John Jeremiah SullivanAus Disney World gibt's kein Entkommen

In der Reportagesammlung "Pulphead" beschreibt John J. Sullivan nicht nur sein Land, sondern immer wieder sich selbst. Und erschafft gerade dadurch großartige Essays. von 

Neutraler Journalismus ist eine Fiktion. Beobachter haben Meinungen, die selbstverständlich das beeinflussen, was sie wie beobachten. Reportagen machen sich diese Subjektivität zunutze, der Leser soll durch die Augen des Reporters auf das Geschehen blicken. Zum Thema aber machen sich Reportagen diese Einflüsse meist nicht: Der Berichtende bleibt entrückt und im Dunkel, das Ich ist verpönt.

Der amerikanische Journalist John Jeremiah Sullivan (Jahrgang 1974) verwendet das Ich in praktisch all seinen Reportagen. Insgesamt fünfzehn davon, erschienen zwischen 1999 und 2011 in verschiedenen Magazinen, versammelt sein Buch Pulphead , das nun auf Deutsch erschienen ist. Es sind Reisen durch Amerika , in denen er sein Land und seine Gesellschaft beobachtet und dabei immer auch sich selbst. In jedem der Texte spielt auch er eine Rolle.

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Sullivans Berichte wirken eher, als sei er ein Blogger, der im Netz eine Art Tagebuch veröffentlicht. Er schreibt all das auf, was aus einer klassischen Reportage rausfliegen würde: seine eigenen Irrtümer, seine Vorurteile, seine Abneigungen, seine Vorlieben. Sie sind Teil der Geschichten, die er erzählt. Das Ich dient ihm nicht dazu, sich selbst zu erheben, zu zeigen, wie großartig er ist. Sullivan nutzt es, um sich zu erklären, seine Fragen, seine Haltung, seine Gedanken.

Er macht aus seinem Fan-sein keinen Hehl

"Ich brauchte zwanzig Minuten, um zu verstehen, was mit unserem Gespräch nicht stimmte: Es machte mir Spaß. Normalerweise ist man angespannt, wenn man Fremde befragt, man hat Angst vor einer Blockade oder dass man vergisst, die einzige wichtige Frage zu stellen. Aber seit wir uns hingesetzt hatten, war ich völlig entspannt."

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das ist aus Der wahre Kern der Wirklichkeit, einer Begegnung mit einem Darsteller aus einer MTV-Reality-Show, deren Fan Sullivan seit Jahren ist. Er macht aus seiner Vergötterung kein Hehl, und gerade deshalb ist es ein großartiges Stück. Er schafft es, nicht nur sein Fantum zu thematisieren, sondern es auch zu reflektieren. Das gibt dem Leser die Chance, die Einflüsse zu beurteilen, denen der Autor unterliegt. Womit er letztlich auch den Gegenstand seiner Beobachtung genauer erklärt.

Wenn Sullivan sich gut unterhält, erwähnt er es, wenn er verwirrt ist oder sich langweilt, erwähnt er das ganz selbstverständlich auch: "Ich setzte mich auf den Fahrersitz und sah durch das getönte Glas zu, wie kleine Christengrüppchen vorbeizogen. Sie sahen aus, wie Leute überall aussehen, nur heiterer und eigenständiger. Vielleicht sahen sie aber auch nur aus, wie Leute überall aussehen. Was weiß ich. Meine Pseudo-Anthropologen-Energie war aufgebraucht. Ich stieg aus und wanderte herum."

So beschreibt er in Auf diesem Rock will ich meine Kirche bauen nicht nur die Geschichte des christlichen Rockfestivals, das er besucht. Er berichtet auch von seinem eigenen Glauben, von seiner "Jesus-Phase" und was in dieser Zeit mit ihm passierte.

Leserkommentare
    • anchusa
    • 03. Oktober 2012 16:24 Uhr

    Danke für die Empfehlung! Einige seiner Artikel sind (im Original) bei den entsprechenden Zeitschriften im Internet frei zugänglich. Ein guter Ausgangspunkt ist
    http://longform.org/author/john-jeremiah-sullivan/.

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