Rowling und Grass: Ist das Literatur? Oder kann das weg?
Fluch der Popularität: Schriftsteller wie Günter Grass oder J. K. Rowling wollen mit ihren Werken die Welt verändern. Und scheitern an sich selbst.
Es ist durchaus ehrenwert für eine Autorin, noch dazu für die derzeit weltberühmteste, ihren Namen für eine gute Sache einzusetzen und den Stummen eine Stimme zu geben, deren Schicksal auf großer Bühne mit maximaler Aufmerksamkeit zu verhandeln, in ein unterhaltsames Gewand zu kleiden und so einem großen Publikum zugänglich zu machen, auf dass ein Diskurs entstehe, der die Menschen, womöglich die, die gemeint sind, zum Umdenken bewege, und sich die Welt zum Besseren wende.
Ein gutes Anliegen allein macht aber keinen guten Roman. Ein plötzlicher Todesfall von J.K. Rowling ist keine große Literatur, nicht einmal "ziemlich große", wie Jens Jessen in der ZEIT schreibt, bloß weil darin aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen – die Verelendung der Armen, die Wagenburgmentalität des Mittelstandes aus Angst vor sozialem Abstieg, die Aufkündigung der Solidarität etc. – mit vermeintlich scharfen Worten verhandelt werden.
Die Schöpferin von Harry Potter erzählt in ihrem ersten Roman für Erwachsene am Beispiel des fiktiven englischen Dorfes Pagford vom Untergang des Gemeinwesens – und gleichsam parabelhaft von der Erosion des Sozialstaates in Europa. Im Mittelpunkt steht ein toter Gutmensch, der, damit das auch dem einfältigen Leser gleich klar wird, Fairbrother heißt und nach drei Seiten an einem Aneurysma stirbt. Er war Mitglied des Ortsrates und hat sich zeitlebens für die Bewohner der nahe gelegenen Sozialsiedlung Fields eingesetzt. Mit seinem plötzlichen Tod gerät das politische Gleichgewicht ins Wanken. Unter den Bürgern entbrennt ein Machtkampf um den frei gewordenen Posten, und dabei offenbart sich, dass sie schlechter sind, als die, die sie mit all ihrer Macht loswerden wollen.
Rowling ist nicht Dickens
Es mag ja sein, dass Rowlings Roman von "echtem Hass" motiviert ist, Hass, den sie selbst gespürt hat in den siebziger Jahren als Kind, als Jugendliche im westenglischen Tutshill, mit einer an Multiple Sklerose erkranken Mutter und einem schwierigen Vater, als Fremde, als Zugezogene in einem Dorf, Hass auf die Bourgeoisie und deren Bigotterie, auf das globale Zusammenhänge ausblendende Provinzdenken, doch auch echter Hass braucht Stil, um sich voll entfalten zu können.
ist Jahrgang 1974 und wurde in Leer geboren. Sein Romandebüt Gegen die Welt stand im vergangenen Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. In diesem Jahr erhielt er den Nicolas-Born-Debütpreis. Jan Brandt lebt in Berlin.
Jessen schreibt, anders als Charles Dickens oder William Makepeace Thackeray, die klassischen Sozialkritiker der englischen Literatur, arbeite Rowling an keiner Poesie des Elends, sondern an seiner Faktizität. Es geht Rowling aber nicht um Faktizität, um die nackte Darstellung von Kleinbürgertum und Ignoranz, Armut, Vernachlässigung und Bedürftigkeit, dafür ist ihre Prosa nicht schlicht genug. Es geht ihr darum, den Leser zu manipulieren, ihm durch Wertung ihre Sichtweise aufzudrängen, und das ist auch der Grund, weshalb ihr Personal über die gesamten 572 Seiten des Buches hinweg kein Eigenleben entwickeln kann.
Dank ihres Namens landete J. K. Rowling mit ihrem achten Roman von null auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Sie wollte sich selbst beweisen, dass sie über ihre Kinderbücher hinaus die hohe Kunst der Gesellschaftskritik beherrscht. Sie scheitert – und das überrascht dann doch bei einer derart erfahrenen Autorin – aus handwerklichen Gründen. Und damit scheitert auch ihr Weltverbesserungsprojekt. Schlechter Stil entwertet jede Botschaft.
Es ist unwahrscheinlich, dass Rowling mit ihrem jüngsten Roman die gleiche Wirkung erzielt wie Dickens Mitte des 19. Jahrhunderts. Oliver Twist, David Copperfield oder Große Erwartungen mit ihren schonungslosen Schilderungen der alltäglichen Brutalität, der Armut, des Hungers, der Kinderarbeit, der Ausbeutung der Massen waren eine wütende Anklage gegen das Viktorianische England. Dickens gelang, wovon viele sozialkritische Schriftsteller von heute träumen; seine Bücher veränderten tatsächlich die Welt: Sie führten dazu, dass der von ihm beschriebene Slum Jacob’s Island in Bermondsey, südlich der Themse, geräumt wurde.





Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk
auch andere Künstler (Musiker, Schauspieler) nutzen gerne ihre Popularität, um uns ihre Sicht der Welt nahe zu bringen. Dabei haben sie nicht mehr zu sagen, als jeder von uns. Ihrer Wirkung können sie sich aber sicher sein.
Ein Künstler hat nicht unbedingt einen schärferen Blick auf die Welt. Die wirklich guten nehmen unterschwellige Strömungen wahr, die noch nicht an der Oberfläche und für jedermann sichtbar sind. Kafka wurde als Beispiel im Artikel genannt. Er hat sich aber nicht hingestellt und über den schlimmer WK I geschrieben oder sich über den für jedermann sichtbaren Niedergang der Habsburger Monarchie ergossen.
Kein Künstler kann die Welt verändern! Auch kein Dickens! Ich weiß nicht warum diese Slums in London wirklich geräumt wurden aber sicher nicht wegen eines Schriftstellers! Die Roma-Siedlungen in Rumänien und Frankreich werden auch nicht wegen einer Dichtung geräumt sondern weil diese Menschen anderen zur Last fallen. So etwas nennt man Vertreibung.
Goethe schrieb sich den Frust von der Seele, der sich aufbaute, als er Un-Recht sprechen mußte.
Wenn ein Buch oder ein Werk aber viele Menschen genügend beeindruckt, können diese Menschen durchaus etwas bewirken. Dann bündelt eine Kombination von Texten bereits vorhandene Energien, die Evangelien sind ein schönes Beispiel dafür, aber auch Dickens oder vielleicht sogar Brecht. So etwas nennt man Manipulation (Brecht stand dazu!). Das kann bei den genannten genausogut stattfinden wie bei Karl May, Henning Mankell oder bei Rowling. Wer weiß, vielleicht ist der gar so stillose Haß von Rowling der Ausdruck unserer Zeit und in 200 Jahren wird dieses Buch Pflichtlektüre in britischen Schulen sein. Saramagos "Die Höhle", wie der Originaltitel lautet, hat mich übrigens bitter enttäuscht.
Goethe hat die Welt verändert !!!
er hat durch sein Buch(Der junge Werther) eine große Welle Freitot ausgelöst
Goethe hat die Welt verändert !!!
er hat durch sein Buch(Der junge Werther) eine große Welle Freitot ausgelöst
Interessant finde ich Brandt's letze Sätze:
"Wahrhaft große Literatur braucht keine message. Wahrhaft große Literatur braucht nicht einmal einen Inhalt. Ulysses, Joyces Jahrhundertroman, handelt von einem Mann, der durch Dublin läuft und sich ein Stück Zitronenseife kauft. Und der war seinerzeit so sozialkritisch, dass er in Großbritannien verboten wurde."
Interessant, weil das Beispiel, welches er heranzieht, keineswegs ohne Message "auskommt". Joyce hat zahlreiche Botschaften in Dedalus' Dublin-Tag verpackt. Zu behaupten, Ulysses habe "keinen" Inhalt, ist schon einigermassen erstaunlich, und zwar angesichts der Erzähldichte und der zahlreichen Einzelschicksalverwebungen (samt Botschaften darüber, beispielsweise über das Schicksal von Bloom usw.), selbstredend innerhalb des Romans.
Das Gesamtwerk von Grass auf ein Gedicht zu reduzieren, es als "Pathos" quasi zu deklassieren und damit zum Ausdruck bringen zu wollen, Grass habe keinen Einfluss mehr, reduziert die Wirkung von Literatur auf ein von Brandt ausgewähltes Analyse-Schema, welches mit Leserinnen und Lesern, welche Literatur lesen, sich von ihr anregen lassen, kontrovers oder in Übereinstimmung mit "Botschaften" von Autoren zurücklassen, nichts zu tun hat.
Die Veröffentlichung des israelkritischen Gedichts von Grass hat im übrigen genau das
initiiert, was Grass wollte: einen Diskurs über den Inhalt israelischer Gewaltpolitik.
Brandt hat Recht, obwohl ich es höllisch schwierig finde, die tatsächlich existierenden Qualitätsunterschiede heraus zu filtern.
Die eindimensionale Literatur hat durchaus ihre Leser, die sich wohl damit begnügen, die Meinung, die Aussage und ihre Tendenz zu verstehen, und runterzuschlucken.
Kollateralschaden ist (wie Brandt sagt) die Leblosigkeit der Figuren. Sie dürfen nur "posen" oder "Auskunft erteilen".
Was ist die bessere, die große Literatur?! Das Gegenteil vom Negativen?! Das wird nicht reichen...
Ich werf mal ein paar Stichworte in die Luft:
Reichhaltigkeit
Überraschungen
seltene Stimmungen und Emotionen
Stärke
Entdeckungen in der Banalität
Liebe und Hass
Nüchternheit
Unsichtbarkeit des Autors
und mir ist das ganze Zeug auf dem Schoß gelandet. Ich habe es gedreht, gewendet, geknetet und gefiltert, und als ich mich zur endlosen Bücherwand hinter mir drehte, waren plötzlich alle Bücher grau. Außer ganz wenige Ausnahmen. Das dickste zog ich heraus: Robert Hughes - "Denn ich bin nichts, wenn ich nicht lästern darf". Das meine ich auch. Aber dieses, Gnädigste, dürfte Ihnen wohl bekannt sein.
und mir ist das ganze Zeug auf dem Schoß gelandet. Ich habe es gedreht, gewendet, geknetet und gefiltert, und als ich mich zur endlosen Bücherwand hinter mir drehte, waren plötzlich alle Bücher grau. Außer ganz wenige Ausnahmen. Das dickste zog ich heraus: Robert Hughes - "Denn ich bin nichts, wenn ich nicht lästern darf". Das meine ich auch. Aber dieses, Gnädigste, dürfte Ihnen wohl bekannt sein.
Wenn Schriftsteller die Welt bewusst verändern wollen, laufen sie Gefahr, Agitprop-Literatur zu produzieren. Die mag kurzfristig einige Leser mobilisieren, fällt dann aber schnell zusammen wie eine Seifenblase. Texte, die nur aus einem verletzten Rechtsempfinden, aus Mitleid oder gar aus ideologischen Prämissen heraus geboren werden, sind gut gemeint, aber in der Regel das Gegenteil von gut.
Deshalb werden der "unpolitische" Thomas Mann oder der resignierende Josef Roth immer weit über "Marxisten" wie Bert Brecht und Anna Seghers stehen. Das vorgebliche "Wissen" um die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft sorgt nicht automatisch für hochentwickelte Literatur.
Von Günter Grass mag man schon gar nicht mehr sprechen.
... kann und darf sie aber auch alles darstellen. alles publizierte und rezipierte muss oder kann sich nicht ueber einen gesellschaftlichen wandel erheben. es wuerde bedeuten, dass literatur durch seine aussagekraft in der lage waere, gesellschaftliche veraenderungen 'erst' herbeizufuehren -> hier laege dann ihre wirkung. sollte es diesen obig geschilderten vorgang geben, was ich bezweifel, so koennte literatur sogar 'gefaehrlich' sein, da manipulativ.
meine 'zweifel' begruenden sich darin, dass dickens durch seine werke keine veraenderungen hervorgerufen hat! wie denn auch. 'wer' hat denn in der victorianischen zeit dickens gelesen? fagin etwa? oder doch eher samuel pickwick!? aber diese gesellschaft lebte ihren status quo. was zur veraenderung von jacob's island unter anderem gefuehrt hat, war somit mitnichten die liteatur. es waren die industrialisierung, der bau der kanalisation, die bluehende wirtschaft, die zu veraenderungen im berufsleben und einkommen selbst fuehrte.
fazit: diese damalige 'aufbruchsstimmung' fehlt uns heute, um noetige veraenderungen herbei zu fuehren -> nicht notwendig sind literaten mit erhobenem zeigefinger, welche ihre persoenlichen probleme ausbreiten und meinen, damit die gesellschaft in ihrem sinne veraendern zu koennen. und ja: hierzu gehoert auch dieser ewige 'mecker-gras'... :-)
cheers
Ich würde Grass und Rowling nicht in einen Topf werfen. Grass ist der Vergangenheit gehaftet, ich unterstelle ihm einfach, dass er sich tatsächlich als "klassischen" Intellektuellen sieht, der stets die vermeintlichen oder tatsächlichen Missstände der Welt anprangert. Und das auf teils sehr unangenehme Art, mit dem erhobenen Zeigefinger. Ähnlich dem, was heute in den Massen an sogenannten Sachbüchern vorzufinden ist, sei es nun "Deutschland schafft sich ab" von Sarrazin oder "Empört Euch!" von Hessel. Solch Bücher nehmen für sich stets einen Wahrheitsanspruch ein.
Rowling hingegen, auch Murakami etwa, kritisieren zwar zuweilen, egal was man von ihnen hält, sie lassen diesen Weltverbesserer-Anspruch allerdings nicht raushängen und sind auch nicht diesem "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"-Anspruch verhaftet.
Es kann jedoch kein Mensch leugnen, dass wie auch immer geartete Literatur Einfluss auf Sichtweisen von Menschen hat, wie auch immer dieser aussieht und unabhängig davon, wie dieser von jedem persönlich bewertet wird.
Mit "kann das weg?" nimmt man für sich wie Grass, Sarrazin, Hessel in Anspruch, irgendeine vermeintlich "richtige" Wahrheit in Anspruch, tappt in eben jene Falle. Das schießt meiner Meinung nach über produktive Kritik hinaus.
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