Der liebende Blick, der Schwung und die Begeisterung, mit denen Rowling ihre Harry Potter -Helden wachsen ließ, weichen einer ziel- und kraftlosen Wut über alltägliche Grausamkeiten von Spießbürgern, Heuchlern und verlogenen "Familienmenschen": Die dralle Anwaltsgattin Samantha, frustriert, weil ihre Boutique "Busenwunder" rote Zahlen schreibt, küsst einen Pickeljungen aus der Schule ihrer Tochter. Ein kugelrunder Feinkosthändler "schob mit seinen Wurstfingern den Schinkenschneider vor und zurück". "Was stimmt nicht mit dir?", brüllt eine überspannte Ärztin, als ihre Tochter heulend durch die Schule wankt. "Du widerst mich an!" Eine Sozialarbeiterin tobt, weil sie nur Sexdates hat, keine Beziehung. Vergrault ihre Tochter den neuen Partner? Schmiergeldempfänger Simon schlägt Frau und Söhne. Und Terri, eine Prostituierte auf Heroin, lässt zu, dass Tochter Krystal vom Zuhälter vergewaltigt wird.

Verbrauchte Melodramatik

Lügner lügen, Fixer fixen, Jammerfrauen horten Chips und Schokoriegel, Opfer bleiben Opfer und alle Feiglinge maßlos feige. Bis fast zur Hälfte des Romans werden hässliche Ehen in hässliche Häuser vorgeführt, mit dickem Pinselstrich und ohne Überraschungen – Figuren wie Harrys muffige Verwandtschaft, die Dursleys im Ligusterweg. Ein ganzes Dorf ohne Helden, Freunde, Idealisten.

Die bisher überraschend schlechten Verkaufszahlen und vielen enttäuschten Kritiken haben zwei große Ursachen: Zwar kratzt Rowling für die meist jüngeren, hilflosen, gesellschaftlich verachteten Figuren im Ensemble ein wenig Mitgefühl zusammen. Doch in Aktion treten, den Mund aufmachen, handeln darf fast niemand. Reicht es, Selbsthass und die Frustration einer gemobbten Schülerin zu beschreiben in fünf, sechs knappen Passagen, irgendwo ins Wirrwarr der Stimmen und Figuren verstreut? "Der dunkle See aus Verzweiflung und Schmerz, der Sukhvinder innerlich ausfüllte und nach Erlösung verlangte, stand in Flammen, als wäre er die ganze Zeit schon aus Benzin gewesen. […] Die Rasierklinge, die in ihrem Plüschhasen steckte, versprach Trost."

Das bleibt Sozialkitsch, erzählt in verbrauchter Melodramatik. Große Themen – respektlos klein gedacht. Die lieblose, oft ordinäre deutsche Übersetzung ("Samantha war beschwipst und geil") tut ihr Übriges.