Manga-Zeichner O. TezukaFeuchte Kulleraugen der Erleuchtung

Der japanische Zeichner Osamu Tezuka hat ein gewaltiges Lebenswerk hinterlassen. Sein Epos "Buddha" ist nun erstmals auf Deutsch erschienen.

Osamu Tezuka

Osamu Tezuka

In Japan wird Osamu Tezuka "Gott der Manga" genannt. Als er 1989 mit sechzig an Krebs gestorben war, erschien in einer japanischen Tageszeitung ein Nachruf, worin der Verfasser sich fragte, warum andere Nationen Comics nicht so lieben wie Japaner. Die Antwort gab er selbst: In anderen Ländern hätte es eben keinen Tezuka gegeben. Es wäre vielleicht anders gekommen, wenn Tezuka nicht 1965 ein Angebot von Stanley Kubrick ausgeschlagen hätte. Kubrick hatte die Anime-Serie Astro Boy gesehen, die auf Tezukas gleichnamigem Manga über einen Roboter-Waisenjungen basierte. Er lud Tezuka in einem Brief dazu ein, bei 2001 – Odyssee im Weltraum (1968) als Art Director mitzuarbeiten. Tezuka hätte allerdings ein Jahr in England leben müssen und konnte es sich nicht leisten, sein Anime-Studio so lange zu verlassen. Stattdessen blieb er in Japan und verfiel in eine Schaffenskrise.

Er hatte mit geradliniger Unterhaltung für junge Leser den Durchbruch geschafft und galt als der Größte unter Japans Comiczeichnern. Aber seine Popularität nahm langsam ab. Der Gekiga hatte sich in den Sechzigern etabliert, eine neue Manga-Gattung, die mit realistischen Erzählungen und Zeichnungen erwachsene Leser ansprach. Tezukas Stil schien überholt zu sein. Als ein großer Bewunderer von Walt Disney und den Klassikern der amerikanischen Cartoons hatte er seine Figuren nach Vorbildern wie Betty Boop oder Micky Maus gezeichnet. Er war der Erfinder der perfekten Illustration des Kindchenschemas: die überdimensionierten, feucht kullernden Augen, die man nach Heidi hierzulande mit dem Manga assoziiert.

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Nach der Pleite seiner Produktionsfirma Mushi Production wandte Tezuka sich depressiv und hochverschuldet einem religiösen Thema zu: Zwischen 1972 und 1983 publizierte er Buddha, ein dreitausendseitiges Epos über das Leben des Religionsgründers Siddhartha Gautama. Der Carlsen Verlag bringt in zehn Bänden erstmals eine deutsche Übersetzung heraus. Der erste Band Kapilavastu mischt Jugendabenteuerroman und messianische Legende.

Prophezeiungen und Kinderhumor

Ein Mönch der Brahmanen, die das indische Kastenwesen beherrschen, wird ausgesandt, um den Auserwählten zu finden, der alle Lebewesen von ihrem Leid erlösen wird. Auf seinem Weg trifft er den kleinen Jungen Tata. Er ist ganz von ihm eingenommen, obwohl Tata zu den Paria gehört, der niedersten Kaste der Unberührbaren. Tatas Seele kann von Tieren Besitz ergreifen. Er ist ein Naturwesen, das noch nicht von den gesellschaftlichen Regeln korrumpiert wurde. Tata freundet sich mit dem kleinen Chapra an. Chapra kämpft sich aus seinem Sklavendasein heraus und entwickelt sich zum Vorzeigekrieger, während sich die Zeichen mehren, dass die Ankunft des Auserwählten ansteht.

Tezuka porträtiert das elende Leben der unteren Kasten und überhöht es durch die religiöse Mythologie. Obwohl er vorher schon angefangen hatte, realistisch zu zeichnen, baut er in Buddha seinen früheren Zeichenstil ein. Tata ist wie ein nackter Astro Boy gezeichnet, sein Körper erscheint seltsam unausgebildet, weil er ein Wesen zwischen Mensch und Tier ist. Für europäische Augen ist auch Buddha ein Zwitterwesen. Die poetisierende Sprache der religiösen Prophezeiung wechselt mit derbem Kinderhumor ab. Chapras Aufstieg gibt dem Ganzen den Rahmen einer Abenteuergeschichte.

Sogar in seinem düsteren Comic-Epos Adolf (1983 bis 1985) verwandeln sich realistische Figuren mitten in einer dramatischen Sequenz in Karikaturen, die manchmal in ihrer Rage mit dem Kopf durch den Bildkasten krachen. Tezuka vereint ganz unterschiedliche Stilmittel durch die Art seiner Erzählung. Weil er die Bilder den einzelnen Situationen anpasst, liegen Parodie und Tragödie bei ihm sehr eng beieinander. Auch wenn das Geschehen tragisch ist, können die Figuren lächerlich sein.

Leserkommentare
  1. warum es 30/40 Jahre gedauert hat das hier zu veröffentlichen wäre es ein guter Artikel geworden.

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    ...ist hier ja noch relativ Jung. Eigentlich hat das erst mit Sailor Moon richtig angefangen hier, was ja an Teenager gerichtet ist. Vllt. gibt es erst jetzt eine größere Target-Group für "erwachsenere" Produkte dieser Art.

    Sailor Moon wurde in Japan 1992 veröffentlicht und in Deutschland 3 Jahre später. Man sieht - schon damals ging es besser und wir haben jetzt das Jahr 2012. Ich finde der Startschuss fiel auch nicht erst mit Sailor Moon sondern z.B. mit Heidi 1974 in Japan und 3 Jahre später in Deutschland. Da ging es auch schon besser. Damals wurden solche Serien auch noch mit mehr Liebe und besseren Storys gemacht im Gegensatz zu Heute. Der endgültige Durchbruch gelang sicher in den Neunzigern nach der Wende auch im Zusammenhang mit den Videospielen von Nintendo. Aber die plötzliche Popularität allein erklärt sicher nicht disese riesigen Zeiträumen zwischen den Ersterscheinungen.

    ...ist hier ja noch relativ Jung. Eigentlich hat das erst mit Sailor Moon richtig angefangen hier, was ja an Teenager gerichtet ist. Vllt. gibt es erst jetzt eine größere Target-Group für "erwachsenere" Produkte dieser Art.

    Sailor Moon wurde in Japan 1992 veröffentlicht und in Deutschland 3 Jahre später. Man sieht - schon damals ging es besser und wir haben jetzt das Jahr 2012. Ich finde der Startschuss fiel auch nicht erst mit Sailor Moon sondern z.B. mit Heidi 1974 in Japan und 3 Jahre später in Deutschland. Da ging es auch schon besser. Damals wurden solche Serien auch noch mit mehr Liebe und besseren Storys gemacht im Gegensatz zu Heute. Der endgültige Durchbruch gelang sicher in den Neunzigern nach der Wende auch im Zusammenhang mit den Videospielen von Nintendo. Aber die plötzliche Popularität allein erklärt sicher nicht disese riesigen Zeiträumen zwischen den Ersterscheinungen.

  2. ...ist hier ja noch relativ Jung. Eigentlich hat das erst mit Sailor Moon richtig angefangen hier, was ja an Teenager gerichtet ist. Vllt. gibt es erst jetzt eine größere Target-Group für "erwachsenere" Produkte dieser Art.

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  3. Schade. Der Comic Buddha als Art Director bei 2001. Hätte diesem an sich schon grandiosen Film sicher sehr gut zu Gesicht gestanden...
    Auf sein "Buddha" Epos darf man gespannt sein. Kann man so ein Thema tatsächlich in Comic Form darstellen?

  4. Sailor Moon wurde in Japan 1992 veröffentlicht und in Deutschland 3 Jahre später. Man sieht - schon damals ging es besser und wir haben jetzt das Jahr 2012. Ich finde der Startschuss fiel auch nicht erst mit Sailor Moon sondern z.B. mit Heidi 1974 in Japan und 3 Jahre später in Deutschland. Da ging es auch schon besser. Damals wurden solche Serien auch noch mit mehr Liebe und besseren Storys gemacht im Gegensatz zu Heute. Der endgültige Durchbruch gelang sicher in den Neunzigern nach der Wende auch im Zusammenhang mit den Videospielen von Nintendo. Aber die plötzliche Popularität allein erklärt sicher nicht disese riesigen Zeiträumen zwischen den Ersterscheinungen.

  5. dass Sie keine Bilder zu Buddha oder Adolf hinzugefügt haben - jetzt muss ich mich zum googlen bequemen, um herauszufinden, ob ich mir eine der beiden Geschichten zum Geburtstag wünschen kann/soll.

    Nebenbei fand ich es interessant, festzustellen, noch ausreichend Restpubertät zu haben, um über den Namen von Tezukas ehemaliger Produktionsfirma schmunzeln zu können ;)

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