Notizen im Netz: Die Buchkultur erzieht zum Geiz
Was wir flüchtig notieren, sollten wir nicht für uns behalten, schreibt der Kulturwissenschaftler Stephan Porombka. Der Literatur kann das nur gut tun.
Ab Oktober wird es von Moleskine ein Notizbuch geben, das mit dem Internet verbunden ist. Richtig, das ist die Firma mit den Heftchen, die schon von einer Reihe großer Künstler benutzt worden sind. Van Gogh soll angeblich eins gehabt haben, Matisse, Picasso, Jack Kerouac auch.
Millionen ahmen heute nach, was diese Helden der Moderne vorgemacht haben. Stift und Notizbuch gehören zur Grundausstattung der kreativen Klasse. Kritzelnd wird gezeigt, wie man der Flüchtigkeit der Welt mit individueller Produktivität begegnet. Was schnell verweht, wird mit Handschrift auf Papier fixiert und mit eigenen Ideen, Skizzen und Entwürfen erweitert. Am Ende mündet der Idee nach alles in ein Werk, für das jede kleine Aufzeichnung nur eine Vorstufe, aber gerade deshalb absolut unverzichtbar war.
Dass Moleskine seine Notizbücher nun mit dem Netz verbindet, ist kein Zufall. Reagiert wird damit auf eine Veränderung, von der die Bedeutung des Notierens so grundsätzlich erfasst ist, dass sie ihre Vorzeichen ändert.
Das Prinzip der netzkompatiblen Version ist schlicht. Die Nutzer können jede einzelne extra präparierte Seite einfach mit dem Smartphone abfotografieren, um die Notizen in optimaler Qualität digital zu speichern. Hat man sie erst mal ins dazugehörige Programm übertragen, lassen sie sich auf verschiedenen Geräten synchronisieren, bearbeiten, verschlagworten und mit anderen Nutzern teilen. Von dort aus finden die Notizen schnell ihren Weg auf die Seiten von Facebook, Google und Twitter, wo sie erst richtig an Geschwindigkeit aufnehmen.
Wie Lichtenberg in hypermodern
So geraten sie in Umlaufbahnen, in denen nicht nur Billionen anderer Notizen herumschwirren. Hier treffen sie auch auf eine Atmosphäre, in der ganz anders notiert wird. Die Ästhetik der Moderne, die das Stückwerk, das Fragment und die Vorläufigkeit als Ausdruck eines zersplitterten Individuums gefeiert hat, das sich seine Totalität zusammenpuzzeln muss, wird dabei mit links eingeholt. Und sie wird erledigt.
ist Jahrgang 1967 und Professor für Literatur und Kulturjournalismus in Hildesheim. Er ist Mitveranstalter des Thinktanks litflow in Berlin. Er twittert selbst unter @stporombka
Was im Hundertstelsekundentakt auf den Plattformen der sozialen Medien gepostet wird, erreicht ja längst die Qualität von dem, was aus den klassischen Notizbüchern großer Literaten bekannt ist. So etwas wie Samuel Pepys Tagebuch wird hier up to date gebracht. Lichtenbergs vor Witz so blitzende Sudelbücher kann man in hypermodernen Versionen in ihrer Entstehung verfolgen. Bei Twitter findet man literarische Empiriker wie Emile Zola, die ihre Gegenwart in Listen inventarisieren. Bei Facebook oder Google+ gibt es hier und da notorische Notierer wie Ernst Jünger, die sich selbst als ästhetisches Experiment verstehen und die Welt an sich ausprobieren.
Nicht alles ist gut und brauchbar. Die wenigsten, die hier publizieren, schreiben auf hohem Niveau. Aber warum sollte man der Netzkultur vorwerfen, was für die Gutenbergkultur mit ihrer Bücherschwemme ja auch nie wirklich ins Gewicht gefallen ist?





Na ja... ich weis nicht...
Als ich nach England umgezoben war habe ich während meinen A-levels ein Moleskine mit jede menge "Schulkram" gefüttert - nützliches aus Mathematik, Physik, Chemie... - aber das waren Notizen für mich, nie zum Teilen gedacht.
Es ist doch nett wenn man seinem Gedächtnis mit ein paar Notizen auf die Sprünge helfen kann - und solche Notizen sind nun einmal privat.
Ich habe auch später an der Uni in einem Moleskine irgendwas nptoert... und dann vor einigen Wochen mindestens 2 Moleskine Notizbücher durch einen Schredder gejagt.
Menschen schreiben sich Notizen in Notizbücher um sich selbst auf die Sprünge zu helfen, um Ideen zu fixieren die man sonst vergisst - nicht um diese mit allen zu teilen. Aber vielleicht denke ich auch nur wie ein alter Greis...
Aktuel habe ich bei meinem PhD auch mit einem Moleskine für Notizen angefange... bin dann aber zu normalen Briefblöcken übergegeangen - da kann man einfacher eine Seite wegwerfen, aber wieder, es sind Notizen für mich... warum sollte ich diese Teilen?
A propos Notizen... mein Papier habe ich kurzerhand in einem Dokumentenscanner gescannt und dann geschreddert... es brauchte zu viel Platz und wog zu viel: auf die Seiten schaue ich eh nicht noch einmal... und wenn doch habe ich die digitale Kopie (nur für mich).
PS: Ich schreibe fast alles mit einem Füllfederhalter - auch kleine Notizen.
Beide Thesen sind nicht wirklich schlüssig.
Man kann sehr wohl als Schriftsteller einerseits Notizen in ein Papierheft eintragen - denn das geht üblicherweise schneller, als erst ein Kindle, iPad oder Cellphone rauszukramen und sich zur Notizfunktion durchzuklicken - andererseits kann man ja zudem (und auf den Notizen fußend) z.B. einen Blogeintrag verfassen, der sich auch im Datenstrom verbreiten lässt.
Und wer sagt, im Netz würde meist nicht auf hohem literarischen Niveau geschrieben, der kennt die richtigen Seiten nicht. Der sollte vielleicht einmal in die Blogs der Schriftsteller René Hamann, Jan Kuhlbrodt oder Ron Winkler reinschauen. Von Wolfgang Herrndorfs Online-Tagebuch "Arbeit und Struktur" erst gar nicht gesprochen. (Und meiner ist auch nicht gerade schlecht geschrieben).
Es existiert ein gutes Portal, auf dem man viele literarische Blogs finden kann (und das vom Literaturarchiv in Marbach archiviert wird): http://www.litblogs.net/
Man muss sich eben nur auskennen.
Schnelligkeit und Interaktivität - super.
Beobachtungen mit anderen direkt teilen - auch super.
Aber was ist mit dem wirklich großen Werk, für das ein Autor jahrelang forschen, sammeln und strukturieren muss? Von dem er auch leben können muss? Darf er oder sie dann nicht mal ein paar von den dicken schwarzen Kladden vollschreiben, darf man da nicht die Sammlung reifen lassen, auf dass sie danach das Licht der Öffentlichkeit als ach so stagnierendes Buch erblicke? Auch in dem Wissen, dass nichts vollkommen ist - aber was solls, hierfür gibt es "durchgesehene und verbesserte Auflagen". Das ist halt "old school".
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