Jon Stewarts Daily Show ist zwar eine Comedy-Sendung, aber bestenfalls liefert sie politische Analysen, die hellsichtiger sind als alles, was die zuständigen Kommentatoren in den USA im Angebot haben. Im November 2011 gab es wieder so einen Moment, als die Daily-Show-Reporterin Samantha Bee das New Yorker Occupy-Camp auf dem Zuccotti-Park besuchte und feststellte, dass sich in dieser vermeintlich brüderlich-freiheitlichen Gemeinschaft innerhalb weniger Wochen feste soziale Klassengrenzen etabliert hatten. Das Camp war geteilt in Uptown und Downtown, in West End und East End, in Upper East Side und Ghetto. In Uptown lebten, ausgestattet mit Espresso-Maschinen, Fitnessgeräten und iPads, die linken Elitestudenten. In Downtown sammelten sich die Armen und Obdachlosen. Die Daily Show war das erste Medium, das erkannt hatte, dass die Occupy-Bewegung in keinem Moment ein Gegenentwurf zu der Welt gewesen ist, die sie beanstandet hat, sondern ihr Abbild, ihre Kreatur.

Ausgerechnet das französische Autorenkollektiv Tiqqun, dessen 2007 erschienener Essay Der kommende Aufstand zur Standardlektüre der internationalen Occupy-Bewegung in den USA, Israel und Europa gehörte, führt nun in seinem neuen Buch Anleitung zum Bürgerkrieg aus, warum es gar nicht anders kommen konnte: "Wer auch immer in einem System redet, agiert, 'lebt', ist auf irgendeine Weise durch dieses System autorisiert." Weil also auch die Kritik am System vom System beglaubigt wird, war der Occupy-Aufstand stets im vollen Umfang systemtreu, ein systemimmanenter Fahnenappell, der von den Mächten, die die eifrigen Antikapitalisten eigentlich destabilisieren wollten, legitimiert, ermöglicht und beklatscht wurde.

Tiqqun – und ihren Wegbereitern Giorgio Agamben , Guy Debord und Reiner Schürrmann – zufolge, sind nicht die Konzerne das Problem, sondern ein abstraktes System, das sich auf den Zeltlagern der Occupy-Bewegung genauso reproduziert wie auf dem Börsenparkett. Oder aber einfach "an einem Samstagabend, beschwipst unter kleinbürgerlichen Paaren in einem Vorstadt-Pavillon". Denn in diesem Vorstadt-Pavillon könnte sich jederzeit folgende Szene abspielen: Einer der Thekengäste schimpft auf streikende Fluglotsen, worauf sich sogleich ein anderer findet, der den Mut der Angestellten verteidigt, für ihre Rechte einzustehen.

Wie in Star Wars

Das Verfahren ist bekannt, jeder Bundesbürger hat diese oder ähnliche Diskussionen schon geführt: Die Positionen sind austauschbar und die Dialoge festgelegt, meistens enden sie damit, dass sich die Parteien das Recht auf ihre jeweilige Sichtweise zugestehen. Für Tiqqun äußert sich in diesem Recht allerdings keine Freiheit, sondern ihr Gegenteil: "Dies sind nicht Menschen, die miteinander sprechen, es ist ein System, das funktioniert."

Dieses System basiert nach Auffassung der zeitgenössischen linken Gesellschaftstheorie auf einer abstrakten Macht, das Tiqqun das Imperium nennt. Dieses Imperium ist deshalb so ein undankbarer Gegner für politische Aktionen, weil es seine Macht nicht auf dem institutionellen Wege ausübt, also über Regierungen, Banken oder Militär. Die Macht des Imperiums hat kein Zentrum, das sich attackieren ließe. Sie wird von jedem ausgeübt, der sich in irgendeiner Weise zu ihm in Beziehung setzt und sei es im Modus der Revolte. Insofern ist man gar nicht so sehr im Irrtum, wenn man bei Imperium als erstes an Star Wars denkt, denn die Macht ist in der Tat "mit dir".