Roman "Wendelins Traum": Die Erde ist nur ein Experiment
Ein ehemaliger Pharmaforscher erzählt in einem Roman vom Leben eines Priesters zwischen Glauben und Liebe. Eine gelungene Parabel über die Freiheit

Auf der Intensivstation einer Klinik liegt ein älterer Mann im Koma, ein Priester. Er ist bei einem Autounfall schwer verletzt worden und schwebt seit einem Jahr zwischen Leben und Tod. Einer der Ärzte möchte die lebenserhaltenden Maschinen abstellen. "Warten wir noch ein paar Tage", sagt ein älterer Kollege. "Aber worauf?" fragt sein jüngerer Kollege. "Auf ein Wunder."
So prosaisch beginnt der Roman Wendelins Traum des 78-jährigen Molekularbiologen und Mediziners Jürgen Drews, eines jungen Autors im fortgeschrittenen Alter, der früher einmal die Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines weltweiten Pharmakonzerns leitete. Sein Buch erzählt die Geschichte einstiger Klassenkameraden, deren Leben sie in sehr verschiedene Richtungen treibt. Es ist auch seine eigene.
Und doch ist dieser stark autobiografisch gefärbte Roman, erschienen in einem Kleinverlag, weit mehr als bessere Hobbyliteratur. Der Autor führt den Leser zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Neuaufbruchs unmittelbar danach im geteilten, zerbombten Deutschland, seine eigene Jugend, bis hin zur deutschen Wiedervereinigung. Er schildert die Brüche im Leben vor allem seiner Hauptfigur, eines "ganz normalen Jungen", der – von seiner Mutter katholisch geprägt – früh beschließt, Priester zu werden. Weil er nach dem Tod eines Spielkameraden und seines Vaters, der kurz vor Kriegsende fällt, herausfinden möchte, ob es ein Leben danach gibt, und er dann seinen Vater und seinen Kinderfreund wiedersehen wird.
Doch der Heranwachsende gerät in Konflikt mit sich selbst. Er verbliebt sich in die Schwester eines Schulfreunds. Unausweichlich kommt die Entscheidung seines Lebens auf ihn zu: für die Liebe oder für die Kirche. Er entscheidet sich am Ende für ein Dasein als einfacher Pfarrer in der DDR, mit aller Bedrängnis, die das unter dem atheistischen SED-Regime mit sich bringt.
Gespräche mit Augustinus Seele
"Mich hat interessiert, was einen Jungen dazu bewegt, sein volles Leben aufzugeben und unbedingt Priester werden zu wollen", sagt Drews auf der Terrasse seines Hauses im Tessin, wo er hoch über dem Luganer See mit seiner Frau einen Teil des Jahres verbringt. Er nennt sich selbst einen Agnostiker. Mit christlichem Glauben, gar der Kirche habe er nie etwas am Hut gehabt. Sein Leben hat er damit verbracht, den Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen, Wirkstoffe und Medikamente gegen schwere Krankheiten zu entwickeln und sie zu vermarkten. Er bewegte sich in der Welt der Kliniken und Labors, auf wissenschaftlichen Tagungen und als Manager im Flugzeug rund um die Welt, nicht in Gottesdiensten. Und doch ließ ihn diese Frage nicht los, seit er vom Tod des früheren Mitschülers erfuhr: Gibt es hinter der Welt, die wir wissenschaftlich erfassen können, noch etwas anderes?
Und so erzählt er in seinem Roman nicht nur vom wechselvollen Leben des Protagonisten, den es wirklich gab. So wie Drews in dem Buch auch eine wichtige Rolle spielt als Arzt, der mit seiner Frau, der (fiktiven) Ex-Freundin von Wendelin, in die USA geht, um dort in der Pharmaforschung Karriere zu machen. Er beschreibt auch, wie die Seele des Pfarrers vorzeitig dessen komatösen Körper verlässt und in einem erträumten Jenseits Gespräche mit den Seelen von Philosophen und Kirchenlehrern, ja sogar von Karl Marx führt, und von dort auf das irdische Leben schaut.
Mit der Seele von Augustinus spricht Wendelins Geist über das "Gute und das Böse – die Freiheit der Entscheidung", welche auch die Freiheit von Wendelin war, sich für die geliebte, zudem von ihm geschwängerte Sybille zu entscheiden statt für eine Laufbahn im Dienste Gottes und der Kirche. Die Seele von Josef von Arimathia, eines Jüngers Jesu, erzählt ihm, wie er den Gekreuzigten nach dessen vermeintlichen Tod in sein Grab bettete, um dann festzustellen, dass der doch nicht tot war, sondern ebenfalls in einer Art Koma, aus dem er nach einigen Tagen "wiederauferstand". Und mit der Marx-Seele unterhält sich Wendelins Seele darüber, ob es so etwas wie ein "Gottes-Gen" gibt, eine Veranlagung, die es dem Menschen ermöglicht, über sein Leben hinaus zu denken.





Man kann natürlich alles ein Experiment nennen, aber was ist daran allein interessant?
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