Landstriche, vor allem irgendwelche Hügel im amerikanischen Hinterland, sind normalerweise wenig berühmt. Anders ist das mit den Ozark Mountains an der Grenze zwischen Missouri und Arkansas . Die kennt seit dem für vier Oscars nominierten Film Winter's Bone jeder Cineast. Die Regisseurin Debra Granik hat Menschen von der Straße vor die Kamera geholt, ihnen die abgetragenen Kleider abgekauft, ihre selbstgebastelten Unterkünfte gefilmt, ihre Sprache und die besondere Kultur der Jagd studiert. Sie hat sich so auf die Gegend und ihre Bewohner eingelassen, dass eine großartige Authentizität entstand.

Den Roman dazu schrieb der 1953 geborene Daniel Woodrell, der dort auch wohnt. Ein Journalist der Oxford America ging auf dem Weg zu ihm verloren, das Navigationssystem versagte, und seine Frau dirigierte ihn aus Chicago per Telefon. Ins Nirgendwo.

In Unna klappt das Treffen mit Daniel Woodrell in der Hotelaula problemlos. Als Krimiautor ist er geladen, zur Eröffnung von Europas größtem internationalen Krimifestival : Zu Mord am Hellweg kommen auch Donna Leon, Fred Vargas, Arne Dahl, Joy Fielding oder Juli Zeh, 125 Autoren, 180 Lesungen. Die Genrebezeichnung "Krimi" greift aber viel zu kurz. Und nein, auch der Typ Holzfäller, was vielleicht manche erwarten, ist Woodrell wirklich nicht. Aber wer weiß, denn in seinem Leben hat er schließlich viele Jobs gehabt, Dächer geteert, am liebsten große Lastwagen beladen, weil er da nicht nachdenken musste, aber körperlich erschöpft war und anschließend schreiben konnte.

Er ist überhaupt ein Schreibbesessener, 1986 schon debütierte er, und dass man ihn erst mit seinem sechsten Roman Tomato Red 1999 in Amerika , mit seinem achten Roman Winters Knochen 2010 in Deutschland wirklich entdeckt hat, und auch das vor allem wegen des fast zeitgleich lancierten Films, ist eigentlich ein Trauerspiel – mit wenigstens märchenhafter Wendung.

Ein Rest von Menschlichkeit

Inzwischen reiht man ihn hinter William Faulkner und Sherwood Anderson. Annie Proulx, die selbst auf einer Klippe Ein Haus in der Wildnis baute und darüber schrieb, ist ein Fan von ihm. Woodrell gilt als "Unterschichten-Poet", der raue Geschichten aus den Wäldern erzählt, gerne aus der Sicht der Heranwachsenden, die tapfer sein müssen zwischen immerzu betrunkenen Erwachsenen, die allen Glauben verloren haben. "Hillbillies", wie man abwertend sagt, mit eigener Musikkultur, immer etwas faul.

Einsame Straßen aus schwerem, braunem Staub führen ins Nichts. Die Menschen wohnen vereinzelt in einfachen Unterkünften, mit Tierfellen an den Wänden und aufgefädelten Knochen, die der Wind zum Klappern bringt. Sie halten Vieh und brauen in dreckigen Küchen die Droge Crystal Meth, die sie alles Elend für eine Zeit vergessen lässt. Schert einer aus dem Clan aus, wird er brutal gerichtet. Danach geht das Leben weiter als wäre nichts geschehen. Und trotzdem ist da ein ganz eigener Stolz, ein Rest von Menschlichkeit, den Woodrells Romane aufspüren.

Daniel Woodrell wuchs selbst in dieser Gegend auf, wo er jetzt nach einiger Abstinenz wieder wohnt. Das Land ist karg. Um Gemüse zu pflanzen, mussten die Woodrells Erde auf Lastwagen ankarren lassen, "hier, in den Ozark Mountains, wo es reichlich Erde gibt!", sagt er. Aber dem Boden fehlen die Nährstoffe, und da sind wir schon mitten im Thema. Was soll die ganze Romantik vom Landleben, wenn sich in direkter Nachbarschaft eine Tragödie nach der anderen abspielt. Eine traurige Geschichte hat er bereits 2001 aus dem Ozark Stein herausgemeißelt, jetzt liegt sie, von Peter Torberg übersetzt, auch auf Deutsch vor: Der Tod von Sweet Mister erzählt aus der Sicht des 13jährigen Shug, eines übergewichtigen Jungen, der mit seiner Mutter Glenda den Friedhof des Ortes in Ordnung hält. Der kleine Job sorgt für das Nötigste, sonst ist da nicht viel. Manchmal taucht der brutale Red auf, angeblich sein Vater, sagt "Fettsack" zu Shug und benutzt die Fäuste.

Oder er zwingt den Jungen, in die Häuser der Reicheren einzubrechen, um von Kranken Medikamente zu klauen. Nichts, worüber man gerne liest – wäre da nicht inmitten des rauen Milieus Shugs Blick auf die anderen Dinge des Lebens, kurze, schöne Sätze aus dieser melancholischen, sepiagetönten Ozark-Kulisse, die Daniel Woodrell zu mikroskopischen Momenten verengt.

"Monster gebären Monster"

"Nachtinsekten hatten angefangen, ihre Nachtinsektenlieder zu kratzen", heißt es da, und nicht viel weiter muss die hübsche Glenda ihren Körper hergeben, um ihren Sohn vor Schlägen zu bewahren. Mal ignoriert sie ihn, weil der Alkohol sie schläfrig gemacht hat, und Shug muss "eine lange Kette aus Wörtern zusammensetzen", um sie zu erreichen. Dann wieder stärkt sie ihn nach besonders schlimmen Erlebnissen mit einer Zigarette. "Sie paffte, und ich paffte neben ihr, bis eine kleine Gemeinschaftswolke über unseren Köpfen hing und immer größer wurde. Der Regen flog weiter gegen die großen Fenster und machte platschende Geräusche."

"Monster gebären Monster", zitiert Daniel Woodrell einen Freund, der Jurist ist und nicht selten Angeklagte einer Familie bis zur Enkelgeneration auf der Bank sitzen hat. Man mag die Ohren verschließen vor dieser gnadenlosen Sicht, und Woodrell schränkt auch gleich wieder ein, natürlich gebe es andere Fälle, gute Verläufe, Hintertürchen aus dem System.

Im neuen Roman ist Shugs Mutter ein zweifelhafter Fluchtpunkt. Sie ist die einzige, mit der er seine Gefühle teilen kann. Glenda ist eine Schönheit. Eigentlich gehört sie nicht hier her. Nicht nur Shug betört, wie sie ihre Augen aufschlägt und sündig "Hallo" sagt. Sie war selbst noch fast ein Mädchen bei dessen Geburt. Die beiden brauchen einander, schon allein, um gegen den brutalen Red zu bestehen.

Jederzeit könnte er sie niederschießen. Und so wird die Beziehung zwischen Mutter und Sohn gepflegt. Shug sorgt für tägliche Rationen Rum, die er seiner Mutter mit Tee mixt, und wenn man unter ihren Shorts etwas mehr sieht, schaut er nicht weg. Glenda ihrerseits stellt ihm an guten Tagen eine Portion Vanilleeismatsche mit Kaffee auf den Tisch. Oft aber macht sie nichts, und das Geschirr von Tagen türmt sich. Doch Shug verändert sich. Die raue Umgebung färbt auf ihn ab, und man sieht, wie er abrutscht, in sein ganz eigenes, vorbestimmtes Unglück. Der Titel des Romans, Der Tod von Sweet Mister , wie Glenda ihren Sohn immerzu nennt, führt etwas in die Irre. Es gibt zwar einen Mord, aber letztlich ist es nichts Physisches, das stirbt, vielmehr ein weicher Charakterzug Shugs. Am Ende scheint eine Tür zugefallen, und es bleibt fraglich, ob sich je ein Spalt wieder öffnet.

Natürlich ist es nur ein kleiner, aber eben sichtbarer Prozentteil seiner Nachbarschaft, den Woodrell hier beschreibt. In West Plains, Missouri, wo er wohnt, gibt es keine abgetrennten Viertel, arm und reich leben nebeneinander in einer Straße, man kennt sich. Einzugreifen und etwas zu verändern ist schwierig. Dass Männer ihre Frauen schlagen, auf der Straße, ist keine Seltenheit. Und auch bei Woodrells wurde eingebrochen. Man kennt die Familie, mit vielen Kindern, Zweijährige, die im Hof letzte Bierreste aus leeren, weggeworfenen Flaschen trinken oder gefährlich nahe unbeaufsichtigt an den hauseigenen Drogenlaboren spielen. Niemand wollte aussagen, und so schickte die Polizei wenigstens die Kinderfürsorge. Außerdem kostet das Durchgreifen, 40.000 Dollar für ein Jahr Gefängnis.

Die Mutter las Agatha Christie

Woodrell hat das wahrscheinlich schon oft erzählt, oder ähnliche Geschichten. Er sei trotz allem ein Optimist, sagt er, und das sagten auch andere über ihn. Es hätte ja auch alles anders werden können. Mit 16 ging er von der Highschool, nicht wegen schlechter Noten, sondern weil er nach einem Umzug die vertraute Nachbarschaft herbeisehnte und außerdem ständig Bücher las, die ihn in die Welt hinauszogen. Lektüre gab es im Hause Woodrell reichlich. Die Mutter las Agatha Christie , der Vater alles mögliche, auch, weil er nach der Tagesarbeit abends noch das College besuchte.

Vater und Sohn machten zusammen Hausaufgaben. Die Marine öffnete ihm zwar die Welt, aber nur einen kleinen Zipfel: Daniel Woodrell stationierte man auf einer Insel im Südpazifik. Schreiben wollte er, seitdem er las. Dass es ähnlich Verrückte gab mit dem gleichen Ziel, erlebte er nach dem College an einer berühmten Schreibschule in Iowa . 120 Autorenanwärter wurden jährlich durchgeschleust. "Man versicherte sich gegenseitig, dass Schreiben wichtig war und man nicht einfach Lebenszeit verschwendete."

In den 13-jährigen Shug, der Hauptfigur seines Romans, fühlte er sich problemlos ein. Die Einsamkeit, die Shugs Blicke in großer Bedürftigkeit nach jedweder Ablenkung bestimmt, war ihm vertraut. Und irgendwann konnte er sich dem tragischen Verlauf der Geschichte nicht mehr entziehen, nur dafür sorgen, dass man zwischendrin mal Atem holt. "Die Straße war grau, aber wie von der Sonne poliert, sie schlängelte sich durch dichte, mürrische Wälder, lang gezogene Hügel hinauf und dann entlang einer Höhenlinie, unter der weit in der Tiefe ein Fluss lag, der sich zwischen die Felswände geschnitten hatte."

Es ist eine organisch sich entwickelnde Tragik. Man kann sehen, wie sie sich sehr langsam entfaltet, ohne Eile, was umso mehr verstört. Ein Roman von archaischer Wucht. Er ändere aber derzeit seine Perspektive, auf andere Gruppen in der gleichen Region, vielleicht auch andere Orte, verrät Daniel Woodrell. Man kann ihn sich gar nicht woanders vorstellen als in der Landschaft, von der er schreibt, als wäre sie ein Stillleben, bis plötzlich irgendwo Blut an den Wänden klebt. Ja, ein bisschen Krimi ist es auch, wenn es denn beruhigt. Aber der Autor, der so konsequent auf Effekte verzichtet, wirkt doch seltsam fremd im Hype ums Genre, das er hier mit eröffnet. Dann muss er auch schon wieder weiter, von Unna nach Wien , zu einem anderen Krimifest.