SachbuchRevolution noch ohne Megaphon

Die westliche Ideologie des Marktes basiert auf falschen Grundannahmen: David Graebers Studie "Die falsche Münze unserer Träume" weist den Weg zu Occupy. von Felix Stephan

Occupy-Demonstranten in New York (Archivbild)

Occupy-Demonstranten in New York (Archivbild)  |  © Mario Tama/Getty Images

Im Zuge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise wird ein gewisser kultureller Selbstzweifel spürbar. Der sorgt dafür, dass auch jenen zunehmend Gehör geschenkt wird, die die westliche Moderne nicht für ein aufklärerisches Wunderwerk, sondern für einen wildgewordenen Giganten halten: Wissenschaftsgrößen wie Michael Taussig oder Bruno Latour deuten in ihren Arbeiten die Kulturgeschichte des Westens zu einer bizarr amoralischen Unwucht um, zu einem zivilisatorischen Missgeschick.

Auch der amerikanische Anthropologe David Graeber gehört in diese Reihe, allerdings interpretiert er seine öffentliche Rolle durchaus anders als die Kollegen: Graeber belässt es nicht beim Schreiben und Forschen, Graeber greift ein. Der amerikanischen Occupy-Bewegung hat er mit seinem Buch über die Kulturgeschichte der Schulden nicht nur eines der zentralen Manifeste geliefert, er hat die Proteste in New York auch selbst mitorganisiert und die Anliegen der 99 Prozent mit Artikeln, Reportagen, Vorträgen und der Protest-Dokumentation Inside Occupy aktiv begleitet.

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Nun liegt mit der Studie Die falsche Münze unserer Träume ein älteres Buch von Graeber auf Deutsch vor. Es ist zwar nicht ganz so leicht zu lesen wie seine gesellschaftspolitischen Bestseller, liefert aber wichtige Einblicke in die Vorgehensweise der anthropologischen Kulturkritik. Denn wer sich wie Graeber akademisch hauptsächlich mit staatenlosen Stämmen auf Madagaskar beschäftigt, für den scheinen Descartes und Hobbes plötzlich sehr weit weg.

Graeber wird in der Presse häufig als "Anarchist" beschrieben. Das bestätigt seine Urteile über die Ideologie des Westens allerdings aufs Ungünstigste, da dieser sich als geordnet und legitim offenbar nur jene Verhältnisse vorstellen kann, die in Verträgen formuliert wurden. Schließlich werden Verträge zwischen rational entscheidenden Subjekten geschlossen und sind folglich ein Akt individueller Freiheit. Deshalb brauchen dysfunktionale Gesellschaften auch regelmäßig einen neuen, man ahnt es schon, Gesellschaftsvertrag.

Ganz falsch, sagt David Graeber: Vielmehr beruhe unser gesellschaftliches Verhalten auf stillen Vereinbarungen, die wir untereinander treffen, ob wir sie schriftlich fixieren oder nicht: "Jedes geschlossene System ist ein Konstrukt, ein nicht einmal besonders nützliches Konstrukt, denn so eindeutig ist nichts im wirklichen Leben." Dieses Konstrukt – und hier leuchtet der Occupy-Theoretiker bereits durch – ist nur für jene nützlich, die es zu ihren Gunsten auslegen. Das sind im Falle des westlichen Marktliberalismus für Graeber die Apologeten der individuellen Konkurrenz: Graeber hält deren Argumentation für unhaltbar, nach der es das natürliche Verhalten des Menschen sei, rücksichtslos für den eigenen Vorteil zu arbeiten und mit einem Minimum an Arbeit ein Maximum an Ertrag zu erzielen.

Der Eigennutz, schreibt Graeber, ist eine Erfindung der Wirtschaftswissenschaften. In dieser radikalen Reinform, wie der Markt den menschlichen Egoismus als natürliche Tatsache voraussetzt, dem er lediglich den gebührenden Rahmen liefert, sei er nirgendwo auf der Welt zu beobachten. Von menschlicher Natur könne hier folglich keine Rede sein.

Dass der Eigennutz bei uns so eine große Rolle spielt, ist für Graeber ein Missverständnis. Es resultiert aus der unreflektierten Überlieferung der Arbeiten marktradikaler Ökonomen wie Adam Smith . Deren Grundannahmen seien weit weniger eindeutig als uns die Ökonomen glaubhaft machen wollten. Bei näherer Betrachtung nämlich stelle sich heraus: "dass die bei uns übliche scharfe Unterscheidung zwischen Freiheit und Verpflichtung genau wie die zwischen Eigennutz und Großzügigkeit in erster Linie eine vom Markt geschaffene Illusion ist". Dessen Anonymität ermögliche es, darüber hinwegzusehen, dass wir uns in den meisten Dingen auf andere verlassen.

Graeber identifiziert in Die falsche Münze unserer Träume mit den Mitteln der empirischen Anthropologie ein pervertiertes westliches Wertesystem, das es tatsächlich vermocht hat, aggressiv egoistisches Verhalten für moralisch unbedenklich zu erklären. Das ist als These nicht unbedingt radikal neu und von den internationalen Occupy-Kampagnen sind diese Positionen heute hinlänglich vertraut. Allerdings ist Die falsche Münze unserer Träume so etwas wie eine konstitutive Materialsammlung. Der intellektuelle Grundtext, der selbst noch weitgehend ohne politischen Anspruch auskommt und noch gänzlich auf das Megaphon verzichtet.

Stattdessen hat man es über weite Strecken mit einer empirischen Studie zu tun. Sie wiegt anthropologische Forschungsergebnisse aus fünf Jahrzehnten zu Wert und Handel in verschiedenen Kulturen gegen die versteiften Ideologien der markttreuen Ökonomie auf und bereitet so den Nährboden für die politische Arbeit seines Autors. Das Buch zeigt vor allem, dass Occupy keine eruptives Sit-In enttäuschter amerikanischer Hausbesitzer und linker Fantasten war, sondern vielleicht die erste politische Bewegung aus dem Geiste der Anthropologie.

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Leserkommentare
  1. Adam Smith, der zuerst Moralphilosoph war und eine Theorie der ethischen Gefühle publizierte, als marktradikalen Ökonomen zu bezeichnen, ist totaler Schwachsinn. Dies zeugt nur davon, dass hier ein radikaler Individualismus, der selbst unter Ökonomen nur wenig Anhänger hat, zu einem Popanz aufgeblasen wurde - wohl mit dem Ziel, ihn dann umso einfacher widerlegen zu können.
    Der neoklassische Lehre vom Eigennutz lautet nicht, dass der Mensch sich nur vom Eigennutz leiten lasse, sondern nur, dass sich anhand eines Modells, das auf Eigennutz basiert, die wirtschaftlichen Phänomene am besten erklärt werden können. Aber dies bedeutet nicht, dass sich alle Phänomene nur auf Eigennutz reduzieren lassen. Aber solche Feinheiten dürfen von einem Kritiker, der der Occupy-Bewegung anhängt, nicht erwartet werden.
    Oder sollte dies alles nur eine verzerrte Widergabe des Rezensenten sein? Wenn ich von der Idylle madegassischer Stämme lese, kommt mir dieser Verdacht. Auf Madegaskar gab es nämlich Königreiche mit Sklaverei ... und dies in der Zeit, bevor es eine französische Kolonie wurde.

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    • pakZ
    • 01. November 2012 12:50 Uhr

    Wenn es nicht der Eigennutz ist, der als Motor dient; dann liefern Sie doch bitte auch eine Alternative. Andernfalls wirkt der Beitrag nicht viel stärker, als ein "Dagegen"-Comic von Ulli Stein.

    Tatsächlich braucht man nicht mal ins Theoretische abdriften. Wer einfach mal die Augen aufmacht und sich umschaut, wird schnell feststellen, wie stark diese Gesellschaft mit Neid, Mißgunst und eben Gier und Egoismus durchsetzt ist.

  2. "Der Eigennutz, schreibt Graeber, ist eine Erfindung der Wirtschaftswissenschaften."

    Falsch. Eigennutz steckt in uns allen. Genau so wie Altruismus. Beides erscheint aber je nach Umwelt im Charakter.

    "Dieses Konstrukt ... ist nur für jene nützlich, die es zu ihren Gunsten auslegen."

    Stimmt. Wär auch komisch, wenn nicht. Denn die haben es ja auch geschaffen, damit es ihnen nützlich ist.

  3. Es gibt keine absolute und immer geltende Anthropologie. Der Mensch ist ein sich der Umgebung anpassendes Wesen, das von dieser beeinsflusst wird und sie wieder beeinflusst.

    Der Hauptgrund für den wildgewordenen Finanzmarkt ist doch der, dass wir alle daran mitgemacht haben. Jeder brauchte plötzlich Aktien und Derivate, der Grossteil hat den Politikern zugejubelt, als sie den Markt "frei" machten.
    Doch dann brauchte man plötzlich Rating-Agenturen, da die kleinen Banken die Produkte der Finanzdienstleister nicht mehr bewerten konnten und schwupps, wurde der Markt immer mehr "unfrei", weil ein paar Leute auf der Welt den Markt bewerteten und die meisten ihnen Glauben schenkten.

    Es hilft gar nichts, auf die Finanzindustrie zu schimpfen, so lange wir als Kleinanleger immer noch auf dem wildgewordenen Markt einkaufen. Er ist eine Rückwirkung auf unsere eigene Gier. Und aus diesem Sinne ist eher dies anthropologisch als die Occupy-Bewegung.

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    • cielo
    • 01. November 2012 11:45 Uhr

    "Jeder brauchte plötzlich Aktien und Derivate"
    Wie viele Menschen in D.land besitzen Aktien? Ich hörte mal etwas von 5%?! Was ist daran jeder?
    Ich denke zwar auch, dass wir alle daran beteiligt sind an dem was passiert, aber zu sagen alle wären direkt an dem Finanzklüngel beteiligt ist falsch.
    Richtig wäre, dass wir immer Parteien wählen, die offensichtlich den Interessen der Industrie und des Kapitals verpflichtet sind (o.k. es gibt kaum alternativen). Man könnte also die Beteiligung darin sehen, dass wir es zugelassen haben!

    • Mikoss
    • 01. November 2012 11:32 Uhr

    Wer nicht bereit, Gewalt anzuwenden, wird gerne moralisch. Dabei scheint mir Moral nicht immer mit guten Ideen einherzugehen.
    Klartext: eine wirtschaftliche Struktur muss in jedem Fall ideologisch codifiziert werden, man kann das Problem der gewollten, halbseidenen IDEOLOGIE nicht einfach nur dem Kapitalismus in die Schuhe schieben.
    Das ist old-fashioned und wenig anthropologisch intelligent. Wir müssen schon wissen, warum wir etwas tun, sofern es in Arbeit ausartet, und da ist der Gemeinsinn unnütz, weil die dezentrale Planung damit nicht reguliert werden kann. Wirtschaft muss vom Gartenzaun, vom Zimmerfenster aus vorhersehbar (kalkulierbar) sein, ansonsten bleibt nur das administrative Regime.

    • cielo
    • 01. November 2012 11:45 Uhr

    "Jeder brauchte plötzlich Aktien und Derivate"
    Wie viele Menschen in D.land besitzen Aktien? Ich hörte mal etwas von 5%?! Was ist daran jeder?
    Ich denke zwar auch, dass wir alle daran beteiligt sind an dem was passiert, aber zu sagen alle wären direkt an dem Finanzklüngel beteiligt ist falsch.
    Richtig wäre, dass wir immer Parteien wählen, die offensichtlich den Interessen der Industrie und des Kapitals verpflichtet sind (o.k. es gibt kaum alternativen). Man könnte also die Beteiligung darin sehen, dass wir es zugelassen haben!

    Antwort auf "Anthropologie?"
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    denn ob Sie Aktien, Zinspapiere oder eine Rentenversicherung haben läuft letztlich immer auf dasselbe hinaus: einen vermögensrechtlichen Anspruch, der erst in der Zukunft erwirtschaftet wird. Eine Rente von 1000 Euro im Monat hat einen Kapitalwert von 250.000 Euro, wenn man mit 65 in Rente geht. Irgendjemand muss für ihre Rente arbeiten - immer. Momentan mögen Sie für andere arbeiten, wenn Sie in Rente gehen werden andere für Sie arbeiten. Ob Sie Ihren Teil von deren Leistung in Form einer staatlichen Rente oder als Dividende beziehen ist hierbei vollkommen unerheblich.

    • pakZ
    • 01. November 2012 12:50 Uhr
    6. .....

    Wenn es nicht der Eigennutz ist, der als Motor dient; dann liefern Sie doch bitte auch eine Alternative. Andernfalls wirkt der Beitrag nicht viel stärker, als ein "Dagegen"-Comic von Ulli Stein.

    Tatsächlich braucht man nicht mal ins Theoretische abdriften. Wer einfach mal die Augen aufmacht und sich umschaut, wird schnell feststellen, wie stark diese Gesellschaft mit Neid, Mißgunst und eben Gier und Egoismus durchsetzt ist.

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    Dass Eigennutz ein sehr starker Motivator ist, ist offensichtlich. Deshalb sind die Aussagen der ökonomischen Modelle in der allgemeinenen Tendenz (wenn auch nicht im Einzelfall) oft zutreffend. Ihrem Schlusssatz kann ich durchaus zustimmen. Doch Eigennutz ist nicht der einzige Motivator. Gerade die Superreichen der USA (Bill Gates, George Soros, Warren Buffett) spenden einen ganz beträchlichen Teil ihres Reichtums. Dieses Verhalten mit Eigennutz ist nur möglich, wenn der Ausdruck Eigennutz jedes Sinns entleert wird.

    ja klar, wenn man sich "umschaut" - sieht man auch nur die anderen.

  4. auch die Skepsis gegenüber der Hochfinanz und der Unparteilichkeit von unseren Regierungen und deren Institutionen (siehe Herr Draghi von Goldman bei der EZB und Angela Merkels Berater Dibelius aus gleichem Hause).

    Noch recht schwammig als Gesamtbewegung, bieten Leute wie Graeber oder Aktionen wie Occupy Now auch Lösungen für viele Probleme.

  5. Denn wie kann man Wirtschaftswissenschaften von Politikwissenschaften trennen?

    Die Wiwi versuchen eine Illusion zu erzeugen: Es wäre möglich die "naturiwssenschaftlichen" Gesetze des "Marktes" zu identifizieren, die Unabhängig von Raum und Zeit existieren und nicht von anderen Faktoren, wie z.B. Moralvorstellungen und Religion, beeinflusst werden.

    In den Politikwissenschaften werden Gesellschaftsverträge und Verfassungen diskutiert - das Wunder der Kooperation von einer großen Anzahl von Individuen in einer Institution - auch als Abgrenzung zu den Wirreperioden unserer GEschichte in denen Jeder gegen Jeden kämpfte und versuchte die eigene Herrschaft durchzusetzen - meist verbunden mit PErioden großer Armut, Tod und Hunger.

    Die Wirtschaftswissenschaften blenden all diese Aspekte aus - Der "Markt" entwickelt ein eigenes Bewustsein - wobei nicht einmal diskutiert wird, was genau ein "MArkt" genau ist: Ein türkischer Basar?, ein paar Stände am Bahnhof in Bombay, oder nur die großen Märkte von internationalen Banken und Finanzunternehmen?

    Auch mit den richtigen Naturwissenschaften gerät die Wiwi massiv in Konflikt: Energie ist ein Substituierbares Gut, entgegen den Hauptsätzen der Themodynamik, Geologen bestreiten die Verfügbarkeit von Erdöl in großen Mengen auch bei steigenden Preisen, und Agrarwissenschaftler und Sozialverbände weisen darauf hin, dass steigende Preise übersetzt werden müssen mit "verhungernde Menschen" in Entwicklungsländern.

    VWL ist Propaganda.

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    ... es gibt ökonomische Theorien, die Staat und Markt als eine Einheit ansehen (schon was von Marx gehört?)
    ... dass es Kooperation gibt und nicht nur jeder gegen jeden weiss die Nationalökonomie schon seit langem. Es gab schon Unternehmen, bevor es eine Staatsbürokratie gab.
    Wie jede Wissenschaft hat auch die VWL ihre Scharlatane. Doch würden Sie der Medizin ihre Wissenschaftlichkeit absprechen, nur weil es Gesundbeter gibt?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Revolution | Sachbuch | Adam Smith | Ideologie | Traum | Madagaskar
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