Was für ein Buch! Und was für eine Geschichte, die dahinter steht! Ein Schriftsteller, Künstler und Fotograf verfasst eine kurze, das Thema Selbstmord auf höchst luzide Weise umkreisende Meditation, schickt das fertige, keine hundert Seiten lange Manuskript an seinen Verleger, der sich begeistert davon zeigt. Sie verabreden ein Treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Denn wenig später nimmt sich der Autor, der Franzose Édouard Levé, das Leben.

"An einem Samstag im August verlässt du in Tenniskleidung deine Wohnung. Deine Frau begleitet dich. In der Mitte des Gartens lässt du sie wissen, dass du deinen Tennisschläger im Haus vergessen hast. Du kehrst zurück um ihn zu holen, doch statt dich dem Schrank im Flur zuzuwenden, wo du den Schläger normalerweise aufbewahrst, steigst du hinunter in den Keller.... Einige Minuten später hört sie einen Schuss. Sie stürmt ins Haus, sie schreit deinen Namen, merkt, dass die Tür zum Keller offen steht, findet dich. Du hast dir eine Kugel in den Kopf geschossen, mit einem Gewehr, das du sorgfältig dafür präpariert hast."

Levé ist zum Zeitpunkt seines Suizids 42 Jahre alt. Die Liste seiner Veröffentlichungen umfasst zahlreiche Prosa- sowie Fotobände. In seinem Buch Selbstmord führt er vor, was ihn zu seinem Tun bewegt hat, verfasst eine Chronik seines Lebensekels. Anzeichen für seine Tat, so berichteten französische Bekannte, habe es keine gegeben. Warum also nimmt sich dieser Mann – scheinbar ohne ersichtlichen Grund – so plötzlich das Leben?

Fotos zeigen einen durchweg skeptisch in die Kamera schauenden Menschen mit hoher Stirn, schmalem Gesicht und forschendem Blick. Sein Buch ist ein Werk, dessen subtile Sprengkraft spontan an Jean Amérys berühmten, 1976 erschienenen Diskurs über den Freitod Hand an sich legen erinnert. Ebenso wie der Holocaustüberlebende Améry , der sich zwei Jahre nach Erscheinen seines Buches in einem Salzburger Hotel das Leben nahm, setzte auch Levé seine Gedanken konsequent in die Tat um.

Levés Selbstmord wirkt vor dem Hintergrund seines Buches und den darin versammelten Gedanken wie eine logische Folge. Sein Werk birgt Satzfolgen, die ihrem Schöpfer mit scheinbar ausweichlicher Klarheit die einzig gangbare Richtung weisen. Kunstvoll, in seiner Beharrlichkeit geradezu schmerzhaft leuchtet Levé die Psyche eines Menschen (seiner selbst!) aus, der das eigene Leben als fortwährendes Fremdsein sich selbst und der Welt gegenüber empfindet. Kein noch so winziges oder abgelegenes Seelenareal kann sich seiner mit mathematischer Strenge betriebenen Durchleuchtung entziehen, seinem Abklopfen auf Sinn.

Selbstmord ist das finster-triumphale Psychogramm einer Verstörung, fest-und sichtbar gemacht am prozesshaften Herausfallen eines Ichs aus seinem Leben und der es umgebenden Welt. Levé hat seinen Text als Monolog eines ganz und gar unerschrockenen Exorzisten angelegt, wie man ihn in dieser Offenheit kaum je gelesen hat. "Du hast dein Ende genau geplant. Du hattest das Szenario bewusst so entworfen, dass man deinen Körper unmittelbar nach deinem Tod finden würde. Du tatst deinem lebenden Körper zwar Gewalt an, aber deinem toten wolltest du keinen anderen Erniedrigungen aussetzen als jenen, die du ihm selbst zufügen würdest... Sterben Tiere an Hoffnungslosigkeit? Nein, sie funktionieren oder verschwinden. Vielleicht warst du ein schwaches Glied in der Kette, eine Zufallserscheinung der Evolution. Eine kurzzeitige Anomalie."

Entstanden ist ein furioses, in seiner Dichte unvergleichliches Nachtstück über das Dunkle in uns. Und über den nicht mehr zu kittenden Riss, der plötzlich durch unser Leben gehen kann. Große, mit dem Leben bezahlte Literatur. Gerade mal 98 Seiten lang umkreist Levé mit Worten das, was der Philosoph Ernst Bloch, Verfasser des berühmten Prinzips Hoffnung , einmal als die größte Gegen-Utopie bezeichnete: den Tod in seiner am schwersten vorstellbaren Form, der Selbsttötung. Doch er tut es mit einer Unerschrockenheit, die über jedes Sentiment triumphiert.

So schließt sein Buch denn auch mit entsprechend kühler Klarheit: "Reue? Es tat dir leid um diejenigen, die um dich trauern und weinen würden, es schmerzte dich um die Liebe, die sie dir entgegengebracht hatten und die du erwidert hattest... Nur diejenigen, die dich überlebten, würden den Schmerz, den dein Tod verursachte, ertragen müssen. Dieser dem Selbstmord eigene Egoismus gefiel dir nicht. Aber im Vergleich wog die Ruhe des Todes schwerer als die schmerzhafte Unruhe deines Lebens."