Roman "Selbstmord" : Literatur, mit dem Leben bezahlt

Ein Autor schreibt ein Buch über das Thema Selbstmord und nimmt sich kurz darauf das Leben. Er hinterlässt eine finster-faszinierende Meditation über den Freitod.
Der französische Schriftsteller, Künstler und Fotograf Édouard Levé (1965–2007) © Matthes Seitz

Was für ein Buch! Und was für eine Geschichte, die dahinter steht! Ein Schriftsteller, Künstler und Fotograf verfasst eine kurze, das Thema Selbstmord auf höchst luzide Weise umkreisende Meditation, schickt das fertige, keine hundert Seiten lange Manuskript an seinen Verleger, der sich begeistert davon zeigt. Sie verabreden ein Treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Denn wenig später nimmt sich der Autor, der Franzose Édouard Levé, das Leben.

"An einem Samstag im August verlässt du in Tenniskleidung deine Wohnung. Deine Frau begleitet dich. In der Mitte des Gartens lässt du sie wissen, dass du deinen Tennisschläger im Haus vergessen hast. Du kehrst zurück um ihn zu holen, doch statt dich dem Schrank im Flur zuzuwenden, wo du den Schläger normalerweise aufbewahrst, steigst du hinunter in den Keller.... Einige Minuten später hört sie einen Schuss. Sie stürmt ins Haus, sie schreit deinen Namen, merkt, dass die Tür zum Keller offen steht, findet dich. Du hast dir eine Kugel in den Kopf geschossen, mit einem Gewehr, das du sorgfältig dafür präpariert hast."

Levé ist zum Zeitpunkt seines Suizids 42 Jahre alt. Die Liste seiner Veröffentlichungen umfasst zahlreiche Prosa- sowie Fotobände. In seinem Buch Selbstmord führt er vor, was ihn zu seinem Tun bewegt hat, verfasst eine Chronik seines Lebensekels. Anzeichen für seine Tat, so berichteten französische Bekannte, habe es keine gegeben. Warum also nimmt sich dieser Mann – scheinbar ohne ersichtlichen Grund – so plötzlich das Leben?

Fotos zeigen einen durchweg skeptisch in die Kamera schauenden Menschen mit hoher Stirn, schmalem Gesicht und forschendem Blick. Sein Buch ist ein Werk, dessen subtile Sprengkraft spontan an Jean Amérys berühmten, 1976 erschienenen Diskurs über den Freitod Hand an sich legen erinnert. Ebenso wie der Holocaustüberlebende Améry , der sich zwei Jahre nach Erscheinen seines Buches in einem Salzburger Hotel das Leben nahm, setzte auch Levé seine Gedanken konsequent in die Tat um.

Levés Selbstmord wirkt vor dem Hintergrund seines Buches und den darin versammelten Gedanken wie eine logische Folge. Sein Werk birgt Satzfolgen, die ihrem Schöpfer mit scheinbar ausweichlicher Klarheit die einzig gangbare Richtung weisen. Kunstvoll, in seiner Beharrlichkeit geradezu schmerzhaft leuchtet Levé die Psyche eines Menschen (seiner selbst!) aus, der das eigene Leben als fortwährendes Fremdsein sich selbst und der Welt gegenüber empfindet. Kein noch so winziges oder abgelegenes Seelenareal kann sich seiner mit mathematischer Strenge betriebenen Durchleuchtung entziehen, seinem Abklopfen auf Sinn.

Selbstmord ist das finster-triumphale Psychogramm einer Verstörung, fest-und sichtbar gemacht am prozesshaften Herausfallen eines Ichs aus seinem Leben und der es umgebenden Welt. Levé hat seinen Text als Monolog eines ganz und gar unerschrockenen Exorzisten angelegt, wie man ihn in dieser Offenheit kaum je gelesen hat. "Du hast dein Ende genau geplant. Du hattest das Szenario bewusst so entworfen, dass man deinen Körper unmittelbar nach deinem Tod finden würde. Du tatst deinem lebenden Körper zwar Gewalt an, aber deinem toten wolltest du keinen anderen Erniedrigungen aussetzen als jenen, die du ihm selbst zufügen würdest... Sterben Tiere an Hoffnungslosigkeit? Nein, sie funktionieren oder verschwinden. Vielleicht warst du ein schwaches Glied in der Kette, eine Zufallserscheinung der Evolution. Eine kurzzeitige Anomalie."

Entstanden ist ein furioses, in seiner Dichte unvergleichliches Nachtstück über das Dunkle in uns. Und über den nicht mehr zu kittenden Riss, der plötzlich durch unser Leben gehen kann. Große, mit dem Leben bezahlte Literatur. Gerade mal 98 Seiten lang umkreist Levé mit Worten das, was der Philosoph Ernst Bloch, Verfasser des berühmten Prinzips Hoffnung , einmal als die größte Gegen-Utopie bezeichnete: den Tod in seiner am schwersten vorstellbaren Form, der Selbsttötung. Doch er tut es mit einer Unerschrockenheit, die über jedes Sentiment triumphiert.

So schließt sein Buch denn auch mit entsprechend kühler Klarheit: "Reue? Es tat dir leid um diejenigen, die um dich trauern und weinen würden, es schmerzte dich um die Liebe, die sie dir entgegengebracht hatten und die du erwidert hattest... Nur diejenigen, die dich überlebten, würden den Schmerz, den dein Tod verursachte, ertragen müssen. Dieser dem Selbstmord eigene Egoismus gefiel dir nicht. Aber im Vergleich wog die Ruhe des Todes schwerer als die schmerzhafte Unruhe deines Lebens."
 

Anzeige

Kultur-Newsletter

Was die Musik-, Kunst- und Literaturszene bewegt. Jede Woche kostenlos per E-Mail.

Hier anmelden

Kommentare

57 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Guter Einwand,

ich glaube jedoch nicht, dass dieses Buch (noch nicht gelesen) für instabile Menschen nicht zu einem Werther Effekt führt. Denn auch die Verbreitung dürfte sich in Grenzen halten.

Wie es scheint hat Levé diesen Weg bewusst gewählt und kann damit mMn als stabil bezeichnet werden, wenn das sicherlich paradox klingt. Denn instabile Menschen benutzen den Suizid (meist Versuch) als Hilfeschrei und hoffen auf Rettung. Wohingegen Levé seinem Leben bewusst ein Ende gesetzt und dazu gehört viel, denn es widerspricht im Prinzip dem Selbsterhaltungstrieb der jedem Menschen/Tier innewohnt und zu dieser Art Freitod gehört mMn sehr viel Willenskraft.

Trotzdem bin ich erstaunt, dass solch eine Thematik in der ZEIT renzensiert werden.

@Nibbla

"Wie weit sollen instabile Menschen sowas lesen dürfen?"
Die Frage kann ich gut nachvollziehen.
Aber was heißt hier "dürfen". Das würde ja voraussetzen, das es eine Instanz gäbe, die die grundlegenden und intimsten Persönlichkeitsrechte von Personen einschränken "dürfte", gleichzeitig außerdem mit dem zugrundeliegenden helfersyndromgemäßen Argwohn die ganze Menschheit belegen müsste, da da Suizidpotenzial und Suizidgedanken von den meisten Menschen niemandem, z.T. noch nicht mal ihnen (den Betroffenenen) selbst bewusst oder bekannt sein dürften.
Ich denke, zweierlei muss gewahrt bleiben:
Maximaler Persönlichkeitsschutz der Person als sein Leben nach seinen Anlagen und Fähigkeiten selbst bestimmendes Individuum.
Das Potential für jede Persönlichkeit, ihr eigenes Lebensrisiko weitestgehend selbst, ihren Interessen gemäß zu tragen.
- Bei aller Empathie, die man ihr von außen entgegenbringen sollte und auf die sie in einer humanen Gesellschaft Anspruch hat.

@Bregens

Wer das heikle und sensible Phänomen Suizid - die Akteure wie die Betroffenen - mit solchen platten, sich Urteile anmaßenden Macho-Sprüchen abkanzelt, wie Sie, hat es wohl nicht verstanden, sich wohl nicht einmal bemüht, es zu verstehen. Sie stellen das menschliche Phänomen und Problem in einen sozial-darwinistischen Kontext der agressiven Inszenierung des eigenen Ego. Klar, dass dabei die Empathie für Andere auf der Strecke blieb.

Anmerkung: Der Kommentar, auf den Sie Bezug nahmen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/ds

Sehr geehrter Spökenkieker,

.
Der Suizid ist weder heikel, noch sensibel und am aller wenigsten ein Phänomen.

Die häufigsten Ursachen des Freitodes sind in der Psychologie hinlänglich behandelte Fakten:

Psychosen, insbesondere manisch-depressive Erkrankungen, Suchterkrankungen, Existenzängste, Verlustängste (Partnerschaften), in zunehmendem Alter auch die Lebensmüdigkeit, vielfältige Syndrome (nur ein Ausschnitt) und in jedem Fall eine Autoaggression!

Mir die Verweigerung der Teilnahme an ihrer gefühlsduseligen Verbrämung, als Mangel an Empathie zu unterstellen, ist unqualifiziert.

Wenn Sie der Meinung sind, mich per Ferndiagnose als ”Macho“ und ”Sozial-Darwinist“ be/verurteilen zu dürfen, so ist mir das egal.

Aber um eines möchte ich Sie bitten: Rücken Sie diesen, um sich selbst kreisenden Egomanen nicht einmal ansatzweise in die Nähe der Weltliteratur!

Sehr geehrte/r Bregenz,

ich habe nicht von DEM Suizid gesprochen, sondern von dem Phänomen Suizid. Und entgegen Ihrer Darstellung ist es von außen gesehen zunächst ein übergreifendes und vielschichtiges Phänomen zahlreicher Fälle, wie Sie ja selber anhand einer nachgereichten Auflistung verschiedener Ursachen belegen, und es ist auch im konkreten Fall zunächst ein Phänomen, ein Komplex von Symptomen mit zahlreichen und unbenannten MÖGLICHEN Ursachen.
Eine betroffene Person, bzw. einen Akteur per Kurz"diagnose" von außen anhand dieses Berichtes als "kein Mann", "ehrlos", "Feigling" zu verurteilen, ist haltlos, unbegründet und unangemessen.
Und wir haben hier bislang nur eine Außenansicht ("Phänomen"). Oder haben Sie das Buch gelesen oder kennen ihn persönlich?
Wie kommen Sie darauf, ich würde das Buch in die Kategorie "Weltliteratur" "rücken"? Die literarische Bedeutung ist für mich in diesem Fall zunächst nachrangig, also gar nicht relevant.

Egokreisel

**ein Mann der sich so.....bla,bla,bla,bla.....aus dem Leben stiehlt, ist keiner!**

Dieses heile Welt Ego-gekreisel einfach nur Machospruch zu nennen, finde ich fast ein wenig zu freundlich formuliert!
Was wissen Sie schon vom Leben und den Beweggründen dieses Mannes?
In Ihrer wohl durchdachten und geordneten Weltsicht darf so etwas also nicht vorkommen.
das ist ebenso schön für Sie wie unwichtig für andere!

Mit einer Zeile aus Ihrer elektronischen Feder

be- und verurteilen Sie einen Menschen, den Sie weder persönlich kannten, noch annähernd in der Lage sein dürften sich über dessen Leben, Sorgen, Nöte und Ängste ein adäquates Urteil zu bilden.

Das grenzt schon an ein ein besonderes Maß an Selbstgerechtigkeit wenn nicht gar an eine, sich göttliches Urteilen, anmaßenden Hybris!

Wenn ein Mensch für sich entscheidet aus dem irdischen Leben zu scheiden, so äußert sich darin zunächst einmal eine Verzweiflung vor dem Hintergrund nicht mehr mit seinem Leben und seinen Umständen, insbesondere im Hinblick auf die sich abzeichnenden Perspektiven in der Zukunft, angemessen und selbstbestimmt begegnen zu können; Eine quälende Ohnmacht und umfassende Hilflosigkeit gegenüber den widrigen Umständen des eigenen Leben, des persönlichen Umfeldes, in dem man sich allzu oft als Last empfindet und den zunehmenden negativen Einflüssen, die sich aus einer unguten Melange aus Gesellschaft und Zeitgeist ergeben.
Einer manche Menschen (leider immer mehr) marodierende Gemengelage, in der die menschlichen Werte leider nicht mehr allzuviel zählen, sondern nur noch was du bist, was du kannst und was du hast.
Vor diesem Hintergrund verlieren offenbar immer mehr Menschen ihre Orientierung, da sie in einer weit überwiegend nur an materiellen Werten ausgerichteten Welt, keinerlei Sinn für sich entdecken können und an der daraus resultierenden Leere schier verzweifeln.
Manch einer sieht dann wohl nur noch den einen Ausweg, die letzte Reißleine zu ziehen..

Sehr geehrter Spökenkieker.

.
Selbstmorde sind nicht romantisch, literarisch wertvoll und schon gar nicht in einer Skala zu bewerten!

Selbstmorde, und bitte benutzen Sie nicht das Wort: Freitod!, sind schmutzig, blutig, grausam und mitleiderregend.

Die Mehrheit der Selbstmorde werden von alten Menschen begangen, aus physischem Schmerz, aus Angst vor Demenz, Einsamkeit und Lebensmüdigkeit.

In einer Gesellschaft, die von gierigen, moralisch verwahrlosten Soziopathen in der Politik, gesteuert von ihren Souteneurs in der Wirtschaft mehr und mehr zu einem Kriegsschauplatz verkommt, begehen Kinder Selbstmord, oder ermorden Andere!

Wäre der von ihnen so verklärte Protagonist ein wirklich wertvoller; d.h. verantwortlich handelnder Mensch, dann hätte er seine Frau – damit meine ich seine Hinterbliebenen, ihre Macho- Ehrenmann-Anwürfe sind inadäquat – in einer persönlichen, nicht öffentlichen Mitteilung; nein, nicht die Gründe seiner Tat mitgeteilt, sondern Sie einfühlsam von Mitverantwortung und Mitschuld freigesprochen.

An dieser Grüße mangelt es diesem Herrn.

PS Eines der wenigen Bücher die ich nur zur Hälfte gelesen und dann über den Hausmüll entsorgt habe.

Sehr geehrte/r Bregenz,

Sie entgegneten mir:
"Selbstmorde sind nicht romantisch, literarisch wertvoll und ...nicht in einer Skala zu bewerten!"
Wozu diese Ausschweifen? Ich hatte mich in diesem Sinn überhaupt nicht geäußert, nicht romantisiert und auch nicht skalierend bewertet.
Unabhängig davon, ob ein Thema litarisch wertvoll sei - eigentlich eine müßige Spekulation - können wohl alle Lebenserfahrungen Gegenstand von Literatur sein. Das liegt szs. in der "Natur" von Literatur als Medium der Reflexion und Kommunikation. Also gehört auch Suizid dazu. Das lässt sich nicht steuern oder vermeiden, sondern ist zunächst mal dem überlassen, der schreibt.
Und schreibt einer über dieses Thema, können Rezensionen kaum ausbleiben.

"Selbstmorde, ... benutzen Sie nicht das Wort: Freitod!"
Ich hatte das Wort "Freitod" gar nicht genutzt, oder? Ich würde aber sagen, dass man z.B. bei Jean Améry und Levé durchaus von Freitod als Ergebnis einer langen Abwägung sprechen kann, unter der Voraussetzung, dass Mensch als gesellschaftliches Wesen grundsätzlich immer irgendwie "fehlbar" ist und damit auch seine Entscheidung, so frei und relativ umsichtig sie auch getroffen wurde.

Ich will hier übrigens nicht dem Suizid das Wort reden.
Jeder Suizid ist eine bedauerliche Angelegenheit, meist wohl eine Fehlentscheidung, unumkehrbar und hinterlässt Wunden, die u.a auch zu Nachahmungen führen, z.B. später bei den eigenen Kindern, die das Leid danach tragen und Suizid als mögliche "Lösung" vom Elternteil "gelernt" haben.

Viel zu heikel für ein paar magere Zeilen

Noch weiss man wenig über das Buch, ein kleiner Artikel in der ZEIT kann keine Analyse oder Rezension in Bewegung setzen, um den Autor und das Buch sowie die Umstände seines Suizids beurteilen zu können, muss man einfach viel mehr wissen, also recherchieren. Deshalb ist jede Aussage und sei sie noch so gut oder kritisch gemeint, immer eine Spekulation und wird diesem Geschehnis niemals gerecht. Es kommt mir auch merkwürdig, ja fragwürdig vor, dass die ZEIT wie ein Boulevardblatt ohne detaillierte Informationen zu geben, mit diesem Aufmacher ein spärliches Textmanuskript veröffentlicht. Natürlich weiss der kundige Leser über Jean Amery Bescheid und kann noch mehr Namen nennen, die künstlerisch tätig waren und dann den Freitod wählten, aber auch das ist reisserisch. Man muss sich allerdings fragen, wie das auf Menschen wirkt, die sich stets auf der dünnen roten Linie bewegen und auf andere, die sich bislang gar nicht mit dem Thema beschäftigt haben und all diejenigen pauschal verurteilen, die entweder schon im Grab sind oder durch Äusserungen über die Thematik auffällig geworden sind. Es ist gerade mal zwei Wochen her, dass sich ein Teenager auf Grund von Cybermobbing nach einem youtube-Auftritt das Leben genommen hat, auch in diesem Fall muss man sich fragen, wie das auf andere Mobbinggeschädigte wirkt.
Ich werde wie immer genauestens recherchieren, um mir ein Urteil leisten zu können.
Und das wäre der ZEIT-Redaktion auch zu empfehlen.

Das ist aber...

... ein höchst merkwürdiger Einwand. Wir sprechen doch hier über Literatur. Und weil das so ist, kann die Recherche doch nur darin betsehen, das Buch zu lesen, das nicht die Zeit, sondern der Verlag Matthes & Seitz publiziert hat. Diese Rechercheleistung, die genaue Lektüre des Buches nämlich, hat Peter Henning erbracht. Auf dieser Basis hat er einen wunderbaren Text über ein offensichtlich bemerkenswertes Buch geschrieben. Was wollen Sie mehr?