Frankfurter BuchmesseFriedenspreisträger Liao Yiwu kritisiert "chinesisches Imperium"

Liao Yiwu ist mit dem Friedenspreis des Buchhandels geehrt worden. Der in Berlin lebende Autor prangert in seiner Rede das Regime in China an – und kritisiert den Westen. von dpa

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu

Mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet: der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu in Frankfurt  |  © Arne Dedert/dpa

Der im Exil lebende chinesische Autor Liao Yiwu ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. Sprachmächtig und unerschrocken habe der 54-Jährige gegen die politische Unterdrückung aufbegehrt, heißt es in der Begründung. "Liao Yiwu setzt in seinen Büchern und Gedichten den Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal."

Die Verleihung des Friedenspreises, der mit 25.000 Euro dotiert ist, ist einer der Höhepunkte der Frankfurter Buchmesse . Laudatorin für den Preisträger war die Literaturchefin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung , Felicitas von Lovenberg. Sie würdigte Liao Yiwu als einen Kämpfer gegen die Geschichtsvergessenheit in seiner Heimat. Er verkörpere den Widerstand aus dem Gedächtnis heraus. Dieses sei in China durch Wohlstand ersetzt worden. Liao, der nach seiner Flucht aus China im vergangenen Jahr jetzt in Berlin lebt, sei einer Poetik der Wahrhaftigkeit verpflichtet.

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Der Autor selbst ging in seiner Dankesrede hart mit der chinesischen Regierung ins Gericht. "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen", sagte er auf Deutsch. Er erinnerte an das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking , als am 4. Juni 1989 die Demokratiebewegung niedergeschlagen wurde. Zugleich griff er auch den Westen an. Konzerne machten unter dem Deckmantel des freien Handels "mit den Henkern gemeinsame Sache". Es sei ein Irrtum, zu glauben, dass der wirtschaftliche Aufschwung Chinas zwangsläufig zu Reformen führe.

Den Behörden war Liao schon früh ein Dorn im Auge

Anders als Literaturnobelpreisträger Mo Yan, den Liao einen "Staatsautor" nennt, kam er selbst schon früh mit dem autoritären System in Konflikt. Am 4. August 1958 in Chengdu in der Provinz Sichuan geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, galt er zwar zunächst als ungewöhnlich talentiert. Mit seinen wortgewaltigen Gedichten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

Doch sein Engagement für eine "offene Gesellschaft" brachte den jungen Autor bei den Behörden bald in Verruf. Immer wieder erhielt er Schreibverbot. 1987 wurde er auf die "Schwarze Liste" gesetzt. 1989 veröffentlichte er sein Gedicht Massaker – in dem er unmittelbar vor der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Geschehnisse vorwegnahm.

Liao wurde daraufhin zu vier Jahren Haft verurteilt. Zwei Mal versuchte er, sich das Leben zu nehmen. Als er freigelassen wurde, war seine Existenz zerstört, wie Liao im Interview sagte. Seine Frau hatte ihn mit dem gemeinsamen Kind verlassen, die Freunde wollten nichts mehr von ihm wissen. Für seinen Lebensunterhalt schlug er sich als Straßenmusiker und Gelegenheitsarbeiter durch.

Leserkommentare
  1. Fakt ist, dass durch den 4. Juni die systematische Reformierung des Landes sehr stark in die Defensive gedrängt wurde. Das Land wird heute von verschiedenen manchmal gegenpoligen Cliquen regiert statt von einer Person und die Reformwilligkeit ist inkrementel. Es ist schwer zu sagen, was bei einem Erfolg der Demonstration passiert wäre. Sie ist aber gescheitert und China wäre heute weiter, hätten die chaotischen Demonstrationen nie statt gefunden.

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    • Atan
    • 14. Oktober 2012 14:44 Uhr

    fertig, ohne gleich hunderte und tausende Teilnehmer umzubringen. Sagt das nicht sehr viel über die Entscheidenheit aus, mit der die Regierung jedwede Veränderung verhindern will?
    Vielleicht wäre China ja auch viel weiter, wenn man anders auf die Bewegung reagiert hätte, denn wenn man sich erstmal entschlossen hat, sehr viele Menschen umzubringen, um die eigenen Vorstellungen durchzusetzen, muss man sowieso nur noch wenig auf andere hören.
    Wenn Gewalt zum Mittel der Politik wird, gewöhnt man sich daran, und man wird vielleicht erst durch eine enorme Gegengewalt eines anderen belehrt.

    Diese Art zu denken ist in China eh die gängige und vom Staat auch aktiv mitgebildete Art zu denken.

    Regen Sie sich also nicht zu sehr auf.

  2. Preise in Deutschland, bevorzugt mit dem Wort "Frieden" im Namen, die dem bedeutenden chinesischen Dissidenten Liao Yiwu verliehen werden können.

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    • Atan
    • 14. Oktober 2012 14:44 Uhr

    fertig, ohne gleich hunderte und tausende Teilnehmer umzubringen. Sagt das nicht sehr viel über die Entscheidenheit aus, mit der die Regierung jedwede Veränderung verhindern will?
    Vielleicht wäre China ja auch viel weiter, wenn man anders auf die Bewegung reagiert hätte, denn wenn man sich erstmal entschlossen hat, sehr viele Menschen umzubringen, um die eigenen Vorstellungen durchzusetzen, muss man sowieso nur noch wenig auf andere hören.
    Wenn Gewalt zum Mittel der Politik wird, gewöhnt man sich daran, und man wird vielleicht erst durch eine enorme Gegengewalt eines anderen belehrt.

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    in Beijing passiert ist, dann muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie keine Ahnung haben, wovon Sie reden, Atan!

    Damals war die Volksrepublik China ganz knapp davor, den gleichen Weg zu gehen wie die glorreiche Sowjetunion.

    Also nix mit Demonstrationen, mit denen intelligentere Staaten easy hätten fertig werden können.

  3. Das erste mal, als mir bei Worten von Ihnen die Tränen kamen, saß ich in einer Berliner Kneipe und las einen Bericht über Sie in der TAZ. Ich habe Ihre Worte und Ihr Konterfei seitdem sorgsam mit mir herumgetragen, bis ich mir dann dieses dreimal geschriebene Buch von Ihnen besorgte. Es war zuteilen seelisch so schwer zu verarbeiten, daß ich beim Lesen immer wieder längere Pausen benötigte, gerade weil mir klar war, daß Sie tatsächlich das alles genauso erlebt haben-diese für mich fast unvorstellbaren Grausamkeiten, diese Offenbarungseide der Unmenschlichkeit! Sie müssen ein ganz besonderer Mensch sein, daß Sie das alles letztendlich doch überleben konnten und das auch noch so glasklaren Geistes!Ich danke Ihnen von Herzen dafür im Namen der wahren Menschlichkeit auf diesem Planeten! Bitte verzeihen Sie, dass ich Sie nicht mit ebenso schönen und tiefen Worten würdigen kann, wie es die Ihren sind und wie es Ihnen gebühren würde! Ihr Überleben ist ein großes, großmütiges Geschenk und ich möchte Ihnen auch meinen persönlich Dank dafür ausprechen! Wesensgleich.

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  4. Diese Art zu denken ist in China eh die gängige und vom Staat auch aktiv mitgebildete Art zu denken.

    Regen Sie sich also nicht zu sehr auf.

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    La la, la la laaaa.

  5. in Beijing passiert ist, dann muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie keine Ahnung haben, wovon Sie reden, Atan!

    Damals war die Volksrepublik China ganz knapp davor, den gleichen Weg zu gehen wie die glorreiche Sowjetunion.

    Also nix mit Demonstrationen, mit denen intelligentere Staaten easy hätten fertig werden können.

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  6. La la, la la laaaa.

  7. 4 Jahre Gefängnis unter für uns kaum vorstellbar grausamen, lebensverachtenden Bedingungen, die darauf abzielen, einen Menschen bis ins Innerste zu zerstören, wenn er nicht schon vorher körperlich daran eingeht und das alles wegen eines Gedichtes!

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Angela Merkel | Herta Müller | China | Frankfurter Buchmesse | Gedicht | Opium
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