Frankfurter Buchmesse : Die Content-Mafiosi

Ein Unwort macht Karriere: Auch auf der Frankfurter Buchmesse reden alle nur vom Content, statt vom Inhalt. David Hugendick hat einen Schadensbericht geschrieben.

Zu den größten Spaßverderbern gehört die Ermahnung, dass man jetzt bitte über Inhalte reden wolle. Egal, ob es sich um die Piratenpartei , die europäische Idee, eine öffentlich-rechtliche Prechthaberei oder eine Papstsatire handelt, irgendwer ruft immer: Ja, aber der Inhalt!

Inzwischen wird unentwegt so viel Inhalt angemahnt und angefordert, dass mancher Verschwörungstheoretiker unter uns glauben könnte, die Welt sei eigentlich eine aufpolierte Hülle von einem großen Nichtsdahinter. Auch in Frankfurt geschieht das ununterbrochen, wo sich derzeit einige Tausend Besucher durch die Messehallen schieben, hier und da ein soigniertes Sektchen trinken und gelegentlich umgeben sind von Menschen, die manchmal so tun, als wären sie gerade aus einer Keyserling-Novelle herausgepurzelt.

Und selbstverständlich gibt's Bücher, farblich sortiert, fein geschubert, auf Tischen gestapelt. Mitunter liegen daneben Broschüren oder Wurfzettel zu Podiumsdiskussionen, bei denen es bereits gar nicht mehr um Inhalte geht, sondern um die blinkenden sieben Buchstaben dieser Messe: Content. Dann steht da Where Content meets Technology zum Beispiel. Oder "Bringen Sie Ihren Content effizienter an den Kunden." Oder "Innovatives Content-Marketing".

Nun ist Content nicht bloß ein sprachlicher Auffahrunfall von Businessspaßvögeln, deren schludriges Denglisch man glutvoll und etwas gratis beklagen könnte. Content in diesem Wortgebrauch lässt sich gar nicht zurückübersetzen. Er ist wie ein Einszahlendreimitnehmen: gleichermaßen Evolution, Banalisierung und Überwindung des ohnehin arg strapazierten Begriffs Inhalt.

Vor dem Wort und seinen Benutzern ist alles dasselbe: der neueste Schadensbericht aus der steißtätowierten Unterhaltungsbranche wie der neue Roman von Wolf Haas, Chad Harbachs grandioses Baseball-Epos gleichfalls wie die rentnerschwere Selbstbestaunung von Arnold Schwarzenegger

Inhaltsleere mag es oft genug geben, Content braucht nicht einmal Inhalt! Er ist nur Sprachleergut für Produkte aus Text, Klang oder Bild. Könnte das Wort selbst sprechen, würde es ständig wiederholen, es mache irgendwas mit Medien. Ob nun Buch-Content gedruckt oder gepixelt vorliegen müsse – darüber wurde in den vergangenen Jahren oft mit alberner Hysterie gestritten, für die man sich glücklicherweise heute ein bisschen schämen muss.

Inzwischen hat sich auf Buchmessen endlich herumgesprochen, dass sich sogar würdevollste Bücher digital manierlich lesen und auch platzsparend verschenken lassen, dass die stagnierenden Verkaufszahlen von Billy-Regalen nicht auf Lesekulturverfall hindeuten, sondern höchstens auf Geschmack.

Das Beigeräusch dieser Entwicklung hat auf der Messe hörbar gewechselt: Statt des Seufzens über die böseböse Digitalisierung klingt mancherorts ein überaufgeregter Zukunftsfrohsinn durch, in dem bestenfalls alles developed , enhanced , provided und ge published wird, am allerbesten natürlich self . Schwer zu sagen, was sich besser anhört. Einzig, da eine Nachricht aus Stockholm gekommen war, wurde es kurz still: Der chinesische Provider Mo Yan hatte den Contentnobelpreis bekommen.

Und plötzlich wollte man doch wieder über Inhalte reden.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Völliges Agreement

Wohlklingende, wenn auch im Übereifer sich etwas verkünstelnde Beobachtungen über das Wort "content". Mir persönlich fehlt da nur der Hinweis, dass sich die Deutschen vor allem dann gerne eines englischen Wortes bedienen, wenn sie dessen Bedeutung gar nicht (so) meinen. "Fun" ist eben eine gute Portion weniger als "Freude", "event" nicht ansatzweise ein "Ereignis" und selbst "power" wirkt reichlich aufgeblasen und saftlos gegenüber "Kraft", "Stärke" und "Lebenfreude". "Content" sagt man folglich eben dann, wenn man nicht im eigentlichen Sinn von "Inhalt" sprechen kann. Und da haben die Werbefuzzis in ihren flotten Anzügen doch recht! Oder will jemand wirklich bei Büchern von Schwarzenegger und ebensolchen über Matthäus das Wort "Inhalt" in den Mund nehmen? Ich finde, man kann heutzutage gar nicht genug von "content" sprechen!

Bitte zielgerichtetere Satire!

Glossen nach wie vor mit Aufregung über Anglizismen zu füllen und dahinter sozusagen noch wirklichen Content und keine vergebliche Liebesmüh zu sehen, mag jedem gestattet sein, aber als büchersammelnder und gleichzeitig naturgemäß mit mehr Geschmack als Budget ausgestatteter Student muss ich diesen hässlichen Seitenhieb auf die guten alten Billyregale scharf verurteilen..

bedeutung der beiden begriffe

Ich würde sagen, Content und Inhalt bedeuten nicht das selbe.
Content ist immer mit dem ganzen Business- und Marketing-Überhang assoziiert und man verbindet damit eher eine bedeutungslose Ansammlung von irgendwas (zumindest geht es mir so).
Dass es das Wort in unserem Sprachgebrauch gibt, ist nicht weiter schlimm. Aber es ausgerechnet und in dem Ausmaß auf einer Buchmesse zu verwenden ist gerade deswegen daneben, weil es bei Büchern nicht um aufwändig präsentiertes Blabla gehen sollte, sondern eben eher um den Inhalt. Und diesem Zusammenhang drückt man eben auch besser mit dem Wort 'Inhalt' aus, statt mit dem Wort 'Content'.

Kapitulation?

Das ist die bequeme Ausflucht, die Kapitulation. Eine Adam Smith'sche Perversion, nur dass die unsichtbare Hand diesmal eben nicht den Markt lenkt, ohne dass jemand eingreifen oder "Halt, so geht das aber nicht" rufen kann, sondern jetzt also die Sprache.

Vergessen Sie das bitte direkt wieder. Nichts entwickelt sich einfach so. Sprache entwickelt sich, ja, aber nicht zuletzt auch deshalb, weil berechtigte Einwände über ihre Entwicklung geäußert und auch gehört werden.
Erfolge dieses Eingreifens müssen auch nicht immer von ausgewiesenen Sprachkritikern kommen. Manchmal reicht es, dass z.B. Kunden eine englische Werbebotschaft komplett missverstehen. Den Douglas-Fall ("Come in and find out" - "Komm rein und finde wieder raus") dürften viele kennen. Inzwischen macht Douglas das Leben lediglich schöner. ;)

richtig angewandt - stimmt schon..

Also meines Wissens nach steht content schon für Inhalte. Und nicht für eine „bedeutungslose Ansammlung von irgendwas“.
Was nicht ausschließt, dass manche diesen Begriff benutzen, um zu verschleiern, dass sie (inhaltlich) nichts zu sagen haben.
Content bezeichnet den (eigentlichen) Inhalt zur Abgrenzung von der Struktur (des Mediums).
Lässt sich gut erklären bei so genannten Content-Management-Systemen (CMS).
Das sind konkret Softwarelösungen, die dem laienhaften Anwender die äußere Struktur zur Verfügung stellen, dass er seine Website ohne Kenntnisse von HTML (usw) mit Inhalten (Texte, Bilder) füllen kann.
Bei einem Magazin oder Zeitung würde man die redaktionellen Beiträge als content bezeichnen in Abgrenzung zu Anzeigen, die auch „Inhalt“ des Heftes sind, aber letztendlich nur dazu da, das Erscheinen des Heftes zu garantieren.

ContentManagementSysteme

Gut, da ist wohl einiger Spielraum für Definition.
Die CMS sind aber wirklich ein gutes Beispiel. Ich hätte nämlich gesagt, dass Content in einem Buch die reinen gedruckten Wörter (oder auch Buchstaben, Sätze,...) sind, also deren bloße Existens widergibt.
Der Inhalt beschreibt dagegen auch ihre Bedeutung.

Ein Content-Management-System entspricht dem insofern, als es ein vereinheitliches Framework bietet um Elemente zu sammeln, anzuordnen, zu verwenden usw., aber um die Beutung von deren Inhalt muss es ihm nicht gehen.

Sozusagen kann man mit dem CMS auch völligen Unsinn managen, es bietet lediglich den technischen Rahmen dies ohne zu viel Aufwand zu tun.
Genauso kann man ein Buch als den technischen Rahmen ansehen um irgendwelche Wort-Ansammlungen (ob nun inhaltsleer oder aussagekräftig) zu 'managen' (Bereitstellung von Papierfläche, Zusammenhalt durch Bindung, Organisation mittels Seitenzahlen). Vom eigentlichen Inhalt des Buches und dessen Qualität sagt die Präsentationstechnik aber noch nichts.