Wer bei ihm Eindeutigkeiten, Gut oder Böse sucht, hat keinen Erfolg. Noch im letzten Moment seines großen Romans Die Knoblauchrevolte stürzt der Held zu Boden auf den Schnee. Vielleicht ist er nur ausgerutscht, vielleicht hat ihn gerade der Wächter des Arbeitslagers erschossen. Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass die Hauptfigur bis zum Schluss auf Rache sinnt.

Zur Ruhe kommen Mo Yans Helden nie. Sie sind auch keine Identifikationsfiguren. Es sind Leute, die keine andere Wahl haben: Sie müssen China ertragen. Dabei verlieren sie meist die Sinne.

In dem Roman Schnapsstadt flüchten sie in den Alkohol, der zur Chiffre für die Gedanken- und Besinnungslosigkeit der modernen chinesischen Gesellschaft wird. Lieber als über Mos fatale Orgien zu lesen, geht man gut chinesisch essen. Aber je länger man Mo liest, desto mehr ahnt man, wie sehr die Chinesen kämpfen müssen, um anständige Menschen zu bleiben. Das liegt laut Mo nicht nur an der brutalen konfuzianisch-kommunistischen Obrigkeit, die in seinen Romanen foltert und mordet, sondern immer auch an der Fehlerhaftigkeit seiner Helden. "Wer seine Werke ins Herz aufnimmt", bloggte jetzt der bekannte Pekinger Kulturkritiker Pan Caifu zur Literatur-Nobelpreisverleihung an Mo, "ist tief beeindruckt von seiner Fantasie und einem Denken, das sich stets gegen die Zustände aufbäumt."

Damit aber stand der liberale Pan ziemlich allein in den heftigen Debatten, die seit der Bekanntgabe des Preises im chinesischen Internet tobten. Denn das freigeistige chinesische Publikum sah sich betrogen. Was wäre bloß mit den Schweden los, wurde da gefragt, wie könnten sie einem Schmeichler den Nobelpreis verleihen? Mo hätte einmal ein Mao-Gedicht abgeschrieben und auf diese Art und Weise verklärt. Andere ziehen ihn für seine staatstragende Rolle als Vize-Präsident des offiziellen chinesischen Schriftsteller-Verbandes . Wobei man den meisten Schreibern anmerkte, dass sie Mos Werke gar nicht mehr kannten. Am bekanntesten war Mo in China Ende der neunziger Jahre – vor dem großen Internetboom. Seine Kritiker heute verurteilen ihn deshalb aus politischen Gründen: Sie werfen ihm Nähe zur Kommunistischen Partei vor.

Ähnlich abgehoben von seinem literarischen Werk reagierte umgekehrt das staatstragende Partei-China. Es feierte sich selbst, statt den Autor. Der Nobelpreis für Mo beweise, dass "China stark geworden sei und an Einfluss in der Welt dazugewonnen habe", sagte He Jianming, der wie Mo Vize-Vorsitzender des Schriftstellerverbandes ist. Seine Auszeichnung sei auch eine Anerkennung aller chinesischen Schriftsteller. Ähnlich äußerte sich auch der Preisträger selbst: "Die Auszeichnung besagt wenig. In China gibt es viele hervorragende Schriftsteller. Auch ihre Werke könnten von der ganzen Welt anerkannt werden", sagte Mo gegenüber China Business News .

Mos Aussage trifft den Kern seiner Haltung. Er musste Jahrzehnte gegen Kritiker in China und dem Westen anrennen, die aus ideologischen Gründen davon ausgingen, dass gute Literatur im China der Kommunistischen Partei unmöglich sei. Mo aber schrieb seine Romane und behauptete stets das Gegenteil. Nur tat er es meist nicht öffentlich. Zweimal hatte ich schon vor Jahren versucht, ihn in diese Richtung für die ZEIT zu interviewen. Zweimal war ich gescheitert. "Im Alltagsleben bin ich ein Feigling. Nur beim Schreiben bin ich tapfer, mutig und lüstern", vertraute Mo einmal der Wochenzeitung Nanfangzhoumo ( Südliches Wochenende ) an.

Meist nur vom tapferen Schreiben aber kennen Mo solche Schriftsteller-Kollegen wie Oe Kenzaburo und Martin Walser , die jetzt seine Auszeichnung mit Überschwang feierten. Daran lässt sich auch ablesen, in welche Generation von Schriftstellern Mo trotz seines noch relativ jungen Alters von 56 Jahren gehört. Er ist schließlich auch einer der großen Aufarbeiter der chinesischen Geschichte mit ihren vielen grausamen Momenten. Dabei traut er in Kriegsszenen Chinesen und Japanern ganz ähnliche Schandtaten zu. Auch das zeichnet ihn aus.

Er selbst wird sich über den Nobelpreis freuen, auch wenn er es jetzt nicht zugibt. "Es wäre heuchlerisch zu sagen, dass ich den Nobelpreis nicht erhalten will. Was ist schon verkehrt, wenn man sich eine Million Dollar auf anständige Weise verdient? Aber wie schaffe ich das? Kennen Sie ein Rezept?" fragte er im gleichen Interview mit Nanfangzhoumo aus dem Jahr 2006. Da bereitete er gerade seinen jüngsten Roman über eine Dorfärztin vor, die ihr Leben lang Abtreibungen vornehmen musste. Das Buch erschien 2009. Es ist ein bewegendes Werk über den Massenmord an Chinas ungeborenen Mädchen und zeigt einmal mehr, wie viel Mo unter der KP schreiben kann und darf. Was viel mit seinen Uneindeutigkeiten und zwiegespaltenen Helden zu tun hat. Auf seine Art hat Mo nicht nur einen Weg gefunden, vor der chinesischen Zensur zu fliehen oder sie heimlich zu umgehen, sondern sich ihr im eigenen Land vor der Öffentlichkeit zu stellen. Sonst hätte er den Nobelpreis nicht bekommen. Schmeicheln wäre aufgefallen. Gerade deshalb aber hat er sich den Preis umso mehr verdient.