"Atlas eines ängstlichen Mannes"In 70 Episoden um die ganze Welt

Christoph Ransmayr hat entlegene Inseln und bizarre Städte besucht. Seine 70 Kurzerzählungen im "Atlas eines ängstlichen Mannes" nehmen uns mit auf die Reise. von 

Da ist der Junge, Sohn eines Gärtners in der irischen Grafschaft Cork. Einen Schneemann hatte er gebaut, als zum ersten Mal seit Jahren Schnee gefallen war, und ihn in die Tiefkühltruhe gelegt, um ihn aufzubewahren. Nach einem heftigen Sturm war die Stromversorgung unterbrochen worden. Nun steht der weinende Junge auf der Treppe des Hauses, einen unförmigen Brocken in den Händen, die Reste seines ganzen Stolzes. "Über die windbewegten Blüten hinweg betrachtet, sah der Kleine auf der Treppe aus wie ein kindlicher Atlas, der eine seltsam winterliche Weltkugel gegen den Himmel stemmte."

Das ist eine Geschichte im neuen Buch des in Oberösterreich geborenen, in Irland lebenden Christoph Ransmayr. Ein Schriftsteller, der die ganze Welt gesehen und in sich aufgenommen und beschrieben hat, die entlegensten Inseln, die höchsten Berge, die bizarrsten Städte. Ransmayr ist ein Star, und dieses großartige Buch stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass es dafür gute Gründe gibt. 70 Episoden sind in Atlas eines ängstlichen Mannes gesammelt; die kürzeste davon umfasst drei, die längste, in der anlässlich einer Umrundung der südpazifischen Insel Pitcairn en passant die realen Hintergründe der Meuterei auf der Bounty mitgeliefert werden, 18 Seiten. Ausschließlich, so schreibt Ransmayr im Vorwort, sei hier "von Orten die Rede, an denen ich gelebt, die ich bereist oder durchwandert habe, und ausschließlich von Menschen, denen ich begegnet bin".

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Das Dokumentarische und das Fiktionale bedingen einander: Ohne die beglaubigte Sicherheit des Erlebten wäre so manche dieser kurzen Geschichten leicht mit dem Wort "abstrus" abzufertigen; ohne das Literarische allerdings, das in Ransmayrs Sprach- und Gedankenwelt steckt, würde das poetologische und stilistische Bindeglied fehlen. Derjenige, der hier die Welt stemmt, ist die Erzählinstanz selbst. Dass der Erzähler überhaupt dorthin kommt, wo er ist, spricht für seinen Mut. Das bedeutet noch lange nicht, dass der Erzähler psychisch stark wäre. Alles hier ist fragil, alles ist gefährdet. Was Ransmayr in diesem Buch anpeilt, ist nicht weniger als die Rettung der Welt und ihrer Ereignishaftigkeit (und eines Ichs noch dazu) im Vorgang des Erzählens, des Aufschreibens.

Das ist bei diesem Autor nichts Neues. Wer seine früheren Bücher kennt, weiß, dass Ransmayr stets auf schmalem Grat balanciert; auf einem Terrain, in dem die Begriffe Pathos und Deklamation ebenso wenig fern sind, wie es die Kategorie des Erhabenen ist. Ransmayrs Roman Der fliegende Berg aus dem Jahr 2006 war sogar komplett in Versen gehalten. Auch der Atlas hat (neben einer ökologischen) vor allem eine religiöse Dimension, die sich sowohl in der Motivsprache, vor allem aber im Grundkonzept der Geschichten niederschlägt. Jede einzelne nämlich beginnt mit den Worten "Ich sah ...". Die offenkundige Analogie zur Offenbarung des Johannes ist nicht rein strukturell; die Zerstörung, die Grausamkeit, der Tod und der Verfall sind präsent, wohin auch immer der Erzähler kommt. Und zumeist haben sie einen menschlichen Ursprung.

So weit weg uns all diese Orte auch vorkommen mögen, so wenig weltabgewandt ist das, was Ransmayr von dort mitbringt. In Bolivien beispielsweise werden der Erzähler und seine Begleiter Ziel eines Flugzeugangriffs der Truppen des soeben durch einen blutigen Putsch an die Macht gekommenen Generals García Meza. In Laos wird der Reisende mit den Hinterlassenschaften des Vietnamkrieges konfrontiert, "Bomben. Phosphorbomben, Sprengbomben, Streubomben"; ein Krieg, der, wie die Einheimischen sagen, ebenso gut "Laos-Krieg" hätte heißen können, weil mehr Bomben auf das neutrale Land gefallen seien als auf Deutschland im Zweiten Weltkrieg, und das nur, um die Nachschubwege des Vietcong unbrauchbar zu machen. Anhand mancher Details lässt sich der Zeitrahmen hin und wieder genau bestimmen; die einzelnen Geschichten bleiben allerdings insgesamt von zeitlosem Wert. Und auch, man muss es so sagen, von zeitloser Schönheit.

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