Roman von Tilman RammstedtBruce Willis, antworten Sie endlich!

Pfützen sind die Ozeane des kleinen Mannes: Tilman Rammstedt hat einen umwerfend komischen Roman über seinen ehemaligen Bankberater geschrieben. von 

Tilman Rammstedt, Jahrgang 1975

Tilman Rammstedt, Jahrgang 1975  |  © Dumont

Manchmal erinnert uns Literatur daran, dass sie aus Fiktion besteht und in ihr geflunkert wird. Dann wird das Gebälk einer Erzählung oder eines Romans sichtbar, dann schaltet sich der Autor im eigenen Text ein und ruft uns zu, alles nur Spaß, alles erfunden. Im prüfungsrelevanten Literaturseminarwissen heißt diese Technik Metafiktion und sie hat eine lange Tradition, von Cervantes, Fielding, Ludwig Tieck , E.T.A. Hoffmann bis zu Italo Calvino und Georges Perec. Es sind oft nur kleine Hinweise auf die Künstlichkeit des Textes, die der Autor sich erlaubt, ähnlich wie Fellini, der uns im Abspann zuweilen die Rückansichten seiner Filmkulissen preisgab.

Seltener, zumal in der deutschen Gegenwartsliteratur, besteht fast ein ganzes Buch aus dem permanenten Blick ins erzählerische Räderwerk. Und noch seltener ist es so geschickt und so durchtrieben wie der aktuelle Roman des Berliner Schriftstellers und Bachmannpreisträgers Tilman Rammstedt. Das klingt dann zum Beispiel so: "Glauben Sie mir, ich kann hier jederzeit Hubschrauber anfliegen lassen. Das geht ganz leicht. Ich kann Kampftaucher schicken, Killerwelse, sogar Krokodile, auch für die gäbe es irgendeine Erklärung, die könnten ja aus dem Zoo geflohen sein und wären verdammt hungrig. Ich kann ein Unwetter heraufbeschwören, ich kann Blitze, ich kann wild herumfliegende Äste. Da sind mir nicht die Hände gebunden."

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Tilman Rammstedt schreibt das nicht direkt an den Leser, sondern an Bruce Willis , den er zu überreden versucht, in seinem neuen Roman eine tragende Rolle zu spielen, während beide sich natürlich schon mitten in diesem Roman befinden. Er heißt Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters und besteht größtenteils aus Emails des fiktiven und "seriösen" Alter-Egos des Romanautors Rammstedt (erfahren mit "unglücklichen Figuren") an den Schauspieler. Großzügig gesagt, ist es ein Briefroman: "Sehr geehrter Herr Willis, geht es Ihnen gut? Mit freundlichen Grüßen, Tilman Rammstedt." Jedoch ist eine recht einseitige Korrespondenz, die sich von da an entfaltet. So sehr Rammstedt sich ins Zeug legt, Willis antwortet kein einziges Mal. Dabei braucht er Willis' ungeduschte Manpower in brenzligen Situationen dringend, um seinen eigenen Roman zu einem "glücklichen Ende" zu führen.

Das Leben ist kein Actionfilm

Sein ehemaliger Bankberater steckt nämlich in Schwierigkeiten, seit er die eigene Bank überfallen hat, und wird – sollte Willis nicht dessen Rolle übernehmen – mit einer hässlichen Schusswunde auf der Krankenstation eines Gefängnisses landen, "und neben ihm liegt irgendein Kleindealer namens Richard, der gerne Rico genannt werden will". Rammstedts ehemaliger Bankberater ist von Abenteuern "leider schwer zu überzeugen", sein Leben ist nun einmal kein Actionfilm.

© DuMont

Das erfährt man aus vignettenhaften, typografisch abgesetzen Szenen, die zwischen den Emails stehen. Sie zeigen einen weltverlorenen Tropf, der in sonderbaren Aphorismen spricht, der "einmal fast ein großes Gefühl" gehabt habe und mit dem Straßenbild verschmelzen will, "aber das Straßenbild nicht mit ihm". Er hält Pfützen für die Ozeane des "sehr kleinen Mannes" und als solcher sagt er: "Man kann kein Tagesgeldkonto verstehen, ohne zu wissen, was ein Baum ist". Rammstedt und er zelten gemeinsam im Beraterbüro und lauschen der Klimaanlage. Als der Autor ihn fragt, wieso er nicht hinaus in die Welt gehe, antwortet er, dass er nicht wisse, wo sie beginnt.

Allein in diesen Ansichtskarten aus den gemeinsamen Begegnungen steckt so viel absurde Lakonie, dass man darüber schnell vergessen kann, wie viel sprachliche Präzision sie erfordert. Man kann gar nicht anders, als diesen Bankberater zu bemitleiden, der beim Einkaufen in den Wagen guckt, als würde er sich gern dazulegen. Und je mehr man über ihn erfährt, desto verständlicher erscheinen einem die zunehmend überspannten, fordernden und beleidigten Emails, die der Autor an Willis schreibt und ihnen sogleich entschuldigende und kleinlaute Emails hinterher schickt. Rammstedt glaubt, die Souveränität über seinen eigenen Stoff zu verlieren und fleht den Schauspieler in immer länger werdenden Nachrichten geradezu an, ihm und seinem Freund endlich zu Hilfe zu kommen.

Leserkommentare
  1. Literatur so wie der beschriebene Roman verdienen Leser-einen Leser mehr hat diese kompetente Beschreibung nun mindestens verursacht.

  2. nach dieser Rezension kann man ja gar nicht mehr anders, als in den nächsten Buchladen zu eilen und den Roman zu kaufen... ;-)

  3. ich fürchte, ich <3 Tilman Rammstedt (spätestens seit L.).
    Und viel mehr noch fürchte ich, dass ich morgen früh beim Buchhändler um Expresslieferung bitten, danach 48 Stunden lang nicht ansprechbar sein und schließlich Herrn Rammstedt heiraten müssen werde.
    Wie, der ist schon an der Ehe verzweifelt?
    Mir doch egal.

    • Riks
    • 25. Oktober 2012 17:58 Uhr

    Aber dieser um Originalität und Neu(brief)form bemühte Stil ist ja fast schon wieder obsolet, und mit Verlaub a bisserl nervig.
    Was bei Karen Duve in 'Taxi' noch süffisant und wohl dosiert war, ist bei Clemens J. Setz schon grenzwertig, bei Jan Brandt und Thomas Glavinic nicht mehr gelungen.

    Lese das Buch gerade, nett und unterhaltsam, aber meine Begeisterung hält sich dezidiert in Grenzen.

  4. Am Abend des 14. November ist sie eingetroffen: die Antwort von Bruce Willis an Tilman Rammstedt: http://tinyurl.com/b3bm2o4

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Roman | Bruce Willis | Actionfilm | Italo Calvino | Ludwig Tieck
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