Mitt Romney nach der dritten Fernsehdebatte mit Barack Obama © Saul Loeb/AFP

ZEIT ONLINE: Mr Hayes, Sie sprechen von den nuller Jahren als ein gescheitertes Jahrzehnt. Weshalb das?

Chris Hayes: Sie brachten eine wahre Kaskade institutionellen Versagens mit sich. Da war der Enron-Skandal , 9/11, das Scheitern der Katastrophenprävention im Fall Katrina, der Irakkrieg, die Finanzkrise 2008 und die darauffolgende Rezession. Von 1999 bis 2010 fiel das reale mittlere Haushaltseinkommen um 7 Prozent. Nicht zuletzt hat dieses Scheitern auf allen Ebenen dazu geführt, dass das Vertrauen in Institutionen erodiert ist. Studien zeigen, dass das Vertrauen in die Politik in den USA nie geringer war als heute – nicht einmal zu Zeiten von Vietnam und Watergate. Und die Zuspruchsraten für große Unternehmen, Banken, Gewerkschaften und Medien sehen kaum besser aus.

ZEIT ONLINE: Obama hat daran nichts geändert?

Hayes:Obamas Erfolg war in gewisser Hinsicht ein Resultat dieses Scheiterns . Er ist mit dem Anspruch aufgetreten, Dinge zu verändern und das hat viele Leute angesprochen. Aber nötige, grundlegende Reformen der Institutionen hat er nicht vollzogen. Die gegen Bush eingestellten Eliten haben sich schlicht an die Stelle der alten gesetzt. Die wirklichen Gründe des institutionellen Versagens ist Obama nicht angegangen.

ZEIT ONLINE: Was sind diese wirklichen Gründe?

Hayes: Hier muss man zwischen Grund und Ursache unterscheiden. Die Ursachen für Enron , den Irakkrieg, das Desaster von New Orleans sind äußerst divers. Der Grund aber ist das Scheitern der Elitenkultur in den USA, die auf dem Gedanken der Meritokratie aufgebaut ist.

ZEIT ONLINE: Wie ist das zu verstehen? Meritokratie, die ausschließlich auf Leistung und nicht etwa auf Herkunft aufbaut, scheint doch eine gute Idee zu sein.

Hayes: Das ist sie zunächst auch, weil sie es ermöglicht, die geeignetsten Menschen für eine Position zu finden, ohne etwa Rücksicht auf Rasse und Geschlecht. Obama ist die Krönung dieser Idee der Meritokratie. Andererseits ist ein System, das Leistung honoriert, auch dafür anfällig, dass Betrug belohnt wird.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hayes: Damit meine ich ganz konkret, dass eben sehr viel betrogen wird. Im Profisport etwa geht nichts mehr ohne Doping. Beim Enron-Skandal konnte man sehen, wie weit Wirtschaftseliten gehen, um ihren Profit, ihre Leistung zu maximieren. Da wurden Kraftwerke abgeschaltet, um Strompreise nach oben zu treiben. Ähnlich geht es beim aktuellen Libor-Skandal darum, dass Zinssätze manipuliert wurden.

ZEIT ONLINE: Spielen auch elitäre Netzwerke eine Rolle bei dieser Form des Betrugs?

Hayes: Sicher. Die Eliten von heute wirken der Idee einer reinen Meritokratie entgegen, indem sie alles dafür tun, ihre Privilegien für sich, ihre Nachkommen und ihr Netzwerk zu sichern. Das sieht man etwa ganz klar am System unserer Eliteuniversitäten. Bei der Zulassung sind Beziehungen, nicht Leistung, sehr wichtige Faktoren geworden. Darüber hinaus wird der Zulassungsprozess durch teure Vorbereitungsschulen, Prep-Schools, verzerrt, die sich nur die Reichen leisten können. Möglich ist das alles, weil wir Amerikaner einen fast religiösen Glauben an das Prinzip der Meritokratie haben.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Hayes: Es gibt das, was ich den "Kult der Smartness" nenne. Jeder möchte um jeden Preis der Schlauste im Raum sein. Leider ist das eine sehr verkürzte Form von Intelligenz, die sehr destruktiv sein kann und eben auf gewitzte Betrüger genauso zutrifft wie auf Menschen, die tatsächlich außergewöhnlich produktive Dinge leisten. Urteilskraft, Empathie und ethische Stringenz werden dagegen weniger honoriert.