HollywoodDie Leichen hinter den Filmen

Der Schriftsteller Kevin Vennemann besucht Los Angeles. In seinem Essay "Sunset Boulevard" will er Hollywoods Geschichtslosigkeit auf die Spur kommen. von 

Der Sunset Boulevard in Los Angeles

Der Sunset Boulevard in Los Angeles  |  © Hector Mata/AFP

"Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt", schreibt Theodor W. Adorno in seinen 1951 erschienenen Minima Moralia . Das Zitat könnte in Neonschrift über Kevin Vennemanns Sunset Boulevard leuchten. In seinem Essay versucht er nicht mehr und nicht weniger, als die Dialektik der Moderne, ihr Versprechen und ihr Versagen, an einem neuralgischen Punkt zu untersuchen. Er bereist jenes Kalifornien , das Adorno wie so vielen anderen als Exil gedient hat, und macht sich auf die Suche nach den Glücksversprechen und düsteren Visionen, die dort von der Filmindustrie produziert werden.

Er findet dabei nicht nur die Leiche im Swimming Pool aus Billy Wilders Film Sunset Boulevard , von dem sich Vennemann den Titel leiht, sondern ganze Leichenberge in den Filmen. Auch wenn diese meist diskret kaschiert sind. Die fiktiven Toten verweisen, Vennemann lässt daran keinen Zweifel, auf die realen. Zur Zeit der berühmten Film-Noir-Filme werden sie in Europa zu Leichenbergen angehäuft. Auch hier sind es oft Bilder, durch die wir auf etwas aufmerksam gemacht werden, das darauf eigentlich nicht zu sehen ist; Bilder, die das Entscheidende ausblenden, nämlich die Schatten des Entsetzens. Es geht in Sunset Boulevard um das, was nicht in den Blick kommt. Was die Bilder verschweigen. Was die Bilder nicht nur notwendigerweise durch den Rahmen, der ihnen gesetzt ist, nicht zeigen können. Sondern gerade auch um das, was sie bewusst ausblenden, weil sie Mythen produzieren und ihr Publikum schonen müssen.

Anzeige

Vennemann schreibt über den Film, referiert etliche Beispiele des L.A. Noir: Meisterwerke von Wilder, Howard Hawks oder Nicolas Ray; und der Autor begibt sich mitten in die Geschichten und tritt zwischen die Kulissen. Es ist kein Schreiben über ein Thema, sondern eine Reise in die Szenerien und an die Schauplätze. Mit der befreundeten Autorin Chris Kraus durchquert er 2008 Los Angeles , fährt über den Sunset Boulevard, um dann die Richtung einzuschlagen, in die sich Chandlers Privatdetektiv Philip Marlowe immer wieder gesehnt hat: go east . Jeder scheint den Drang zu verspüren, der Geschichtslosigkeit zu entkommen, dem Fremdsein an einem Ort, der wie kein anderer mit Traumbildern lockt.

"Topographischer Rassismus"

Eng mit dem Film verbunden ist die Architektur. Auch die Häuser schienen in den zwanziger und dreißiger Jahren gecastet worden zu sein: Sie spielten Rollen, waren etwa im kolonialen spanischen Stil gebaut und damit Denkmäler einer Oberschicht, die ihren Wohlstand in Stein meißeln wollte. Und zugleich war Kalifornien und insbesondere Los Angeles das Versuchslabor für avancierte, teils aus Europa stammende Architekten, die hier die Moderne nicht nur denken, sondern tatsächlich gestalten konnten. Diese Häuser von Richard Neutra oder Rudolf Schindler, von Albert Frey oder Raphael S. Soriano waren ein Versprechen: "Egalitarismus in der Architektur". Und sie sind zu Museumsobjekten geworden.

Kevin Vennemann macht in dem Fotografen Julius Shulman einen der Hauptschuldigen dafür aus, dass eben diese nicht nur künstlerische, sondern auch soziale Avantgarde zur Staffage für einen bestimmten Lebensstil verkommen ist. Shulmans klassische Architekturfotografie erscheint als Totengräber einer Utopie, obwohl sie doch deren Botschafter hätte sein können oder sollen. Shulman, zum Zeitpunkt von Vennemanns Reise durch L.A. im biblischen Alter von 98 Jahren, wird zur Zielscheibe für seine Angriffslust: Er wirft ihm "topographischen Rassismus" vor, eine gezielte Manipulation seiner Bilder, die eine weiße Oberschicht bedienen sollten und nichts von dem wagemutigen Aufbruchsgeist dieser Architektur übrig gelassen hätten.

Vielleicht ist Vennemann zu streng mit dem Werk von Shulman; vielleicht trifft der Vorwurf des Ästhetizismus nicht so ganz, denn es ist legitim auch in der Architekturfotografie den Objekten eine Aura zu verleihen und sie aus einer bestimmten Perspektive zu betrachten. Aber: Vennemann stellt die richtigen Fragen. Über viele Seiten hinweg formuliert er sie, spitzt seine Gedanken so immer weiter zu, verschärft seine Attacken. Er will Shulman, mit dem ein Interviewtermin vereinbart ist, tatsächlich damit konfrontieren (das Gespräch kommt im letzten Moment nicht zustande). Aber eigentlich richten sich die Anwürfe und Fragen an die Moderne schlechthin. An unser Verständnis der Wahrnehmung von Wirklichkeit. Vor allem aber an unsere Fähigkeit, unliebsame Erscheinungen, den Tod und die Toten auszublenden.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service