Ursula KrechelDie Archivarin des Verdrängten

Ursula Krechel hat den Deutschen Buchpreis gewonnen. Die Schriftstellerin holt in "Landgericht" die verlorenen Erinnerungen der Bundesrepublik der Nachkriegszeit hervor.

Die Schriftstellerin Ursula Krechel im Römer in Frankfurt am Main

Die Schriftstellerin Ursula Krechel im Römer in Frankfurt am Main

Als vor drei Jahren Ursula Krechels Roman Shanghai fern von wo erschien, gestand die Autorin im Gespräch mit ihrem Schriftstellerkollegen Jan Kuhlbrodt, dass aus ihr wohl auch "nach diesem dicken Buch keine klassische Romancière" werde. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung dürfte sich das nun ändern: Mit Landgericht hat sie die Jury des Deutschen Buchpreises überzeugt. Und unweigerlich wird ihr nun eine Leserschar zuwachsen, von der sie als Lyrikerin wohl nie zu träumen gewagt hätte. Als solche wurde Ursula Krechel bekannt, auch wenn von ihr im Lauf der Jahrzehnte immer wieder Prosabände erschienen sind, sie Theaterstücke und Essays veröffentlicht hat.

"Selbstverständlich mache ich mir Gedanken, was passiert, wenn ich den Preis gewinne", sagte sie vor wenigen Tagen im Interview. "Das kann man nicht aus den Kleidern schütteln. Aber da ich ja schon einen langen Schreibweg mit Höhen und Tiefen hinter mich gebracht habe, ist vielleicht der Schritt für die jüngeren Autoren sehr viel komplizierter, plötzlich so viel Öffentlichkeit verkraften zu müssen." Lyrikleser seien intensivere Leser, und der mit dem Buchpreis verbundene Hype um ein einziges Buch spreche natürlich ganz andere Leserschichten an.

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Landgericht hat jeden einzelnen Leser verdient, der nun durch die Ehrung auf das Buch aufmerksam wird. Es handelt, wie schon Shanghai fern von wo, vom Elend der Emigration – und von der gescheiterten Rückkehr ins Nachkriegsdeutschland.

Der Jude Richard Kornitzer, der die Nazi-Zeit in Kuba überlebt, kommt 1948 in ein zerstörtes Land zurück, an dessen Wiederaufbau er als Jurist mitarbeiten will. Die Demütigungen allerdings sind immens: Wiedergutmachungsforderungen werden ignoriert oder verschleppt, die auseinandergebrochene Familie findet nicht wieder zusammen. Immer größer werden Resignation und Verzweiflung. Und die Erkenntnis, allein zu sein mit den eigenen Erfahrungen, weicht der Aufbruchstimmung.

"Es hat mich interessiert, dass in jede Erfolgsgeschichte – und man muss die Geschichte der Bundesrepublik seit 1949 als Erfolgsgeschichte beschreiben –, auch Unglücke, Jammer, Misserfolg einbetoniert sind", sagt Ursula Krechel. "Man muss sich vorstellen, dass nur fünf Prozent aller Emigranten nach Hitlerdeutschland zurückgekommen sind, aus Angst vor den Überbleibseln der Nazis, aus Sorge, sich nicht mehr integrieren zu können, vielleicht weil anderswo eine Integration schon gelungen war." Ihr Richard Kornitzer kommt mit den besten Absichten in das Land, das er einst als Heimat verstand – und gerät in Schwierigkeiten. "Misstrauen und Unverständnis werden ihm entgegengebracht, er rennt gegen Wände, stößt sich den Kopf blutig. Es ist eine doppelte Beschädigung, die er erleidet: erstens durch die Emigration und zweitens durch die Schwierigkeit, das Auseinandergeschnittene wieder zusammenzunähen." Kornitzer wird darüber zu einem Michael Kohlhaas, der Petition um Petition schreibt, Klage um Klage erhebt, schließlich aber nicht wie der Kleistsche Fanatiker Amok läuft, sondern zusehends verbittert und krank wird.

Die 1947 in Trier geborene, in Berlin lebende Ursula Krechel hat eine besondere Form für ihre Romane gefunden. Lange hat sie danach gesucht. Bereits 1980 fing sie an, sich für das Schicksal der 18.000 Emigranten zu interessieren, die seinerzeit aus Hitler-Deutschland nach Shanghai geflohen waren. Sie forschte in Archiven, machte Exilanten und deren Nachfahren ausfindig, führte viele Gespräche, sammelte reichlich Material. Zunächst entstanden Hörspiele. Und schließlich gelang es ihr, das Dokumentarische und Fiktionale im Roman auf kunstvolle Weise zu verknüpfen, zu verweben, so dass die Übergänge noch kenntlich sind, aber das Gefundene vom Erfundenen davon getragen wird und das Erfundene vom Gefundenen getragen. "Es gibt immer reale Kerne", erläutert Krechel ihre Methode. "Wenn es um traumatische Vergessensleistungen der deutschen Geschichte geht, finde ich es ganz unangemessen, zu viel zu erfinden. Das heißt: Ich zügele mich in meiner Fantasie, erfinde eher die Lücken, auch die Emotionalität der Leute, die ja nicht viel von sich preisgegeben haben. Alle Personen haben reale Hintergründe, haben Daten, Namen und Adressen. Es geht um ein Austarieren zwischen den realen Funden und dem Anreichern – es muss ja erzählbar werden."

Ihr Roman Landgericht handelt von einem einzigen Fall, aber er erzählt nebenbei Tausende ähnlicher Geschichten. Nicht umsonst wies Krechel in ihrer Dankesrede bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises darauf hin, dass sie ihr Buch auch "als persönliche Wiedergutmachung einer misslungenen Wiedergutmachung" in der Bundesrepublik nach 1945 begreift. Landgericht sei ein Denkmal, freilich eines aus Sprache, mithin ein sehr wirkungsvolles – wenn man bedenkt, welchen Einfluss der Buchpreis auf die Rezeption des Romans haben wird.

Ursula Krechel war 1968 eine junge Studentin. Sie hatte schon während der Schulzeit journalistisch gearbeitet, entwickelte Anfang der siebziger Jahre als Theaterdramaturgin Projekte mit jugendlichen Untersuchungshäftlingen, promovierte 1972 mit einer Arbeit über den Kritiker Herbert Ihering. Sie hat sich dementsprechend früh mit Entwicklungen ihrer Zeit auseinandergesetzt, ist in ein politisiertes Milieu hineingeraten und wirft heute einen kritischen Blick auf jenes mythische 1968.

Leserkommentare
    • Puka
    • 09.10.2012 um 11:04 Uhr

    Könnten wir nicht wenigstens einen namhaften deutschen Literaturpreis haben, in dem die Jury ausschließlich aus Leuten unter 30 besteht? Damit sich auch einmal die jüngere Generation mit ihren ganz eigenen Themen vertreten fühlt, und nicht immer Literatur ausgzeichnet wird, die das Traume von vor 50 Jahren aufgreift. Es ist eine solche Rückwärtsgewandtheit im deutschen Kulturbetrieb. Kein Wunder, dass auch gebildete junge Menschen lieber Videospiele spielen, und ins Kino gehen.

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    Das Problem ist: wenn man sich einmal ernsthaft mit der Zeit 1933ff befasst hat - dann ist einem klar, dass jene Zeit einfach DAS Thema Deutschlands ist. Wie könnte es anders sein?

    wo bleibt DER deutsche Gegenwartsroman? Es gibt doch genug Themen. Auch geht mir der ewige Topos der angeblichen "Verdrängung" auf den Geist. Wenn es ein Land gibt das seine Vergangenheit aufarbeitet dann D. Das Thema Krieg und Nachkrieg ist von Böll und Borchert (z.B.) genug abgegrast. Auf zu neuen Weiden....

    "Puka" durchaus Recht mit seinem/ihrem Kommentar.

    Dass dieses Thema immer ein wichtiges für die Bundesrepublik sein wird, ist doch unbestritten, lieber "The_honorable_schoolboy".

    Es geht aber um diese verkrusteten Strukturen dieses Preises und seiner "Rentner-Jury" Das ganze Prozedere ist zum einschlafen. Mit Setz hätte es eine neue Form der Literatur im Zeitalter des Netzes werden können. Warum man diese Chance nicht nutzte, ist mir schleierhaft.

    Da klagt der Handel über Einbußen beim Umsatz, auf der anderen Seite wird aber am Alten festgehalten bis es nicht mehr geht.

    Es gibt in Deutschland nur noch Open Mic-Kram oder Lesungen, bei denen das Durchschnittsalter 70 ist. Shit.

    Eine Arbeit, die hier und jetzt entstanden ist und rezipiert wird, ist zunächst grundsätzlich gegenwärtig und das biologische Alter ist dabei keine Garantie für Innovation. Im Gegenteil, meiner Erfahrung nach wird das Rad in der Regel allzu häufig neu erfunden. Jedoch die Ausnahmen sind interessant und das hat weniger mit Generation als vielmehr mit Erfahrung zu tun.

    Ihre Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Das Krechel-Buch ist doch preiswürdig. Allerdings nehme ich neuerdings unter den U35 im Lande eine gereizte Stimmung war, in der man von den Themen Nachkriegszeit, Weltkrieg, Nationalsozialismus usw. nichts mehr wissen will. Ich kann mir auch nicht erklären, was plötzlich zu dieser Gereiztheit geführt hat, die es so vor zehn Jahren noch nicht gab.

    Das Problem ist: wenn man sich einmal ernsthaft mit der Zeit 1933ff befasst hat - dann ist einem klar, dass jene Zeit einfach DAS Thema Deutschlands ist. Wie könnte es anders sein?

    wo bleibt DER deutsche Gegenwartsroman? Es gibt doch genug Themen. Auch geht mir der ewige Topos der angeblichen "Verdrängung" auf den Geist. Wenn es ein Land gibt das seine Vergangenheit aufarbeitet dann D. Das Thema Krieg und Nachkrieg ist von Böll und Borchert (z.B.) genug abgegrast. Auf zu neuen Weiden....

    "Puka" durchaus Recht mit seinem/ihrem Kommentar.

    Dass dieses Thema immer ein wichtiges für die Bundesrepublik sein wird, ist doch unbestritten, lieber "The_honorable_schoolboy".

    Es geht aber um diese verkrusteten Strukturen dieses Preises und seiner "Rentner-Jury" Das ganze Prozedere ist zum einschlafen. Mit Setz hätte es eine neue Form der Literatur im Zeitalter des Netzes werden können. Warum man diese Chance nicht nutzte, ist mir schleierhaft.

    Da klagt der Handel über Einbußen beim Umsatz, auf der anderen Seite wird aber am Alten festgehalten bis es nicht mehr geht.

    Es gibt in Deutschland nur noch Open Mic-Kram oder Lesungen, bei denen das Durchschnittsalter 70 ist. Shit.

    Eine Arbeit, die hier und jetzt entstanden ist und rezipiert wird, ist zunächst grundsätzlich gegenwärtig und das biologische Alter ist dabei keine Garantie für Innovation. Im Gegenteil, meiner Erfahrung nach wird das Rad in der Regel allzu häufig neu erfunden. Jedoch die Ausnahmen sind interessant und das hat weniger mit Generation als vielmehr mit Erfahrung zu tun.

    Ihre Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Das Krechel-Buch ist doch preiswürdig. Allerdings nehme ich neuerdings unter den U35 im Lande eine gereizte Stimmung war, in der man von den Themen Nachkriegszeit, Weltkrieg, Nationalsozialismus usw. nichts mehr wissen will. Ich kann mir auch nicht erklären, was plötzlich zu dieser Gereiztheit geführt hat, die es so vor zehn Jahren noch nicht gab.

  1. Erfolg als Schriftseller haben wollte, dann machte es sich gut, einen Roman über kommunistische "Arbeiterführer" zu schreiben. Eine sichere Bank sozusagen.

    In der Bundesrepublik von heute sind kommunistische Arbeiterführer, aber welcher Verlag würde es wohl wagen, ein Manuskript wie das vorliegende abzulehnen, das sich mir dem Schicksal jüdischer Menschen beschäftigt? Und welche Jury würde sich einem solchen Werk verschließen?

    Diese Preisvergabe nach meinem Eindruck kein "Sieg der Moral" wie die "Welt" urteilt, sondern Ausdruck des Zeitgeistes und des Konformismus. Und ich für meinen Teil kann solche Werke inzwischen noch weniger ertragen als den kommunistischen Blödsinn von damals.

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  2. sind kommunistische Arbeiterführer out ...

  3. Wieder mal eine Bestätigung, dass die heutige Literaturkritik vor allem die politisch-korrekte oder die identitäre Lektüre beherrscht. Will sagen, NS, Juden, Migrationshintergrund, das ist worauf es ankommt! Oder wennn das nicht ist, dann wenigstens eine Darstellung der Probleme 50 bis 60-jähriger, in oder neben der Ehe doch so etwas wie Liebe zu finden. Nichts gegen diese Themen, aber dass diese vorrangig preiswürdig wären, will mir nicht in den Kopf.

    Was ist eigentlich mit der sich erneuernden Kunst?

    Bei der Verleihung des Büchner-Preises 2012 wurde dieses weitaus reizvollere Kriterium an die Preisträgerin angelegt.

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  4. Das Problem ist: wenn man sich einmal ernsthaft mit der Zeit 1933ff befasst hat - dann ist einem klar, dass jene Zeit einfach DAS Thema Deutschlands ist. Wie könnte es anders sein?

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    • Puka
    • 09.10.2012 um 12:08 Uhr

    Das Thema ihrer Genereation freilich und sicherlich, und auch für die meine ist es nicht vergessen. Genausowenig wie die Bedrängnisse des 30 jährigen Krieges vergessen werden sollte, der extreme Untiefen des Menschlichen offenbarte. Sollte Kultur aber nicht produktiv an der Bewusstseinsbildung mitarbeiten, und nicht lediglich den Vergangenheitsmahner spielen? Verlieren wir nicht dadurch andere drängende Konflikte aus den Augen, dass wir uns ausschließlich mit vergangenem auseinandersetzen. Und verlieren wir nicht eine gesamte Generation an Lesern allein dadurch, dass wir uns nicht herablassen ihre Welt abzubilden und aufzuarbeiten. Auch der Literaturbetrieb steht in der Pflicht für die aktuelle Gesellschaft zuschreiben, nicht mehr nur für die Vergangene und jeder sollte sich einmal die Frage stellen, wie sehr seine Themen noch die Themen der Zeit sind.

    • Puka
    • 09.10.2012 um 12:08 Uhr

    Das Thema ihrer Genereation freilich und sicherlich, und auch für die meine ist es nicht vergessen. Genausowenig wie die Bedrängnisse des 30 jährigen Krieges vergessen werden sollte, der extreme Untiefen des Menschlichen offenbarte. Sollte Kultur aber nicht produktiv an der Bewusstseinsbildung mitarbeiten, und nicht lediglich den Vergangenheitsmahner spielen? Verlieren wir nicht dadurch andere drängende Konflikte aus den Augen, dass wir uns ausschließlich mit vergangenem auseinandersetzen. Und verlieren wir nicht eine gesamte Generation an Lesern allein dadurch, dass wir uns nicht herablassen ihre Welt abzubilden und aufzuarbeiten. Auch der Literaturbetrieb steht in der Pflicht für die aktuelle Gesellschaft zuschreiben, nicht mehr nur für die Vergangene und jeder sollte sich einmal die Frage stellen, wie sehr seine Themen noch die Themen der Zeit sind.

  5. 25 000 Euros Preisgeld? Was ist das schon? Die Chefs und Lobbyisten der Branche kassieren Millionen und eine gute Autorin wird mit den Brosamen abgespeist. So funktioniert das Geschäft.

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    sind etwas das Gehalt, ohne Weihnachtsgeld und Sonderzahlung, für welches viele Leute im mittleren Dienst 39 Stunden / Woche ein Jahr arbeiten müssen.

    Davon kann man also schon "angemmesen" leben, eine Zeit.

    Vor allem kann die Damen sicher mehr absetzen, als der normale Angestellte.

    sind etwas das Gehalt, ohne Weihnachtsgeld und Sonderzahlung, für welches viele Leute im mittleren Dienst 39 Stunden / Woche ein Jahr arbeiten müssen.

    Davon kann man also schon "angemmesen" leben, eine Zeit.

    Vor allem kann die Damen sicher mehr absetzen, als der normale Angestellte.

  6. wo bleibt DER deutsche Gegenwartsroman? Es gibt doch genug Themen. Auch geht mir der ewige Topos der angeblichen "Verdrängung" auf den Geist. Wenn es ein Land gibt das seine Vergangenheit aufarbeitet dann D. Das Thema Krieg und Nachkrieg ist von Böll und Borchert (z.B.) genug abgegrast. Auf zu neuen Weiden....

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Könnten wir"
  7. Der Preis geht schon in Ordnung, aber zu behaupten, wie es hier der Autor des Artikel tut, daß diese Kriegs- und Nachkriegsthemen verdrängt wurden, ist einfach falsch. Wir quälen uns seit dem Kriegsende in allen Medien damit herum, Film, Fernsehen, Literatur. Also, Preis ok, aber Behauptung des Artikels völlig falsch.

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