Literaturmuseum MarbachDas Schreiben als Lebensrettung

Die Ausstellung "Kassiber. Verbotenes Schreiben" zeigt Dokumente, die von Verzweiflung und Hoffnung sprechen – und die auf aberwitzigen Pfaden ihre Adressaten fanden. von 

Kassiberschleudern

Kassiberschleudern des Gefangenen Wilhelm Wolf, aus der Festungsstrafanstalt Hohenasperg, 1933, und zum Blasrohr umfunktionierter Besenstil aus der JVA Stuttgart-Stammheim, 1995.  |  © Chris Korner/DLA-Marbach

Welches Reden und Schreiben bringt brutalster äußerer Zwang hervor, der jegliches Reden und Schreiben eigentlich unterdrücken will? Welche Gedanken können mitgeteilt werden, wenn der Erlebensraum zusammenschrumpft auf wenige Quadratmeter und die Türen in die Welt verschlossen sind? Wie viel Not und Angst und auch Liebe haben Platz etwa auf dem Boden eines kleinen Pappbechers, der seinen Weg auf unwahrscheinlichste Weise aus den Mauern hinaus findet in die verlorene Freiheit: "Liebste, Geliebte, mein alles Du! Jetzt haben wir uns ½ Jahr nicht gesehen", steht versteckt in kleinster Schrift auf solch einer Pappverpackung. Gerichtet sind die Zeilen des Offiziers Hans von Dohnanyi an seine Ehefrau Christine. Der Kassiber konnte im Februar 1945 herausgeschmuggelt werden aus dem Gestapo-Hauptgefängnis, wo Dohnanyi, angeklagt wegen Hochverrats, gefangen gehalten wurde. Kurze Zeit später tötete man ihn als einen der Verschwörer des 20. Juli wenige Tage vor Kriegsende.

Dieses Zeugnis einer unbeugsamen Hingabe und des Widerstands kann man nun in einer neuen Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne sehen. Ein wenig muss man sich hinabbeugen, hineinlugen in kleine Fenster, die Einblick gewähren in die ansonsten schwarz gehaltenen Vitrinen. Kassiber. Verbotenes Schreiben heißt die Schau, entwickelt von Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter. Sie versammelt Dokumente, die von Verzweiflung ebenso sprechen wie von Hoffnung – und die auf aberwitzigen Pfaden ihre Adressaten gefunden haben. Schriftstücke, die zuweilen das Unglück des Gefangenseins erträglicher machen sollten, die manchmal literarische Ausbruchsversuche darstellen, nicht selten aber auch Notrufe sind, die Buchstabe um Buchstabe Gefängnismauern durchdringen wollten.

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So schreibt von Dohnanyi in jenem Frühjahr 1945: "Zeitgewinn ist die einzige Lösung. Ich muss sehen vernehmungsunfähig zu werden. Am besten wäre es, wenn ich eine solide Ruhr bekommen könnte. Eine Kultur müsste im Kochschen Institut für ärztliche Zwecke zu haben sein." Die Krankheitserreger sollten per Lebensmittel in die Zelle gelangen.

Solche Zeilen sind bewegend. Und es ist erstaunlich, dass sie überhaupt ihren Empfänger erreicht haben. Betrachtet man die Exponate, die in Marbach versammelt sind, kommen einem unweigerlich all jene Texte in den Sinn, die vielleicht nicht hinausgefunden haben, entdeckt worden oder einfach verloren gegangen sind. In den verknappten, oft auf das Notwendigste reduzierten, deshalb schmerzhaft präzisen (oder auch verschlüsselten) Botschaften liest man stets den Druck mit, unter dem sie geschrieben wurden. Nicht selten sind sie verfasst in größter Not – "im Angesicht des Todes lügt man nicht", schreibt ein Gefangener, und vermutlich gilt das für alle Verfasser, auch wenn sie noch so große Finten anwenden und sich tarnen und Masken aufsetzen, um Zensoren oder Wärter zu täuschen.

Postkarte vom 06. August 1968: Gudrun Ensslin schreibt aus der Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim an Bernward Vesper.

Postkarte vom 06. August 1968: Gudrun Ensslin schreibt aus der Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim an Bernward Vesper.  |  © Chris Korner/DLA-Marbach

Die Ausstellungsmacher unterscheiden dabei nicht zwischen verschiedenen totalitären Systemen oder politischen Haltungen der Autoren. Wir finden Schriftstücke von Ulrike Meinhof neben solchen von Carl Schmitt, Paul Celan in der Nachbarschaft von Ernst von Salomon. Es wird nicht nur in die Lager und Zuchthäuser des 20. Jahrhunderts geblickt, sondern es geht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Eine Urszene politischer Haft steht am Anfang der Schau: Christian Friedrich Daniel Schubart ist auf dem Hohenasperg inhaftiert. Er hatte sich erlaubt, öffentlich den württembergischen Herzog Carl Eugen zu kritisieren.

Im Jahr 1777 kommt er ins Gefängnis, vier Jahre lang darf er keine Zeile verfassen, wird isoliert. Als er schließlich in eine Zelle mit Fenster verlegt wird und an Papier gelangt, das er unter Dielen versteckt, schreibt er statt mit der Feder mit einer Kleiderschnalle oder seiner Gabel. „Ich zählte nicht mehr Tage, sondern Stunden, und hörte oft Minuten auftreten, so leise wurde mein Gehör für die Zeit.“ Später gelingt es auf verschiedenen Wegen, Gedichte aus dem Kerker zu bringen. Sie wurden sogar veröffentlicht, und auch der Herzog verdiente daran seinen Teil. Schubart kam 1787 frei, 48 Jahre alt. 1791 starb er.

Dass auch das 21. Jahrhundert, in dem man sich zuweilen in einer virtuellen Wunderwelt glaubt, diese Form politischer Unterdrückung kennt, zeigt eine vom PEN eingerichtete Abteilung der Ausstellung. Liao Yiwu, in diesem Jahr ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und seit letztem Jahr im deutschen Exil, saß vier Jahre lang in einem chinesischen Lager. Sein eindrucksvoller Bericht über die Zeit als Gefangener Für ein Lied und hundert Lieder hatte er mehrmals von Neuem schreiben müssen, weil es immer wieder beschlagnahmt worden war.

Zwischen Schubart und Liao Yiwu liegt eine ganze Geschichte verbotenen Schreibens. Ob Josef Süß Oppenheimer einen Kassiber seinem Pflichtanwalt zusteckt und besorgt fragt: "Sagen Sie mir umb gottes Willen, ist mein Sach so gefährlich aufs Leben?" Oder Gertrud Kolmar ihre eigenen Gedichte als Übersetzungen aus dem Englischen tarnt, um sie vielleicht doch im nationalsozialistischen Deutschland veröffentlichen zu können. Ob Inge Scholl aus der Zelle an ihren Vater schreibt oder Gudrun Ensslin an Bernward Vesper. Ob de Sade oder Dostojewski ihre literarischen Texte und Erfahrungen auf wertvollem, weil knappem Schreibmaterial niederlegen, teils – wie Ezra Pound – sogar auf Toilettenpapier. Oder ob Julij Daniels Sohn bei einem zehntägigen Besuch den Bericht des Vaters aus dem Gulag auswendig lernt und so – Wort für Wort memorierend – nach draußen trägt.

Es sind unterschiedlichste Entstehungsbedingungen, aber alle Texte eint eine innere Notwendigkeit und existenzielle Dringlichkeit. Die Autoren empfinden „die Macht der Sprache als dynamische Energie“, wie Helga und Ulrich Raulff in ihrem Vorwort zum Katalog anmerken. Sich dessen bewusst, steht man gebannt vor den Notizbüchern, Zetteln, Papierfetzen, die unter kaum vorstellbaren Bedingungen geschaffen wurden. Keine Kunst ist das, sondern Schreiben als Überlebenstechnik. Die Schriftstücke zeugen von der Würde, die selbst die menschenunwürdigste Behandlung nicht zu zerstören imstande ist.

"Kassiber. Verbotenes Schreiben." Ausstellung Literaturmuseum der Moderne. 27. September 2012 bis 27. Januar 2013. Katalog 28 Euro.

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Leserkommentare
    • ASI99
    • 23. Oktober 2012 16:17 Uhr

    Mir ist es schwer erträglich den Namen von Inge Scholl( von der es ja nur eine Hand Breit weg ist, bis zu ihren Geschwistern Hans und Sopie Scholl) und Gudrun Ensslin in einem Satz zu lesen. Der Artikel versucht an keiner Stelle hier zu differnzieren: Inhaftierung ist ein schreckliches Los. Das wird einem jedem bewußt sein. Doch m.E. ist es schlicht respecktlos dem Menschen gegenüber, wenn hier nicht unterschieden wird: Inhaftierung in einem Rechtsstaat oder das grauenhafte Schicksal von unzähligen politisch Gefangenen in einem totalitären System. Das Inge Scholl seinerzeit mit dem Leben davon gekommen ist, bessert die Situation nicht. Wenn Literatur oder ein Artikel darüber hier solches ausspart, so kann das doch kein Zufall sein - oder?

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Carl Schmitt | Gudrun Ensslin | Paul Celan | Ulrike Meinhof | Gulag | Sade
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