Es ist das Reiz-Reaktionsschema des Literaturnobelpreises: Hinterher gibt es mehr Verstörte als Beglückte. Auch dieses Mal. An der Auszeichnung des Chinesen Mo Yan scheiden sich die Geister. Die einen loben Mo Yans epischen Realismus, die anderen weisen auf die Staatstreue des Schriftstellers hin. Er soll bis heute Mitglied der Partei sein und vor drei Jahren auf der Frankfurter Buchmesse den Saal verlassen haben, als chinesische Oppositionelle das Wort ergriffen.

Manche Kritiker unterstellen dem Nobelpreiskomitee eine Art Appeasement-Politik gegenüber einer aufstrebenden Weltmacht, die zugleich eine fatale Symbolwirkung auf chinesische Dissidenten hätte. Nun ist der Literaturnobelpreis, selbst wenn er stets zu einem Politikum gemacht wird, weder der Friedensnobelpreis, noch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den der chinesische Dissident Liao Yiwu in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse bekommen wird. Und es ist nicht falsch zu sagen, dass all das, was Mo Yan nun vorgeworfen wird, außerliterarische Kriterien sind: ein Parteibuch verhindert nicht zwangsläufig preiswürdige Literatur . Selbst eine im Zweifel fragwürdige politische Gesinnung des Autors sollte ebenso wenig grundsätzlich ein Ausschlusskriterium sein wie ein Roman ein ästhetischer Schutzwall ist, der den Autor den Blicken entzieht.

Wer Literatur aber nur durch die Brille der Politik betrachtet, wer Dissidenz und das Engagement gegen wie auch immer geartete Verhältnisse zu den einzig gültigen Bewertungsmaßstäben erhebt, der vergisst, dass mit dem Preis zunächst ein formal wie sprachliches Kunstwerk gemeint ist. Ein Kunstwerk, dessen Vorzug es ist, kein Leitartikel und keine Flugschrift sein zu müssen.

Der Raum der Weltliteratur

Die Frage nach der politischen Haltung eines Schriftstellers klingt schnell wie auf dem Kasernenhof und man brächte sich nebenbei um einen gehörigen Anteil bedeutender Werke. Man dürfte weder Knut Hamsun lesen, noch Ezra Pound, keinen Cioran und keinen Celine. In dem gegenwärtigen Fall mischt sich, zumal in manche westliche Kritiken, eine Prise preisgünstiger Mut mit hinein, der plötzlich aus jedem, der nicht inhaftiert oder zumindest verboten wurde, einen potenziellen Mitläufer macht.

Ignoriert wird dabei, dass Chinas Literatur eben nicht ausschließlich aus erkennbar Oppositionellen und widerständischen Texten besteht, sondern eine durchaus vielstimmige, uneindeutige Landschaft ist – was auf unsere eigene Literatur bezogen im Übrigen kaum erwähnenswert wäre. Vielleicht wollte die Akademie in Stockholm auf diese Polyphonie hinweisen. Vielleicht glaubt sie auch, wie Dirk Knipphals in der taz schrieb , "an einen Raum über oder jenseits aller kultureller oder politischer Grenzen". Das wäre, etwas pathetisch, der Raum der Weltliteratur. Ihn zu behaupten und gleichzeitig mit Chinas Inhaftierten und Verfolgten solidarisch zu sein, schließt sich nicht aus.