Zu den größten Spaßverderbern gehört die Ermahnung, dass man jetzt bitte über Inhalte reden wolle. Egal, ob es sich um die Piratenpartei , die europäische Idee, eine öffentlich-rechtliche Prechthaberei oder eine Papstsatire handelt, irgendwer ruft immer: Ja, aber der Inhalt!

Inzwischen wird unentwegt so viel Inhalt angemahnt und angefordert, dass mancher Verschwörungstheoretiker unter uns glauben könnte, die Welt sei eigentlich eine aufpolierte Hülle von einem großen Nichtsdahinter. Auch in Frankfurt geschieht das ununterbrochen, wo sich derzeit einige Tausend Besucher durch die Messehallen schieben, hier und da ein soigniertes Sektchen trinken und gelegentlich umgeben sind von Menschen, die manchmal so tun, als wären sie gerade aus einer Keyserling-Novelle herausgepurzelt.

Und selbstverständlich gibt's Bücher, farblich sortiert, fein geschubert, auf Tischen gestapelt. Mitunter liegen daneben Broschüren oder Wurfzettel zu Podiumsdiskussionen, bei denen es bereits gar nicht mehr um Inhalte geht, sondern um die blinkenden sieben Buchstaben dieser Messe: Content. Dann steht da Where Content meets Technology zum Beispiel. Oder "Bringen Sie Ihren Content effizienter an den Kunden." Oder "Innovatives Content-Marketing".

Nun ist Content nicht bloß ein sprachlicher Auffahrunfall von Businessspaßvögeln, deren schludriges Denglisch man glutvoll und etwas gratis beklagen könnte. Content in diesem Wortgebrauch lässt sich gar nicht zurückübersetzen. Er ist wie ein Einszahlendreimitnehmen: gleichermaßen Evolution, Banalisierung und Überwindung des ohnehin arg strapazierten Begriffs Inhalt.

Vor dem Wort und seinen Benutzern ist alles dasselbe: der neueste Schadensbericht aus der steißtätowierten Unterhaltungsbranche wie der neue Roman von Wolf Haas, Chad Harbachs grandioses Baseball-Epos gleichfalls wie die rentnerschwere Selbstbestaunung von Arnold Schwarzenegger

Inhaltsleere mag es oft genug geben, Content braucht nicht einmal Inhalt! Er ist nur Sprachleergut für Produkte aus Text, Klang oder Bild. Könnte das Wort selbst sprechen, würde es ständig wiederholen, es mache irgendwas mit Medien. Ob nun Buch-Content gedruckt oder gepixelt vorliegen müsse – darüber wurde in den vergangenen Jahren oft mit alberner Hysterie gestritten, für die man sich glücklicherweise heute ein bisschen schämen muss.

Inzwischen hat sich auf Buchmessen endlich herumgesprochen, dass sich sogar würdevollste Bücher digital manierlich lesen und auch platzsparend verschenken lassen, dass die stagnierenden Verkaufszahlen von Billy-Regalen nicht auf Lesekulturverfall hindeuten, sondern höchstens auf Geschmack.

Das Beigeräusch dieser Entwicklung hat auf der Messe hörbar gewechselt: Statt des Seufzens über die böseböse Digitalisierung klingt mancherorts ein überaufgeregter Zukunftsfrohsinn durch, in dem bestenfalls alles developed , enhanced , provided und ge published wird, am allerbesten natürlich self . Schwer zu sagen, was sich besser anhört. Einzig, da eine Nachricht aus Stockholm gekommen war, wurde es kurz still: Der chinesische Provider Mo Yan hatte den Contentnobelpreis bekommen.

Und plötzlich wollte man doch wieder über Inhalte reden.