Occupy : Wir selbst sind das Imperium

Selbst Revolte und Protest stabilisierten das herrschende System, schreibt das Autorenkollektiv Tiqqun. Es sieht nur einen Ausweg: im Bürgerkrieg.
Demonstranten auf dem Foley Square in New York © Andrew Burton/Getty Images

Jon Stewarts Daily Show ist zwar eine Comedy-Sendung, aber bestenfalls liefert sie politische Analysen, die hellsichtiger sind als alles, was die zuständigen Kommentatoren in den USA im Angebot haben. Im November 2011 gab es wieder so einen Moment, als die Daily-Show-Reporterin Samantha Bee das New Yorker Occupy-Camp auf dem Zuccotti-Park besuchte und feststellte, dass sich in dieser vermeintlich brüderlich-freiheitlichen Gemeinschaft innerhalb weniger Wochen feste soziale Klassengrenzen etabliert hatten. Das Camp war geteilt in Uptown und Downtown, in West End und East End, in Upper East Side und Ghetto. In Uptown lebten, ausgestattet mit Espresso-Maschinen, Fitnessgeräten und iPads, die linken Elitestudenten. In Downtown sammelten sich die Armen und Obdachlosen. Die Daily Show war das erste Medium, das erkannt hatte, dass die Occupy-Bewegung in keinem Moment ein Gegenentwurf zu der Welt gewesen ist, die sie beanstandet hat, sondern ihr Abbild, ihre Kreatur.

Ausgerechnet das französische Autorenkollektiv Tiqqun, dessen 2007 erschienener Essay Der kommende Aufstand zur Standardlektüre der internationalen Occupy-Bewegung in den USA, Israel und Europa gehörte, führt nun in seinem neuen Buch Anleitung zum Bürgerkrieg aus, warum es gar nicht anders kommen konnte: "Wer auch immer in einem System redet, agiert, 'lebt', ist auf irgendeine Weise durch dieses System autorisiert." Weil also auch die Kritik am System vom System beglaubigt wird, war der Occupy-Aufstand stets im vollen Umfang systemtreu, ein systemimmanenter Fahnenappell, der von den Mächten, die die eifrigen Antikapitalisten eigentlich destabilisieren wollten, legitimiert, ermöglicht und beklatscht wurde.

Tiqqun – und ihren Wegbereitern Giorgio Agamben , Guy Debord und Reiner Schürrmann – zufolge, sind nicht die Konzerne das Problem, sondern ein abstraktes System, das sich auf den Zeltlagern der Occupy-Bewegung genauso reproduziert wie auf dem Börsenparkett. Oder aber einfach "an einem Samstagabend, beschwipst unter kleinbürgerlichen Paaren in einem Vorstadt-Pavillon". Denn in diesem Vorstadt-Pavillon könnte sich jederzeit folgende Szene abspielen: Einer der Thekengäste schimpft auf streikende Fluglotsen, worauf sich sogleich ein anderer findet, der den Mut der Angestellten verteidigt, für ihre Rechte einzustehen.

Wie in Star Wars

Das Verfahren ist bekannt, jeder Bundesbürger hat diese oder ähnliche Diskussionen schon geführt: Die Positionen sind austauschbar und die Dialoge festgelegt, meistens enden sie damit, dass sich die Parteien das Recht auf ihre jeweilige Sichtweise zugestehen. Für Tiqqun äußert sich in diesem Recht allerdings keine Freiheit, sondern ihr Gegenteil: "Dies sind nicht Menschen, die miteinander sprechen, es ist ein System, das funktioniert."

Dieses System basiert nach Auffassung der zeitgenössischen linken Gesellschaftstheorie auf einer abstrakten Macht, das Tiqqun das Imperium nennt. Dieses Imperium ist deshalb so ein undankbarer Gegner für politische Aktionen, weil es seine Macht nicht auf dem institutionellen Wege ausübt, also über Regierungen, Banken oder Militär. Die Macht des Imperiums hat kein Zentrum, das sich attackieren ließe. Sie wird von jedem ausgeübt, der sich in irgendeiner Weise zu ihm in Beziehung setzt und sei es im Modus der Revolte. Insofern ist man gar nicht so sehr im Irrtum, wenn man bei Imperium als erstes an Star Wars denkt, denn die Macht ist in der Tat "mit dir".

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Wie Terry Pratchett mal schrieb:

"Die Menschheit mußte ins neue Zeitalter gerissen werden, auch wenn es viel Geschrei und Blutvergießen gäbe. [...] Er fragte sich, warum neue Zeitalter immer schreiend und zappelnd kommen müßten. Könnte es nicht ein einziges mal ein ruhiges Hinübergleiten geben?"

In diesem Sinne: warum müssen die Autoren wieder auf solch martialisches Vokabular zurückgreifen, wenn sie doch das komplette Gegenteil meinen?

Nicht ganz

>> Aus Krieg und Revolution
entsteht niemals Freiheit.
Wie oft will die Menschheit diese Lektion noch wiederholen, bis sie es versteht. >>

Es müsste m.E. heißen:
Durch Herrschaft entsteht niemals Freiheit.
Wenn die Menschen bei einer oder nach einer Revolution auf "Führer" und sonstige Stellvertreter setzten, sich also freiwillig entmündigen lassen, kommt eine Diktatur (im schlimmsten) oder Demokratie (im besten Fall) bei raus, aber halt keine Freiheit, in dem Sinn, dass sie auch tatsächlich frei sind.
Eine soziale Revolution, soll sie gelingen, bedarf mündiger Menschen, keiner Untertanen, die bei der nächstbesten Gelegenheit ihre Verantwortung und politische Partizipation an andere mit Blankovollmacht hinwegdeligieren und sich einen neuen Herrn suchen, der ihnen befehlen kann.
Am besten noch, weil der Herr Parteibonze für seine Wahl zuvor mit einem Bündel billiger Bananen warb...

Und da ich in Dt. vorallem Untertanen sehe, die sich nur jemanden wünschen, der sie weniger schlimm knechtet (klassischer SPD-Wähler), würde eine Revolution wirklich nur sinnloses Blutvergießen bedeuten, an dessen Ende neue Schweine am alten Trog fressen.

Wer die bestehenden Zustände radikal verändern will, muss den Schweinetrog zerstören - Herrschaft, bzw. die Möglichkeit auf Kosten anderer zu leben.
Die Schweine zu schlachten bringt nur kurzzeitige Besserung.
Und damit wären wir beim Anarchismus...

Widerspruch

"Eine soziale Revolution, soll sie gelingen, bedarf mündiger Menschen, keiner Untertanen"

Und was glauben sie, wie hoch der Anteil Unmündiger zum Beispiel hier bei uns in Deutschland ist?

Nicht hoch genug ist er allemal, um eine nachhaltige soziale Revolution, wie sie selbst richtig erkennen, in die Wege zu leiten.

Sind mündige Bürger nicht Voraussetzung für Gerechtigkeit und Freiheit? Welcher Weg führt zu mündigen Bürgern, wenn wir offensichtlich in einem unfreien und ungerechten System leben?

Meiner Meinung nach sind alle Rufe nach Revolution unverantwortliche Spinnereien, bevor wir diesen Widerspruch nicht gelöst haben.

Anarchie ist nicht gleich Freiheit

Anarchie ist die Freiheit derer, die ihre Freiheiten auch ohne Staat durchsetzen können, und das sind nun mal die Starken. Die Alten, Kranken und Schwachen sind in der Anarchie von der Gnade der Starken abhängig. Es gibt schließlich keine Instanz mehr, die festlegt, wo die eigene Freiheit endet und die Freiheit der anderen anfängt.

Wer Anarchie befürwortet, ist entweder naiv, oder er gehört selbst zu den "Starken".

Schon längst dabei...

>>Es müsste m.E. heißen:
Durch Herrschaft entsteht niemals Freiheit.<<

Manche Menschen sagen 'Hier herrscht Freiheit'. Das ist natürlich ein Irrtum oder auch eine Lüge.
Freiheit herrscht nicht.

(nach Erich Fried)

Und der Bürgerkrieg, den das Autorenkollektiv vorschlägt, hat doch bereits längst begonnen. Ein Blick auf den Zustand unseres Landes bestätigt das eindeutig.
Die Frage ist eigentlich nur, welche weiteren Formen er annehmen wird.

Anarchie ist NICHT das Recht des Stärkeren

Anarchie - Herrschaftsfreiheit - bedeutet NICHT das Recht des Stärkeren, was ja letztlich wieder nur ein Herrschaftsverhältnis wäre.

Anomie, ist das (institutionalisierte) Recht des Stärken.
Letzteres setzt im Gegensatz zur Anarchie auch keine (in der Masse) mündigen Menschen voraus, ist als nach einer Revolution viel leichter zu verwirklichen.

Darüber hinaus:
Das Recht des Stärken gilt nach wie vor in den meisten Gesellschaften der Welt, wobei sich dieses Recht meistens auf den Staat und seine Funktionäre bezieht, weniger auf Privatpersonen (welche mit viel Geld und Beziehungen ausgenommen).

Musste sich Herr Scharping jemals dafür juristisch verantworten, Dt. in einen Angriffskrieg hineingelogen zu haben? Nein.
Musste sich Blair jemals verantworten, sein Land in den Irakkrieg gelogen zu haben? Nein.
Was macht Oberst Klein, der vor ein paar Jahren die Ermordung von über 100 Menschen befahl?
Ist mittlerweile Brigadegeneral.
Das lässt sich stundenlang fortsetzen.

Und schauen sie doch, wie der Staat mit denen umgeht, die schwach sind und schutz und Unterstützung brauchen.
Ich denke da z.B. an die Sozialhilfebezieherin aus Frankfurt, die von der elendsverwaltenden Sozialbürokratie abgewiesen und in ihrer Verzweiflung der Bitte nach 10€ Bargeld mit einen Küchenknippchen Nachdruck verleihen wollte und alsdann von Polizisten erschossen wurde...

Linkes Machotum

"Der einzige Grund einen Krieg auf dieser Welt zu akzeptieren, Freiheit! -für alle!!!"

Bürgerkrieg also - was Besserers kommt den Herren nicht in den Sinn???

Als nach wie vor links denkender Mensch bin ich entsetzt darüber, wie wenig manche Linke heut dazu in der Lage sind:

- eine minimale Vorstellung der Grausamkeit von (Bürger-)krieg zu entwickeln - und diese Grausamkeit ohne Einschränkung abzulehnen.

- eine minimal realistische Vorstellung davon zu entwickeln, wie Menschen satt und einigermaßen mit Kulturgütern ausgestattet werden sollen - nachdem immerhin vor aller Augen sämtliche Vatianten des "real existierenden" Sozialismus genau an dieser Stelle kläglich versagt haben.

- eine angesichts der Komplexität der Welt, der menschlichen Verhaltensweisen und der ökonomisch-kultur-sozialen Zusammenhänge minimale Bescheidenheit der Analyse in Betracht zu sehen: Nein, wir wissen nicht Alles; nein, wir sind nicht in der Lage, die Realität von Grund auf umzumodeln.

Stattdessen sehe ich nach wie vor: Ein intellektuelles (und im Machtfall vorhersehbar brutales) Machotum des Besserwissens.

Der Krieg im Zweifel auf Kosten von anderen, die sich da nicht so sicher sind, wie die "Analysten" selbst.

Sicher, nicht alle Linken würden so weit gehen.

Allerdings: Das hier verhandelte Werk scheint mir die klaffende Einsicht zu bestätigen, dass eine die Strukturen (!) linken Denkens hinterfragende Selbst(!)-Analyse seit zwei Jahrzehnten praktisch ausbleibt.

Sie missverstehen mich

Ich kenne wohl die Wörterbuchdefinition von Anarchie. Ich bezog mich in meinem Kommentar auf die tatsächliche Realität in einer anarchischen Gesellschaft. Wenn es keine Herrschaft gibt, also auch keine Herrschaft des Volkes, und folglich keine von irgendwem legitimierte Exekutive, keine Gerichte, und keine Gesetzgebung, dann mag das für einige verblendete Ideologen (damit meine ich nicht notwendigerweise Sie) wie ein Paradies klingen, aber in der Realität sähe das wohl anders aus. Der Zustand lässt sich in Kriegsgebieten doch regelmäßig beobachten. Wenn es keine Polizei gibt, dann hat der mit der größten Waffe Recht, so lange, bis jemand mit einer größeren Waffe daher kommt.

Nehmen wir an, wir leben in einer Anarchie, und ich komme auf die Idee, dass z.B. alle Männer unter 1,80 Körpergröße erschossen werden sollten, weil das keine richtigen Männer sind (absurd, ich weiß). Wer will mich daran hindern? Eine Exekutive gibt es ja nicht, und selbst wenn, es gäbe ja keine Gesetze gegen das wahllose Töten von Menschen, weil es ja keine Herrschaftsform gäbe, die diese Gesetze erlassen könnte, und keine Gerichte, die diesen Gesetzen Gültigkeit verleihen könnten. Der einzige, der mich daran hindern könnte, wäre ein Mensch (oder mehrere), die mir körperlich überlegen sind, falls nötig auch mit Hilfsmitteln (= Waffen).

BTW: wenn Sie sagen, das Recht des Stärken gilt bereits, dann mag das evtl. stimmen, hat aber mit meinem Beitrag nichts zu tun. Stichwort: "Tu quoque Argument".

Intellektualität vs. Realität

Wenn ich den Artikel richtig verstehe, spricht der Tiqqun-Essay Menschen wie Jesus Christus, Mahatma Gandhi, Voltaire, Martin Luther King und Nelson Mandela die Legitimation ab, wogegen Revolutionen zu befürworten sein sollten.

Wenn ich nun etwa an die französische Revolution, die russische Oktober-Revolution und die iranische Revolution denke, sehe ich, dass sie alle großes Leid, Unfreiheit und Kriege zur Folge hatten. Während die davor genannten (überwiegend) friedlichen Menschen allein durch ihr Wort und ihr Vorbild die Welt nachhaltig zum Positiven verändert haben.

Und falls es darum geht, dass "jeder Einzelne auf seiner Lebensform bestehen" sollte - bitte nicht. Der Individualismus wird nämlich aus irgendeinem Grund, meiner Meinung nach völlig falsch, als Kompromisslosigkeit verstanden. Was führt dazu, dass es immer schwieriger wird, mit anderen Menschen auf einen grünen Zweig zu kommen. Merkwürdigerweise gerade in Dingen ohne großen Belang. Kein Wunder, dass die Menschen hierzulande vereinsamen...